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"Frankfurter Rundschau" 5.8.95
Polizeipräsident läßt Hannover gegen Punks abriegeln
 
Gewalttätige Zusammenstöße vor Beginn der "Chaos-Tage" / Niedersachsens Innenminister Glogowski mahnt zu Toleranz

Von Eckart Spoo

Hannovers Polizeipräsident Herbert Sander hat die niedersächsische Hauptstadt für die Punks sperren lassen, die aus dem In- und Ausland zu ihren "Chaos-Tagen" an die Leine strömen.

HANNOVER, 4. August. Nach gewalttätigen Zusammenstößen von jugendlichen Punks und Polizei in der Nacht zum Freitag berief sich der Polizeipräsident auf einen Paragraphen des niedersächsischen Gefahrenabwehrgesetzes. Dieser erlaubt den Platzverweis, wenn konkrete Hinweise dafür vorliegen, daß eine Person eine bestimmte Straftat oder Ordnungswidrigkeit begehen will. Mit dieser Begründung wurden am Hauptbahnhof Sperren errichtet, um junge Leute mit bunten Haaren oder Irokesenschnitt abzufangen.

Der niedersächsische Innenminister Gerhard Glogowski (SPD) bestritt jedoch, daß es dafür eine ausreichende Rechtsgrundlage gibt: "Ich halte es für unmöglich und auch nicht für wünschenswert, daß in Deutschland eine Stadt geschlossen wird." Der bloße Tatbestand, daß sich jemand die Haare blau färbe, ermächtige die Polizei nicht zum Eingreifen.

Am Mittwoch und Donnerstag waren die ersten auswärtigen Punks nach Hannover gekommen. Seit Jahren treffen sie sich Anfang August in Hannover. Trotz häufig anderer Darstellungen ließen sich die Bunthaarigen dabei außer Rüpeleien kaum etwas zuschulden kommen.

Schon am Donnerstag hatte die Polizei erste Platzverweise für die Innenstadt erteilt und kleinere Gruppen der Punks in die Nordstadt eskortiert. Dort versammelten sich am Abend einige Hunderte Bunthaarige auf der Schaufelder Straße. Ein Polizeibeamter verkündete: »Ich erteile Ihnen zum ersten, zum zweiten, zum dritten den Platzverweis. Sollten Sie dem nicht unverzüglich nachkommen, werden polizeiliche Zwangsmaßnahmen ergriffen." Was dann folgte, schildert ein Anwohner, der Wissenschaftsjournalist Eric Risch, so: "Die Beamten setzten ihre Helme auf, trommelten mit Schlagstöcken auf ihre Schilde und trieben die Punks auf das Sprengelgelände (ehemalige Fabrik, in der jetzt Autonome wohnen). Die Punks antworteten mit einem Flaschen- und Steinhagel. Nachdem ihnen die "Munition" ausgegangen war, schickten sie eine Abordnung zu den Beamten. Zwei der Jugendlichen gingen auf die Polizisten zu und sagten laut hörbar: "Wenn ihr euch zurückzieht, fegen wir die Straße" Die Polizei machte von dem Angebot keinen Gebrauch, sondern ging erneut mit Schlagstöcken auf die Punks los"

Das Polizeipräsidium begründete den Platzverweis für ganz Hannover mit "Auf Flugblättern hatte es unter anderem geheißen: An die Medien &emdash; Schutt und Asche könnt ihr haben. Wir werden nämlich genug davon mitbringen." In einem sarkastischen Veranstaltungsprogramm, das Vorurteile ausdrücklich bestätigen sollte waren Aktionen angekündigt wie "Pogrom gegen alle Spießer" oder: "Wir foltern die Gläubigen in der Marktkirche". Die Polizeiführung wertete dies als ernsthaften Aufruf zur Gewalt.

Die niedersächsischen Grünen warfen der Polizei vor, die Randale in der Nacht mit wahllosen Verhaftungen ausgelöst und am Freitag mit massivem Einsatz von Wasserwerfern, Schlagstöcken und Hunden die Stimmung angeheizt zu haben. Dagegen ermutigte der CDU-Landesvorsitzende Christian Wulff die Polizeiführung, "an ihrem konsequenten Kurs festzuhalten" .

Ton, Steine und Scherben

Alle Jahre wieder bricht in Hannover das Chaos aus, weil ein paar Mittdreißiger mit Sicherheitsnadeln in den Ohren ausziehen, um brave Bürger zu erschrecken. Das ist weder neu, noch sonderlich originell und sorgt allenfalls für ein bißchen Abwechslung im Sommerloch. Wenn die letzten bekennenden deutschen Punks heute und morgen wieder ihre Chaos-Tage in der niedersächsischen Landeshauptstadt ausrufen, ist das nicht mehr als ein grotesker Anachronismus. Da treffen sich ein paar vergessene Rebellen zur Jahreshauptversammlung und wollen dem Rest der Republik zeigen, daß sie immer noch provozieren können. Können sie auch&emdash; aber nur, weil sie von mehr als 1000 Polizisten nach wie vor ernst genommen werden.

Ob in der Nacht zum Freitag die Punks die ersten Steine warfen oder ob die Polizei zuerst losschlug, ist dabei gar nicht mehr so wichtig&emdash;der Eklat ist da, und das ist den Alt-Punks und ihren jungen Nacheiferern Bestätigung genug.

Dumm nur, daß es schon lange keine Punk-Bewegung mehr gibt: Ex-Sex Pistol Johnny Rotten hat längst als Wachsfigur bei Madame Tussauds Staub angesetzt und Neo-Punk-Bands wie Green Day sorgen allenfalls auf dem Konto ihrer Plattenfirma für Bewegung. Punk ist heute nur noch einer von vielen kommerzialisierten Begriffen der Musik-Branche. Und das müßten nicht nur die Punk-Veteranen wissen, die keine Irokesen-Frisur mehr tragen, weil ihnen inzwischen die Haare ausgegangen sind. art

 
 
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