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"Hannoversche Allgemeine" 1.8.95
Chaos-Tage 1995: Polizei wacht mit Argusaugen über Punks mit Plastikschwertern und Wasserpistolen
 
Wir sind die Bunten und machen hier Party

Der Punk vom Prenzlauer Berg ist vorsichtshalber schon zwei Wochen vor den angekündigten Chaos-Tagen nach Hannover gekommen. Er hat "Rotti" mitgebracht, eine stattliche Rottweilerhündin, die er allerdings lieber im Auto läßt. "Wenn ich 'n bißchen was getrunken habe, kann ich die nicht mehr halten. " Halten muß er bald noch einen Riesenschnauzer, den er sich in Hannover "abholen" will. A. ist eine zurückhaltende Abkürzung für den Namen, den er sich selber gegeben hat, ein umgangssprachliches Synonym fürs Hinterteil.

Bis das Chaos-Wochenende so richtig losgeht, will A. schon mal in Hannover die Lage erkunden. In Linden macht er es sich des Nachts an der Ihme gemütlich, schnorrt richtig höflich Pilsbiere und Zigaretten, die Nordstadt wird nach geeigneten Stellen für den "Aufbau unserer Muckerbühnen" erkundet. A. und seine Kollegen wollen nämlich zur Feier des Wochenendes Musik machen. Ihre eigene, "wir können eigentlich kaum spielen, aber wir sind eben, die Bunten und machen hier Party". A. äußert sich widersprüchlich, wenn es darum geht, wieviel Chaos am Chaos-Wochenende seitens der Punks denn so geplant ist. "Wir kommen von überall, und wir werden Tausende sein. Wir wollen die Kornstraße 'n bißchen besetzen und die ganze Nordstadt eben Von wegen Stadt in Schutt und Asche legen, ist doch völliger Quatsch." Der gemeine Hannoveraner gehört also nicht zum Feindbild der Bunten", doch A. weiß ganz genau, wer hier am Wochenende eins auf die Glocke kriegen soll": die Polizei. "Die letzten Jahre haben die uns fertiggemacht, jetzt geht's andersherum."

A. hat nicht mehr so viele Zähne im Mund, aber die blitzen. 3:0 stehe es bislang für die Grünweißen. Jetzt seien die "Bunten" am Zuge, "zwecks Punkteausgleich". Und der Punk vom Prenzlauer Berg, der in seiner Jugend offenbar nur wenig Glück gehabt hat wagt auch eine punkige Zukunftsprognose: "Wir werden immer mehr, und eines Tages gehört uns die Macht." sub

"Das wird wie ein Gewitter"

Der Punkveteran Frank R. ist "Optimist". Mit bis zu 10 000 Teilnehmern rechnet der 29jährige. "Und verantwortlich sind allein die Medien. " Sie hätten im vergangenen Jahr die "relativ harmlosen Vorfälle" so künstlich aufgebauscht, daß die Chaos-Tage nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa inzwischen Kult-Status besäßen. Außerdem kämen nicht nur Punks, auch die HipHopper, Skins und Fußball-Hooligans würden sich beteiligen. "Das wird wie ein Gewitter, es passiert einfach."

Frank R., der sich selbst als einen der Erfinder der ersten Chaos-Tage 1984 bezeichnet, ist nicht nur ein überaus gut informierter Kenner der bunten Szene er gehört zu der kleinen Gruppe von anonymen Schreibern, die seit einigen Tagen in einem internationalen Computernetz unter dem Titel "CHAOS DAYS NEWS CAMP" aktuelle Informationen über die Ereignisse verbreitet.

Um seine Schätzung der extrem hohen Teilnehmerzahl zu belegen, weist Frank R. vor allem auf die Flugblätter hin, die bundesweit zu einer Fahrt nach Hannover aufrufen. Rund 100 davon enthält die Sammlung "Die Chaos-Tag-Papiere! Dokumente des Grauens - Die geheimen und kriminellen Pläne der Punker aufgedeckt ! "

Glaubt man den Verfassern, dann beginnt am kommenden Sonnabend ausgerechnet in Hannover die Weltrevolution. Treffpunkt ist um 12 Uhr das Steintor, und als Bewaffnung werden unter anderem Wasserpistolen und Plastikschwerter empfohlen. Am Tag darauf wollen Veteranen, die schon bei den ersten Chaos-Tagen mit dabei waren, am Wilhelm-Busch-Museum ein feuchtfröhliches Wiedersehen feiern. Außerdem sollen am Wochenende bei einem sogenannten "Smoke-in" schwere Marihuanawolken über den Kröpcke schweben. Gleichzeitig, heißt es, planten mehrere Punk-Bands spontane Open-air Konzerte in der Innenstadt. Zugesagt hätten sogar Musikgruppen aus den USA ("Total Chaos") und Italien ("Derozer").

Neben diesen eher heiteren bis satirischen Ankündigungen drohen jedoch manche Flugblätter gar Schreckliches an. Das Spektrum reicht von einer

Scherbendemo auf der Lister Meile" bis zu einem Gipfeltreffen des Terrorismus einschließlich "Kulturabend mit Film: ,Die Helden der RAF' ". Außerdem werden bereits die Termine für die Chaos-Tage der kommenden fünf Jahre genannt. Höhepunkt soll demnach das Jahr 2000 werden, wo ein mehrwöchiges Punk-Treffen auf Weltausstellungsniveau für Aufregung sorgen soll.

Doch was genau am kommenden Wochenende geschehen wird, weiß eigentlich keiner. Nach den Worten von Frank R. hoffen insbesondere die mit fürchterlichen Dingen drohenden Flugblattschreiber, daß auf das angekündigte Schreckensszenario die Medien hereinfallen. "Bevor die Punks sich wieder von Presse und Polizei derartige Schutt und Asche Parolen unterjubeln lassen, fabrizieren sie die Gewaltparolen eben selbst. Motto: Was Ihr könnt, können wir schon lange!" Denn in Wirklichkeit, betont er, "wird nichts organisiert, jeder muß sich auf eigene Faust durch das Chaos wühlen. Und selbst die Polizei hat kein Konzept, weil die Punks keines haben. "

Aber Gewalt könne bei der "größten Punk-Party der Geschichte" keiner ausschließen: "Solange es Leute gibt, die fertig sind mit der Welt, wird es Zoff geben. " Und wohl auch weitere Chaos-Tage in Hannover

Stichwort Punks

Die Punk-Bewegung ist etwa 1976 in London entstanden. Jugendliche erklärten es zu ihrem Ziel, sich gegen die herrschende, Leistungs- und Konsumgesellschaft abzugrenzen, und gegen sie zu protestieren. Sie setzten auf Anarchie statt auf Unterordnung. Punks versuchen, die Gesellschaft mit vielen Mitteln zu provozieren und dadurch Aggressionen hervorzurufen. Dazu tragen sie unter anderem zerrissene Kleidungsstücke, färben sich ihre Haare grellbunt in allen Farben des Regenbogens oder lassen sich beispielsweise sogenannte Irokesenfrisuren schneiden, wobei Teile des Kopfes rasiert werden und in der Kopfmitte die verbleibende Haarpracht steil hoch steht. Zu den "Markenzeichen" derPunks gehören auch als Schmuck, Metallketten, Rasierklingen oder ' Sicherheitsnadeln, die etwa durch die Wangen oder Ohren gestochen werden. Ihren Höhepunkt hatte die Punk-Bewegung Anfang der achtziger Jahre.: Die Musik der Punks ist ein hektischer, aggressiver und musikalisch eher schlichter Rock, zu dem in . wilden Hüpfbewegungen der "Pogo" getanzt wird. Mode- und Musikelemente der Szene wurden inzwischen kommerzialisiert und sind gesellschaftsfähig geworden. rfi i

Polizei schreitet konsequent ein

Jegliche Ausschreitungen und Randale während der Chaos-Tage wird die Polizei im Keim zu ersticken versuchen. Nach den Auseinandersetzungen im vergangenen Jahr und dem großen Medienecho, das die Vorkommnisse am Hauptbahnhof und m der Nordstadt bundesweit hatten war der Polizei klar, daß die Punks in diesem Jahr ihre "Veranstaltung" wiederholen wollen und wahrscheinlich noch mehr Angehörige der Szene nach Hannover kommen wollen.

Der Aufwand für die Einsatzplanung war deshalb so groß wie nur selten vor gravierenden Ereignissen. An diesem Wochenende wird ein umfangreiches Aufgebot an Beamten der Polizeidirektion, der Bereitschaftspolizei sowie von Dienststellen aus der Umgebung zur Verfügung seitens. Rechtlich sind den Einsatzkräften die Hände jedoch zunächst gebunden. Es gibt keine Handhabe, die anreisenden Punks am Betreten der Stadt zu hindern. "Wir können ja niemanden nach Hause schicken, nur weil er grün gefärbte Haare hat oder stachelbesetzte Hundehalsbänder trägt" heißt es in der Behörde. Doch als generelle Marschrichtung ist ausgegeben, daß die Beamten einschreiten, sobald die Szene der "Bunthaarigen" gegen Gesetze verstößt.

Die mildeste Möglichkeit ist der Platzverweis. Wer randaliert, bekommt von der Polizei die Anweisung, daß er eine Straße, einen Platz oder einen ganzen Bereich zu verlassen hat und für eine bestimmte Zeit nicht mehr betreten darf. Wer dieser Aufforderung nicht folgt oder wieder zurückkehrt, kann in Gewahrsam genommen werden. Dies kommt quasi einer Festnahme gleich. Ohne Einschaltung eines Richters kann der Betreffende bis zu acht Stunden festgehalten werden.

Soll die Maßnahme länger dauern, muß dies von einem Richter angeordnet werden. Entsprechende Paragraphen enthält das Niedersächsische Gefahrenabwehrgesetz. Es wurde auch im vergangenen August angewendet, als 250 Punks am Sonnabend abend in Gewahrsam und zum Teil erst am Montag morgen wieder auf freien Fuß kamen. Die Männer und Frauen wurden in einer Turnhalle der Bereitschaftspolizei untergebracht und verpflegt.

Die Polizei kann aber auch eingreifen, ohne daß es zu Ausschreitungen gekommen ist. Für einen Platzverweis genügt es, wenn jemand so betrunken ist, daß er sich selbst oder andere Menschen möglicherweise gefährden könnte. Dies bekommen die hannoverschen Punks schon seit einigen Wochen bei ihren täglichen Treffen am Ernst-August-Denkmal vor dem Hauptbahnhof zu spüren: Sobald sie dort ein Gelage beginnen, werden sie von den Ordnungshütern weggeschickt. rfi

"Daß es auch 1995 wieder Chaostage geben wird, ist ja nun so sicher wie das Amen in der Kirche", wurde schon im vergangenen Herbst in Szenemagazinen der Punks verkündet. Nach einem ungeheuren Medienecho - besonders im Fernsehen - über die Straßenschlacht vor einem Jahr wollen sich die "Bunthaarigen" am kommenden Wochenende wieder in Hannover zu den Chaos-Tagen versammeln. Die Werbetrommel wird kräftig gerührt, selbst die Technologie von modernsten Computernetzen wird dabei eingesetzt. Doch die Polizei verkündet, daß es kein Chaos in der Stadt geben wird. Rigoroses Einschreiten ist vorgesehen. Wer randaliert, wird eingesperrt. Mehr als 1000 Polizisten sind am Wochenende im Einsatz.

Auf ein Wort

Freibier

Über die Hintergründe der Chaostage und die Punk-Bewegung sprach HAZ-Redakteur Rüdiger Finke mit dem Politologen Heiko Geiling. Er ist Dozent am Institut für Politische Wissenschaften der Universität Hannover und beschäftigt sich mit Protestbewegungen sowie politischer Kultur in Hannover.

Warum werden die Chaos-Tage ausgerechnet in Hannover veranstaltet'

Hannover ist eine typische Provinzmetropole. Eine Großstadt, in der es zwar alles gibt, die aber auch noch so überschaubar ist, daß man relativ leicht Beachtung findet.

Punks haben keine Führer und handeln spontan. Warum bereiten sie ihr Treffen zu einem jährlich festen Termin von langer Hand vor?

Chaos-Tage sind ein Ritual, das einfach organisiert werden muß. Die Bandbreite der unterschiedlichen Jugendkulturen ist heute so groß, daß Punks aus vielen Städten kommen müssen, um als Gruppe aufzufallen.

Warum wird in dieser Szene so viel Alkohol getrunken?

Alkohol ist eine anerkannte Droge, solange der Konsument nicht auffällt. Öffentliches "Saufen" ist jedoch anstößig, deshalb wird es als Form der Provokation genutzt.

Woher rührt die offensichtlich hohe Gewaltbereitschaft?

Sie ist eher geringer als bei anderen Jugendgruppen. Punks erschrecken durch das Hantieren mit Gewaltsymbolen. Wenn man darauf zurückhaltend reagiert, dann wird die Gewalt sofort weniger zum Ausdruck gebracht.

Weshalb verkörpert die Polizei das Feindbild Nummer eins?

Punks haben Lust auf Aktion. Die Rolle der Polizei ist nun einmal die der Ordnungshüter, welche sich zwangsläufig als Gegner anbieten.

Wie könnten die Chaos-Tage unter Kontrolle gehalten werden?

Vielleicht sollte eine Delegation der Stadt die Leute mit Freibier empfangen. Damit würden sie nicht rechnen Verblüffung und Entspannung wären eventuell die Folgen

Informationen gibt es per Computer

Die "Chaos-Tage" in Hannover sind inzwischen ein Thema im internationalen Computernetz "Internet". Europaweit, heißt es dort, kursierten mehr als 90 unterschiedliche Flugblätter, die zu einem Treffen am 4., 5. und 6. August in Hannover einlüden. Auch beim letzten Heimspiel des FC. St. Pauli sei in einem offiziellen Fan-Magazin des Hamburger Fußballklubs der Aufruf zur Teilnahme abgedruckt worden. Man rechne nun mit insgesamt 5000 Besuchern der umstrittenen Veranstaltung, da mittlerweile selbst innerhalb der Rap-Szene für eine Fahrt an die Leine geworben werde. Als konkrete Aktionen werden unter anderem ein Treffen der Wasserpistolenguerilla und eines der Punk-Veteranen sowie ein Open-air Konzert genannt.

In den verschiedenen Texten und Aufrufen wird stets der erhoffte friedliche Charakter betont. "Glaubt kein Wort über deutsche Nazi-Punks, die nach Hannover kommen, um alte Hausfrauen u vergewaltigen", heißt es beispielsweise. Zudem wird nicht ohne Stolz darauf hingewiesen, daß die hannoverschen Chaos-Tage nun als Vorbild dienten für das am gleichen Wochenende zum ersten Mal stattfindende amerikanische Punk. Treffen in San Francisco. eco

Hannover ist schon lange Punk-Treffpunkt

Die Punk-Szene hat schon seit ihrer Entstehung in Hannover großen Zulauf. Aber auch die mit ihr rivalisierenden Skinheads sind zahlenmäßig stark. Seit Beginn der achtziger Jahre kommt es zwischen den beiden Gruppen häufig zu gewalttätigen Auseinandersetzungen.

Sie erleben ihren vorläufigen Höhepunkt im Juli 1983, als sich mehrere hundert Punks zu ihrem bis dahin größten "Bundestreffen" unter dem Motto "Gegen Bonzen und Bullen" für drei Tage treffen. Sie versammeln sich am Hauptbahnhof und pöbeln Passanten an. Daraufhin gibt es schon am ersten Tag Festnahmen. In der folgenden Nacht ereignet sich eine Straßenschlacht vor dem Unabhängigen Jugendzentrum in der Kornstraße zwischen Punks und Skins, die sich dann gegen die anrückende Polizei verbrüdern. Die Bilanz: Demolierte Autos, zu Bruch gegangene Scheiben und 195 festgenommene Jugendliche.

Gut ein Jahr später werden in Anlehnung an diese Randale die ersten Chaostage ausgerufen, und zwar für das erste Augustwochenende 1984. Wieder gibt es das gleiche Bild: Punks und Skins sowie die Polizei liefern sich heftige Auseinandersetzungen, es kommt zu einer Straßenschlacht an der Glocksee. 300 Jugendliche wandern in Polizeizellen, 26 Polizisten, ein Feuerwehrmann und rund 100 Randalierer werden verletzt, 24 Autos, darunter ein Streifenwagen, sind demoliert und 16 Fensterscheiben eingeworfen.

Fünf Jahre später sind wieder Chaostage. Am Freitag abend marschieren 100 Punks in die Nordstadt, bewerfen Polizisten mit Flaschen und Steinen und plündern einen Supermarkt in der Schaufelder Straße. Am Sonnabend lagern die jungen Leute vor dem Hauptbahnhof, werden immer betrunkener und gewalttätiger. Die Polizei bezeichnet die Situation als unzumutbar, kesselt die Leute ein und nimmt 121 von ihnen mit. Sie müssen bis zum Sonntag in Arrestzellen bleiben.

Im August 1994 wird "zehn Jahr Chaos-Tage" gefeiert. Schon Freitag nachmittag nimmt die Polizei 175 Punks vor dem Bahnhof in Gewahrsam. Vorübergehend beruhigt sich die Situation. 450 neu angereiste Punks ziehen in die Nordstadt, beschädigen Autos und dringen in Hausflure ein. Am Sonnabend morgen werden 100 Randalierer in der Passerelle festgenommen, am Abend gibt es eine Straßenschlacht mit der Polizei vor und auf dem Sprengelgelände in der Nordstadt, 250 Gewalttäter kommen daraufhin in Turnhallen in Gewahrsam. rfi_

 

 
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