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Welt am Sonntag" 6.8.95
Punker verletzen 160 Polizisten, verwüsten Straßenzüge
 
Polizei toleriert Plünderungen

M. S./na. Hannover In dem seit Donnerstag andauernden Kampf gegen Hunderte von Punkern in Hannover hat die niedersächsische Polizei gestern massive Unterstützung aus anderen Bundesländern angefordert. Bis zum späten Nachmittag blieb es weitgehend ruhig, doch für den Abend wurden neue Krawalle erwartet.

Die Einsatzleitung gab gestern unter dem Druck von empörten Bürgern und auf Drängen von Oberbürgermeister Wolfgang Scheel (CDU) offenbar ihre Strategie der sogenannten "De-Eskalation" auf. Die hatte sie, trotz schlimmer Erfahrungen aus den sogenannten "Chaostagen" früherer Jahre, noch bis gestern morgen verfolgt.

Auf dem Gelände der ehemaligen Schokoladefabrik Sprengel, das Autonome seit Jahren besetzt halten, hatten sich bereits am Donnerstag abend mehrere hundert Punker hinter meterhohen Barrikaden verschanzt und Sperrmüll in Brand gesetzt.

Als die Flammen drohten, auf ein Nachbarhaus überzuschlagen, konnte die Feuerwehr nur unter dem Schutz von Polizeischildern löschen: Ein Hagel von Pflastersteinen ging auf die Feuerwehrmänner nieder. Die Polizei schritt jedoch nicht ein, sondern setzte auf Friedensgespräche. Die Punks, so hoffte die Einsatzleitung, würden die Barrikaden freiwillig wieder abräumen. Stattdessen versorgten sich die Randalierer mit Wurfgeschossen, schoben ungeniert mit Pflastersteinen gefüllte Einkaufswagen auf das Gelände.

Mit schwerem Baugerät räumte die Polizei am Freitag nachmittag schließlich die riesigen Straßensperren in der Nordstadt beiseite. Doch statt mit einem massiven Polizeiaufgebot gegen die randalierenden Punks vorzugehen, hielt Hannovers Polizeiführung weiterhin an ihrer Deeskalationsstrategie fest.

Die Folge: In der Nacht zum Sonnabend eskalierten die Krawalle. Ein zu geringes Polizeiaufgebot von 400 Mann stand einem weit zahlreicheren Mob - schätzungsweise bis zu 1000 Punker - gegenüber.

Die Chaoten griffen die Polizeibeamten immer brutaler an: Sie schossen mit Stahlkugeln und Signalmunition, warfen von Dächern Steine und schoben aufgebrochene Autos die Straßen hinab in die Reihen der Polizei. Doch selbst verzweifelte Rufe nach Unterstützung wurden von der Einsatzleitung überhört. Polizisten, die in der Nacht in einer kleinen Nebenstraße unter einem Hagel von Pflastersteinen über Funk Verstärkung anforderten, erhielten die Antwort: "Ziehen Sie sich zurück, wir wollen deeskalierend wirken".

Im Morgengrauen hatten die Chaoten endgültig die Oberhand. Grölend plünderten sie unter den Augen der Polizei einen Lebensmittelmarkt und eine Kaufhausfiliale. Ein junger Zugführer, der mit Kollegen eingreifen wollte, erhielt über Funk den Befehl, sich zurückzuhalten. "Nicht eingreifen, das wird toleriert", ordnete die Leitstelle an. Auf die Nachfrage, ob er den Befehl richtig verstanden habe, wurde dieser noch einmal wiederholt:

Gestern morgen bot sich ein Bild der Verwüstung. "Das ist ja wie Bürgerkrieg", sagte fassungslos eine 80 Jahre alte Rentnerin. Die Straßen waren übersät mit Pflastersteinen, Scherben und Bierdosen. Kaum ein Laden, an dem noch die Fenster intakt sind. Vor dem Supermarkt lagen zerquetschte Früchte, aufgeplatzte Mehltüten, zerschlagene Eier und andere Waren. Noch am Vormittag gingen immer wieder Grüppchen von Punks in das Geschäft und versorgten sich mit Schnaps, Bier und Eßbarem - unbehelligt von der Polizei.

Der Rückzug des Rechtsstaates hatte auch für seine Ordnungshüter schlimme Folgen: Bis gestern morgen zählte die Polizei 162 verletzte Beamte, 21 davon erlitten schwerste Verletzungen wie Knochenbrüche, Schädelprellungen und Muskelrisse. Die Stimmung unter den Polizisten war entsprechend explosiv. "Kommt doch mal runter, dann könnt ihr etwas erleben", lautete eine Aufforderung über Funk an die Einsatzleitung.

Doch Hannovers Polizeipräsident Herbert Sander (SPD) ließ sich bis zum Sonnabend nachmittag nicht ein einziges Mal bei seinen Beamten auf der Straße sehen, um sich ein eigenes Bild von den Krawallen und der enormen Gewaltbereitschaft der Punks zu machen.

Gegen Mittag glich Hannovers Nordstadt einer belagerten Festung: Aus Angst vor weiteren schweren Krawallen vernagelten Anwohner und Geschäftsleute ihre Fenster für die meisten Kinder fiel sogar der Unterricht aus. Mehrere hundert Erstkläßler, die sich auf den ersten Schultag ihres Lebens gefreut hatten, mußten zu Hause bleiben.

Niedersachsens Innenminister Gerhard Glogowski (SPD) reagierte gereizt auf die Vorgänge in der Landeshauptstadt. Hannovers Polizeipräsident Sander habe noch am Freitag versichert, daß er keine zusätzlichen Polizeibeamten brauche und die Lage im Griff habe, sagte Glogowski.

Dafür hatte die Polizeiführung an anderer Stelle vorgesorgt: So waren schon vergangene Woche Quartiere für Ratten und Hunde - die bei Punkern am häufigsten anzutreffenden Begleiter - organisiert worden; die Tiere sollten für den Fall ordentlich untergebracht sein, daß ihre Herrchen in Polizeigewahrsam verbringen müssen.

Immerhin hatte die Polizei bis gestern etwa 630 Punks fest- oder vorübergehend in Gewahrsam genommen. Gegen 740 Randalierer wurden Aufenthaltsverbote, gegen 240 Platzverweise ausgesprochen. Im Laufe des Tages trafen ständig weitere Punker in Hannover ein. Beamte des Bundesgrenzschutzes, von denen rund 300 am Hauptbahnhof im Einsatz waren, setzten mehrere hundert ankommende Chaoten in den nächsten Zug zurück. Ein Sprecher der "Chaostage"-Veranstalter sagte aber, niemand lasse sich von der Polizei am Anreisen hindern. .

 
 
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