| Polizei toleriert Plünderungen
M. S./na. Hannover In dem seit Donnerstag andauernden Kampf
gegen Hunderte von Punkern in Hannover hat die niedersächsische
Polizei gestern massive Unterstützung aus anderen Bundesländern
angefordert. Bis zum späten Nachmittag blieb es weitgehend
ruhig, doch für den Abend wurden neue Krawalle erwartet.
Die Einsatzleitung gab gestern unter dem Druck von empörten
Bürgern und auf Drängen von Oberbürgermeister
Wolfgang Scheel (CDU) offenbar ihre Strategie der sogenannten
"De-Eskalation" auf. Die hatte sie, trotz schlimmer Erfahrungen
aus den sogenannten "Chaostagen" früherer Jahre, noch
bis gestern morgen verfolgt.
Auf dem Gelände der ehemaligen Schokoladefabrik Sprengel,
das Autonome seit Jahren besetzt halten, hatten sich bereits
am Donnerstag abend mehrere hundert Punker hinter meterhohen
Barrikaden verschanzt und Sperrmüll in Brand gesetzt.
Als die Flammen drohten, auf ein Nachbarhaus überzuschlagen,
konnte die Feuerwehr nur unter dem Schutz von Polizeischildern
löschen: Ein Hagel von Pflastersteinen ging auf die Feuerwehrmänner
nieder. Die Polizei schritt jedoch nicht ein, sondern setzte
auf Friedensgespräche. Die Punks, so hoffte die Einsatzleitung,
würden die Barrikaden freiwillig wieder abräumen.
Stattdessen versorgten sich die Randalierer mit Wurfgeschossen,
schoben ungeniert mit Pflastersteinen gefüllte Einkaufswagen
auf das Gelände.
Mit schwerem Baugerät räumte die Polizei am Freitag
nachmittag schließlich die riesigen Straßensperren
in der Nordstadt beiseite. Doch statt mit einem massiven Polizeiaufgebot
gegen die randalierenden Punks vorzugehen, hielt Hannovers
Polizeiführung weiterhin an ihrer Deeskalationsstrategie
fest.
Die Folge: In der Nacht zum Sonnabend eskalierten die Krawalle.
Ein zu geringes Polizeiaufgebot von 400 Mann stand einem weit
zahlreicheren Mob - schätzungsweise bis zu 1000 Punker
- gegenüber.
Die Chaoten griffen die Polizeibeamten immer brutaler an:
Sie schossen mit Stahlkugeln und Signalmunition, warfen von
Dächern Steine und schoben aufgebrochene Autos die Straßen
hinab in die Reihen der Polizei. Doch selbst verzweifelte
Rufe nach Unterstützung wurden von der Einsatzleitung
überhört. Polizisten, die in der Nacht in einer
kleinen Nebenstraße unter einem Hagel von Pflastersteinen
über Funk Verstärkung anforderten, erhielten die
Antwort: "Ziehen Sie sich zurück, wir wollen deeskalierend
wirken".
Im Morgengrauen hatten die Chaoten endgültig die Oberhand.
Grölend plünderten sie unter den Augen der Polizei
einen Lebensmittelmarkt und eine Kaufhausfiliale. Ein junger
Zugführer, der mit Kollegen eingreifen wollte, erhielt
über Funk den Befehl, sich zurückzuhalten. "Nicht
eingreifen, das wird toleriert", ordnete die Leitstelle an.
Auf die Nachfrage, ob er den Befehl richtig verstanden habe,
wurde dieser noch einmal wiederholt:
Gestern morgen bot sich ein Bild der Verwüstung. "Das
ist ja wie Bürgerkrieg", sagte fassungslos eine 80 Jahre
alte Rentnerin. Die Straßen waren übersät
mit Pflastersteinen, Scherben und Bierdosen. Kaum ein Laden,
an dem noch die Fenster intakt sind. Vor dem Supermarkt lagen
zerquetschte Früchte, aufgeplatzte Mehltüten, zerschlagene
Eier und andere Waren. Noch am Vormittag gingen immer wieder
Grüppchen von Punks in das Geschäft und versorgten
sich mit Schnaps, Bier und Eßbarem - unbehelligt von
der Polizei.
Der Rückzug des Rechtsstaates hatte auch für seine
Ordnungshüter schlimme Folgen: Bis gestern morgen zählte
die Polizei 162 verletzte Beamte, 21 davon erlitten schwerste
Verletzungen wie Knochenbrüche, Schädelprellungen
und Muskelrisse. Die Stimmung unter den Polizisten war entsprechend
explosiv. "Kommt doch mal runter, dann könnt ihr etwas
erleben", lautete eine Aufforderung über Funk an die
Einsatzleitung.
Doch Hannovers Polizeipräsident Herbert Sander (SPD)
ließ sich bis zum Sonnabend nachmittag nicht ein einziges
Mal bei seinen Beamten auf der Straße sehen, um sich
ein eigenes Bild von den Krawallen und der enormen Gewaltbereitschaft
der Punks zu machen.
Gegen Mittag glich Hannovers Nordstadt einer belagerten Festung:
Aus Angst vor weiteren schweren Krawallen vernagelten Anwohner
und Geschäftsleute ihre Fenster für die meisten
Kinder fiel sogar der Unterricht aus. Mehrere hundert Erstkläßler,
die sich auf den ersten Schultag ihres Lebens gefreut hatten,
mußten zu Hause bleiben.
Niedersachsens Innenminister Gerhard Glogowski (SPD) reagierte
gereizt auf die Vorgänge in der Landeshauptstadt. Hannovers
Polizeipräsident Sander habe noch am Freitag versichert,
daß er keine zusätzlichen Polizeibeamten brauche
und die Lage im Griff habe, sagte Glogowski.
Dafür hatte die Polizeiführung an anderer Stelle
vorgesorgt: So waren schon vergangene Woche Quartiere für
Ratten und Hunde - die bei Punkern am häufigsten anzutreffenden
Begleiter - organisiert worden; die Tiere sollten für
den Fall ordentlich untergebracht sein, daß ihre Herrchen
in Polizeigewahrsam verbringen müssen.
Immerhin hatte die Polizei bis gestern etwa 630 Punks fest-
oder vorübergehend in Gewahrsam genommen. Gegen 740 Randalierer
wurden Aufenthaltsverbote, gegen 240 Platzverweise ausgesprochen.
Im Laufe des Tages trafen ständig weitere Punker in Hannover
ein. Beamte des Bundesgrenzschutzes, von denen rund 300 am
Hauptbahnhof im Einsatz waren, setzten mehrere hundert ankommende
Chaoten in den nächsten Zug zurück. Ein Sprecher
der "Chaostage"-Veranstalter sagte aber, niemand lasse sich
von der Polizei am Anreisen hindern. .
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