| Wir sind die Bunten und machen hier
Party
Der Punk vom Prenzlauer Berg ist vorsichtshalber schon zwei
Wochen vor den angekündigten Chaos-Tagen nach Hannover
gekommen. Er hat "Rotti" mitgebracht, eine stattliche Rottweilerhündin,
die er allerdings lieber im Auto läßt. "Wenn ich
'n bißchen was getrunken habe, kann ich die nicht mehr
halten. " Halten muß er bald noch einen Riesenschnauzer,
den er sich in Hannover "abholen" will. A. ist eine zurückhaltende
Abkürzung für den Namen, den er sich selber gegeben
hat, ein umgangssprachliches Synonym fürs Hinterteil.
Bis das Chaos-Wochenende so richtig losgeht, will A. schon
mal in Hannover die Lage erkunden. In Linden macht er es sich
des Nachts an der Ihme gemütlich, schnorrt richtig höflich
Pilsbiere und Zigaretten, die Nordstadt wird nach geeigneten
Stellen für den "Aufbau unserer Muckerbühnen" erkundet.
A. und seine Kollegen wollen nämlich zur Feier des Wochenendes
Musik machen. Ihre eigene, "wir können eigentlich kaum
spielen, aber wir sind eben, die Bunten und machen hier Party".
A. äußert sich widersprüchlich, wenn es darum
geht, wieviel Chaos am Chaos-Wochenende seitens der Punks
denn so geplant ist. "Wir kommen von überall, und wir
werden Tausende sein. Wir wollen die Kornstraße 'n bißchen
besetzen und die ganze Nordstadt eben Von wegen Stadt in Schutt
und Asche legen, ist doch völliger Quatsch." Der gemeine
Hannoveraner gehört also nicht zum Feindbild der Bunten",
doch A. weiß ganz genau, wer hier am Wochenende eins
auf die Glocke kriegen soll": die Polizei. "Die letzten Jahre
haben die uns fertiggemacht, jetzt geht's andersherum."
A. hat nicht mehr so viele Zähne im Mund, aber die blitzen.
3:0 stehe es bislang für die Grünweißen. Jetzt
seien die "Bunten" am Zuge, "zwecks Punkteausgleich". Und
der Punk vom Prenzlauer Berg, der in seiner Jugend offenbar
nur wenig Glück gehabt hat wagt auch eine punkige Zukunftsprognose:
"Wir werden immer mehr, und eines Tages gehört uns die
Macht." sub
"Das wird wie ein Gewitter"
Der Punkveteran Frank R. ist "Optimist". Mit bis zu 10 000
Teilnehmern rechnet der 29jährige. "Und verantwortlich
sind allein die Medien. " Sie hätten im vergangenen Jahr
die "relativ harmlosen Vorfälle" so künstlich aufgebauscht,
daß die Chaos-Tage nicht nur in Deutschland, sondern
in ganz Europa inzwischen Kult-Status besäßen.
Außerdem kämen nicht nur Punks, auch die HipHopper,
Skins und Fußball-Hooligans würden sich beteiligen.
"Das wird wie ein Gewitter, es passiert einfach."
Frank R., der sich selbst als einen der Erfinder der ersten
Chaos-Tage 1984 bezeichnet, ist nicht nur ein überaus
gut informierter Kenner der bunten Szene er gehört zu
der kleinen Gruppe von anonymen Schreibern, die seit einigen
Tagen in einem internationalen Computernetz unter dem Titel
"CHAOS DAYS NEWS CAMP" aktuelle Informationen über die
Ereignisse verbreitet.
Um seine Schätzung der extrem hohen Teilnehmerzahl zu
belegen, weist Frank R. vor allem auf die Flugblätter
hin, die bundesweit zu einer Fahrt nach Hannover aufrufen.
Rund 100 davon enthält die Sammlung "Die Chaos-Tag-Papiere!
Dokumente des Grauens - Die geheimen und kriminellen Pläne
der Punker aufgedeckt ! "
Glaubt man den Verfassern, dann beginnt am kommenden Sonnabend
ausgerechnet in Hannover die Weltrevolution. Treffpunkt ist
um 12 Uhr das Steintor, und als Bewaffnung werden unter anderem
Wasserpistolen und Plastikschwerter empfohlen. Am Tag darauf
wollen Veteranen, die schon bei den ersten Chaos-Tagen mit
dabei waren, am Wilhelm-Busch-Museum ein feuchtfröhliches
Wiedersehen feiern. Außerdem sollen am Wochenende bei
einem sogenannten "Smoke-in" schwere Marihuanawolken über
den Kröpcke schweben. Gleichzeitig, heißt es, planten
mehrere Punk-Bands spontane Open-air Konzerte in der Innenstadt.
Zugesagt hätten sogar Musikgruppen aus den USA ("Total
Chaos") und Italien ("Derozer").
Neben diesen eher heiteren bis satirischen Ankündigungen
drohen jedoch manche Flugblätter gar Schreckliches an.
Das Spektrum reicht von einer
Scherbendemo auf der Lister Meile" bis zu einem Gipfeltreffen
des Terrorismus einschließlich "Kulturabend mit Film:
,Die Helden der RAF' ". Außerdem werden bereits die
Termine für die Chaos-Tage der kommenden fünf Jahre
genannt. Höhepunkt soll demnach das Jahr 2000 werden,
wo ein mehrwöchiges Punk-Treffen auf Weltausstellungsniveau
für Aufregung sorgen soll.
Doch was genau am kommenden Wochenende geschehen wird, weiß
eigentlich keiner. Nach den Worten von Frank R. hoffen insbesondere
die mit fürchterlichen Dingen drohenden Flugblattschreiber,
daß auf das angekündigte Schreckensszenario die
Medien hereinfallen. "Bevor die Punks sich wieder von Presse
und Polizei derartige Schutt und Asche Parolen unterjubeln
lassen, fabrizieren sie die Gewaltparolen eben selbst. Motto:
Was Ihr könnt, können wir schon lange!" Denn in
Wirklichkeit, betont er, "wird nichts organisiert, jeder muß
sich auf eigene Faust durch das Chaos wühlen. Und selbst
die Polizei hat kein Konzept, weil die Punks keines haben.
"
Aber Gewalt könne bei der "größten Punk-Party
der Geschichte" keiner ausschließen: "Solange es Leute
gibt, die fertig sind mit der Welt, wird es Zoff geben. "
Und wohl auch weitere Chaos-Tage in Hannover
Stichwort Punks
Die Punk-Bewegung ist etwa 1976 in London entstanden. Jugendliche
erklärten es zu ihrem Ziel, sich gegen die herrschende,
Leistungs- und Konsumgesellschaft abzugrenzen, und gegen sie
zu protestieren. Sie setzten auf Anarchie statt auf Unterordnung.
Punks versuchen, die Gesellschaft mit vielen Mitteln zu provozieren
und dadurch Aggressionen hervorzurufen. Dazu tragen sie unter
anderem zerrissene Kleidungsstücke, färben sich
ihre Haare grellbunt in allen Farben des Regenbogens oder
lassen sich beispielsweise sogenannte Irokesenfrisuren schneiden,
wobei Teile des Kopfes rasiert werden und in der Kopfmitte
die verbleibende Haarpracht steil hoch steht. Zu den "Markenzeichen"
derPunks gehören auch als Schmuck, Metallketten, Rasierklingen
oder ' Sicherheitsnadeln, die etwa durch die Wangen oder Ohren
gestochen werden. Ihren Höhepunkt hatte die Punk-Bewegung
Anfang der achtziger Jahre.: Die Musik der Punks ist ein hektischer,
aggressiver und musikalisch eher schlichter Rock, zu dem in
. wilden Hüpfbewegungen der "Pogo" getanzt wird. Mode-
und Musikelemente der Szene wurden inzwischen kommerzialisiert
und sind gesellschaftsfähig geworden. rfi i
Polizei schreitet konsequent ein
Jegliche Ausschreitungen und Randale während der Chaos-Tage
wird die Polizei im Keim zu ersticken versuchen. Nach den
Auseinandersetzungen im vergangenen Jahr und dem großen
Medienecho, das die Vorkommnisse am Hauptbahnhof und m der
Nordstadt bundesweit hatten war der Polizei klar, daß
die Punks in diesem Jahr ihre "Veranstaltung" wiederholen
wollen und wahrscheinlich noch mehr Angehörige der Szene
nach Hannover kommen wollen.
Der Aufwand für die Einsatzplanung war deshalb so groß
wie nur selten vor gravierenden Ereignissen. An diesem Wochenende
wird ein umfangreiches Aufgebot an Beamten der Polizeidirektion,
der Bereitschaftspolizei sowie von Dienststellen aus der Umgebung
zur Verfügung seitens. Rechtlich sind den Einsatzkräften
die Hände jedoch zunächst gebunden. Es gibt keine
Handhabe, die anreisenden Punks am Betreten der Stadt zu hindern.
"Wir können ja niemanden nach Hause schicken, nur weil
er grün gefärbte Haare hat oder stachelbesetzte
Hundehalsbänder trägt" heißt es in der Behörde.
Doch als generelle Marschrichtung ist ausgegeben, daß
die Beamten einschreiten, sobald die Szene der "Bunthaarigen"
gegen Gesetze verstößt.
Die mildeste Möglichkeit ist der Platzverweis. Wer randaliert,
bekommt von der Polizei die Anweisung, daß er eine Straße,
einen Platz oder einen ganzen Bereich zu verlassen hat und
für eine bestimmte Zeit nicht mehr betreten darf. Wer
dieser Aufforderung nicht folgt oder wieder zurückkehrt,
kann in Gewahrsam genommen werden. Dies kommt quasi einer
Festnahme gleich. Ohne Einschaltung eines Richters kann der
Betreffende bis zu acht Stunden festgehalten werden.
Soll die Maßnahme länger dauern, muß dies
von einem Richter angeordnet werden. Entsprechende Paragraphen
enthält das Niedersächsische Gefahrenabwehrgesetz.
Es wurde auch im vergangenen August angewendet, als 250 Punks
am Sonnabend abend in Gewahrsam und zum Teil erst am Montag
morgen wieder auf freien Fuß kamen. Die Männer
und Frauen wurden in einer Turnhalle der Bereitschaftspolizei
untergebracht und verpflegt.
Die Polizei kann aber auch eingreifen, ohne daß es
zu Ausschreitungen gekommen ist. Für einen Platzverweis
genügt es, wenn jemand so betrunken ist, daß er
sich selbst oder andere Menschen möglicherweise gefährden
könnte. Dies bekommen die hannoverschen Punks schon seit
einigen Wochen bei ihren täglichen Treffen am Ernst-August-Denkmal
vor dem Hauptbahnhof zu spüren: Sobald sie dort ein Gelage
beginnen, werden sie von den Ordnungshütern weggeschickt.
rfi
"Daß es auch 1995 wieder Chaostage geben wird, ist
ja nun so sicher wie das Amen in der Kirche", wurde schon
im vergangenen Herbst in Szenemagazinen der Punks verkündet.
Nach einem ungeheuren Medienecho - besonders im Fernsehen
- über die Straßenschlacht vor einem Jahr wollen
sich die "Bunthaarigen" am kommenden Wochenende wieder in
Hannover zu den Chaos-Tagen versammeln. Die Werbetrommel wird
kräftig gerührt, selbst die Technologie von modernsten
Computernetzen wird dabei eingesetzt. Doch die Polizei verkündet,
daß es kein Chaos in der Stadt geben wird. Rigoroses
Einschreiten ist vorgesehen. Wer randaliert, wird eingesperrt.
Mehr als 1000 Polizisten sind am Wochenende im Einsatz.
Auf ein Wort
Freibier
Über die Hintergründe der Chaostage und die Punk-Bewegung
sprach HAZ-Redakteur Rüdiger Finke mit dem Politologen
Heiko Geiling. Er ist Dozent am Institut für Politische
Wissenschaften der Universität Hannover und beschäftigt
sich mit Protestbewegungen sowie politischer Kultur in Hannover.
Warum werden die Chaos-Tage ausgerechnet in Hannover veranstaltet'
Hannover ist eine typische Provinzmetropole. Eine Großstadt,
in der es zwar alles gibt, die aber auch noch so überschaubar
ist, daß man relativ leicht Beachtung findet.
Punks haben keine Führer und handeln spontan. Warum
bereiten sie ihr Treffen zu einem jährlich festen Termin
von langer Hand vor?
Chaos-Tage sind ein Ritual, das einfach organisiert werden
muß. Die Bandbreite der unterschiedlichen Jugendkulturen
ist heute so groß, daß Punks aus vielen Städten
kommen müssen, um als Gruppe aufzufallen.
Warum wird in dieser Szene so viel Alkohol getrunken?
Alkohol ist eine anerkannte Droge, solange der Konsument
nicht auffällt. Öffentliches "Saufen" ist jedoch
anstößig, deshalb wird es als Form der Provokation
genutzt.
Woher rührt die offensichtlich hohe Gewaltbereitschaft?
Sie ist eher geringer als bei anderen Jugendgruppen. Punks
erschrecken durch das Hantieren mit Gewaltsymbolen. Wenn man
darauf zurückhaltend reagiert, dann wird die Gewalt sofort
weniger zum Ausdruck gebracht.
Weshalb verkörpert die Polizei das Feindbild Nummer
eins?
Punks haben Lust auf Aktion. Die Rolle der Polizei ist nun
einmal die der Ordnungshüter, welche sich zwangsläufig
als Gegner anbieten.
Wie könnten die Chaos-Tage unter Kontrolle gehalten
werden?
Vielleicht sollte eine Delegation der Stadt die Leute mit
Freibier empfangen. Damit würden sie nicht rechnen Verblüffung
und Entspannung wären eventuell die Folgen
Informationen gibt es per Computer
Die "Chaos-Tage" in Hannover sind inzwischen ein Thema im
internationalen Computernetz "Internet". Europaweit, heißt
es dort, kursierten mehr als 90 unterschiedliche Flugblätter,
die zu einem Treffen am 4., 5. und 6. August in Hannover einlüden.
Auch beim letzten Heimspiel des FC. St. Pauli sei in einem
offiziellen Fan-Magazin des Hamburger Fußballklubs der
Aufruf zur Teilnahme abgedruckt worden. Man rechne nun mit
insgesamt 5000 Besuchern der umstrittenen Veranstaltung, da
mittlerweile selbst innerhalb der Rap-Szene für eine
Fahrt an die Leine geworben werde. Als konkrete Aktionen werden
unter anderem ein Treffen der Wasserpistolenguerilla und eines
der Punk-Veteranen sowie ein Open-air Konzert genannt.
In den verschiedenen Texten und Aufrufen wird stets der erhoffte
friedliche Charakter betont. "Glaubt kein Wort über deutsche
Nazi-Punks, die nach Hannover kommen, um alte Hausfrauen u
vergewaltigen", heißt es beispielsweise. Zudem wird
nicht ohne Stolz darauf hingewiesen, daß die hannoverschen
Chaos-Tage nun als Vorbild dienten für das am gleichen
Wochenende zum ersten Mal stattfindende amerikanische Punk.
Treffen in San Francisco. eco
Hannover ist schon lange Punk-Treffpunkt
Die Punk-Szene hat schon seit ihrer Entstehung in Hannover
großen Zulauf. Aber auch die mit ihr rivalisierenden
Skinheads sind zahlenmäßig stark. Seit Beginn der
achtziger Jahre kommt es zwischen den beiden Gruppen häufig
zu gewalttätigen Auseinandersetzungen.
Sie erleben ihren vorläufigen Höhepunkt im Juli
1983, als sich mehrere hundert Punks zu ihrem bis dahin größten
"Bundestreffen" unter dem Motto "Gegen Bonzen und Bullen"
für drei Tage treffen. Sie versammeln sich am Hauptbahnhof
und pöbeln Passanten an. Daraufhin gibt es schon am ersten
Tag Festnahmen. In der folgenden Nacht ereignet sich eine
Straßenschlacht vor dem Unabhängigen Jugendzentrum
in der Kornstraße zwischen Punks und Skins, die sich
dann gegen die anrückende Polizei verbrüdern. Die
Bilanz: Demolierte Autos, zu Bruch gegangene Scheiben und
195 festgenommene Jugendliche.
Gut ein Jahr später werden in Anlehnung an diese Randale
die ersten Chaostage ausgerufen, und zwar für das erste
Augustwochenende 1984. Wieder gibt es das gleiche Bild: Punks
und Skins sowie die Polizei liefern sich heftige Auseinandersetzungen,
es kommt zu einer Straßenschlacht an der Glocksee. 300
Jugendliche wandern in Polizeizellen, 26 Polizisten, ein Feuerwehrmann
und rund 100 Randalierer werden verletzt, 24 Autos, darunter
ein Streifenwagen, sind demoliert und 16 Fensterscheiben eingeworfen.
Fünf Jahre später sind wieder Chaostage. Am Freitag
abend marschieren 100 Punks in die Nordstadt, bewerfen Polizisten
mit Flaschen und Steinen und plündern einen Supermarkt
in der Schaufelder Straße. Am Sonnabend lagern die jungen
Leute vor dem Hauptbahnhof, werden immer betrunkener und gewalttätiger.
Die Polizei bezeichnet die Situation als unzumutbar, kesselt
die Leute ein und nimmt 121 von ihnen mit. Sie müssen
bis zum Sonntag in Arrestzellen bleiben.
Im August 1994 wird "zehn Jahr Chaos-Tage" gefeiert. Schon
Freitag nachmittag nimmt die Polizei 175 Punks vor dem Bahnhof
in Gewahrsam. Vorübergehend beruhigt sich die Situation.
450 neu angereiste Punks ziehen in die Nordstadt, beschädigen
Autos und dringen in Hausflure ein. Am Sonnabend morgen werden
100 Randalierer in der Passerelle festgenommen, am Abend gibt
es eine Straßenschlacht mit der Polizei vor und auf
dem Sprengelgelände in der Nordstadt, 250 Gewalttäter
kommen daraufhin in Turnhallen in Gewahrsam. rfi_
|