| Gewalttätige Zusammenstöße
vor Beginn der "Chaos-Tage" / Niedersachsens Innenminister Glogowski
mahnt zu Toleranz
Von Eckart Spoo
Hannovers Polizeipräsident Herbert Sander hat die niedersächsische
Hauptstadt für die Punks sperren lassen, die aus dem
In- und Ausland zu ihren "Chaos-Tagen" an die Leine strömen.
HANNOVER, 4. August. Nach gewalttätigen Zusammenstößen
von jugendlichen Punks und Polizei in der Nacht zum Freitag
berief sich der Polizeipräsident auf einen Paragraphen
des niedersächsischen Gefahrenabwehrgesetzes. Dieser
erlaubt den Platzverweis, wenn konkrete Hinweise dafür
vorliegen, daß eine Person eine bestimmte Straftat oder
Ordnungswidrigkeit begehen will. Mit dieser Begründung
wurden am Hauptbahnhof Sperren errichtet, um junge Leute mit
bunten Haaren oder Irokesenschnitt abzufangen.
Der niedersächsische Innenminister Gerhard Glogowski
(SPD) bestritt jedoch, daß es dafür eine ausreichende
Rechtsgrundlage gibt: "Ich halte es für unmöglich
und auch nicht für wünschenswert, daß in Deutschland
eine Stadt geschlossen wird." Der bloße Tatbestand,
daß sich jemand die Haare blau färbe, ermächtige
die Polizei nicht zum Eingreifen.
Am Mittwoch und Donnerstag waren die ersten auswärtigen
Punks nach Hannover gekommen. Seit Jahren treffen sie sich
Anfang August in Hannover. Trotz häufig anderer Darstellungen
ließen sich die Bunthaarigen dabei außer Rüpeleien
kaum etwas zuschulden kommen.
Schon am Donnerstag hatte die Polizei erste Platzverweise
für die Innenstadt erteilt und kleinere Gruppen der Punks
in die Nordstadt eskortiert. Dort versammelten sich am Abend
einige Hunderte Bunthaarige auf der Schaufelder Straße.
Ein Polizeibeamter verkündete: »Ich erteile Ihnen
zum ersten, zum zweiten, zum dritten den Platzverweis. Sollten
Sie dem nicht unverzüglich nachkommen, werden polizeiliche
Zwangsmaßnahmen ergriffen." Was dann folgte, schildert
ein Anwohner, der Wissenschaftsjournalist Eric Risch, so:
"Die Beamten setzten ihre Helme auf, trommelten mit Schlagstöcken
auf ihre Schilde und trieben die Punks auf das Sprengelgelände
(ehemalige Fabrik, in der jetzt Autonome wohnen). Die Punks
antworteten mit einem Flaschen- und Steinhagel. Nachdem ihnen
die "Munition" ausgegangen war, schickten sie eine Abordnung
zu den Beamten. Zwei der Jugendlichen gingen auf die Polizisten
zu und sagten laut hörbar: "Wenn ihr euch zurückzieht,
fegen wir die Straße" Die Polizei machte von dem Angebot
keinen Gebrauch, sondern ging erneut mit Schlagstöcken
auf die Punks los"
Das Polizeipräsidium begründete den Platzverweis
für ganz Hannover mit "Auf Flugblättern hatte es
unter anderem geheißen: An die Medien &emdash; Schutt
und Asche könnt ihr haben. Wir werden nämlich genug
davon mitbringen." In einem sarkastischen Veranstaltungsprogramm,
das Vorurteile ausdrücklich bestätigen sollte waren
Aktionen angekündigt wie "Pogrom gegen alle Spießer"
oder: "Wir foltern die Gläubigen in der Marktkirche".
Die Polizeiführung wertete dies als ernsthaften Aufruf
zur Gewalt.
Die niedersächsischen Grünen warfen der Polizei
vor, die Randale in der Nacht mit wahllosen Verhaftungen ausgelöst
und am Freitag mit massivem Einsatz von Wasserwerfern, Schlagstöcken
und Hunden die Stimmung angeheizt zu haben. Dagegen ermutigte
der CDU-Landesvorsitzende Christian Wulff die Polizeiführung,
"an ihrem konsequenten Kurs festzuhalten" .
Ton, Steine und Scherben
Alle Jahre wieder bricht in Hannover das Chaos aus, weil
ein paar Mittdreißiger mit Sicherheitsnadeln in den
Ohren ausziehen, um brave Bürger zu erschrecken. Das
ist weder neu, noch sonderlich originell und sorgt allenfalls
für ein bißchen Abwechslung im Sommerloch. Wenn
die letzten bekennenden deutschen Punks heute und morgen wieder
ihre Chaos-Tage in der niedersächsischen Landeshauptstadt
ausrufen, ist das nicht mehr als ein grotesker Anachronismus.
Da treffen sich ein paar vergessene Rebellen zur Jahreshauptversammlung
und wollen dem Rest der Republik zeigen, daß sie immer
noch provozieren können. Können sie auch&emdash;
aber nur, weil sie von mehr als 1000 Polizisten nach wie vor
ernst genommen werden.
Ob in der Nacht zum Freitag die Punks die ersten Steine warfen
oder ob die Polizei zuerst losschlug, ist dabei gar nicht
mehr so wichtig&emdash;der Eklat ist da, und das ist den Alt-Punks
und ihren jungen Nacheiferern Bestätigung genug.
Dumm nur, daß es schon lange keine Punk-Bewegung mehr
gibt: Ex-Sex Pistol Johnny Rotten hat längst als Wachsfigur
bei Madame Tussauds Staub angesetzt und Neo-Punk-Bands wie
Green Day sorgen allenfalls auf dem Konto ihrer Plattenfirma
für Bewegung. Punk ist heute nur noch einer von vielen
kommerzialisierten Begriffen der Musik-Branche. Und das müßten
nicht nur die Punk-Veteranen wissen, die keine Irokesen-Frisur
mehr tragen, weil ihnen inzwischen die Haare ausgegangen sind.
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