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"Süddeutsche Zeitung" 7.8.95
Hannover, warum?
 
Szenen von den "Chaostagen", bei denen sich selbst Punks wundern, daß die Polizei offenbar keiner Ordnung folgt

Von Michaela Haas

Hannover, 5./6. August - Kirsche hat seit 48 Stunden nicht geschlafen, denn dies, sagt sie, sei die wirklich geilste Party" ihres Lebens. Ihr Haar, das am Abend zuvor noch wie ein Dutzend kleiner, dunlkelroter Stacheln von ihrem Kopf abstand, hat sich längst den Wasserwerfern der Polizei gebeugt; die Beine zittern ihr in den zerfetzten schwarzen Jeans von den Verfolgungsjagden der letzten Nacht, aber an Schlaf ist nicht zu denken: "Bisher 150 verletzte Bullen", so zieht die 15jährige am Sonntagmorgen Bilanz, und ihr verschrammtes rundes Kindergesicht glüht noch vor Begeisterung, "Das ist doch ein voller Erfolg, ey."

"Chaos total", steht mit schwarzem Filzstift auf ihrem graugefleckten T-Shirt, "No Nazis" an ihrem rechten Arm, und beide Parolen sind Gründe dafür, warum sie schon letzten Montag zusammen mit ihren Freunden Bonsai und Lesbe von Berlin nach München getrampt ist: "Nazis", das sind für die Schülerin alle, die eine Uniform tragen", vor allem Polizisten. Um es denen mal richtig zu zeigen", ist sie hergekommen. Denn bei den letzten Chaostagen, im August vor einem Jahr, da haben uns die Bullen aufgemischt. Es steht 1:0. Jetzt sind wir dran, die Bunten. Das bißchen Scheiße, das wir hier machen, ist doch nichts gegen die Scheiße, die der Staat macht."

Die Bunten gegen die Grünen, 2500 Punks gegen 1000 Polizisten. Vier Tage lang, von Donnerstag bis Sonntagmorgen, liefern sie sich heftigste Straßenschlachten mit einer traurigen Bilanz: Hunderte zum Teil Schwerverletzte, über 700 Ingewahrsam-Nahmen, Sachschäden in sechsstelliger Höhe. Die ganze Stadt gleicht einem Trümmerfeld, ist übersät mit Glasscherben und verkohlten Brandresten; nicht nur beim Luthergrill" und der Bäckerei direkt am Haupttreffpunkt der Punks, der Lutherkirche, fehlen die Schaufenster. "Wie Bürgerkrieg, oder?" sagt Kirsche und ist stolz darauf, überall ganz vorne dabei gewesen zu sein, schon Donnerstagabend, als die ersten Barrikaden aufgebaut und angezündet wurden, und vor allem am Freitag, bei dem, was sie "die entscheidende Schlacht" nennt. Eigentlich wollten wir die Party in der Innenstadt machen", erzählt sie und nimmt einen Schluck aus der Bierdose, die ihr das Frühstück ersetzt. Da stehen ja die ganzen Konsumtempel und Bonzenautos", aber die Polizei habe sie in die Nordstadt vertrieben. Dort, auf dem Gelände der ehemaligen Schokoladenfabrik Sprengel, das seit acht Jahren von Alternativen bewohnt wird, errichtet sie zusammen mit 200 anderen Punks meterhohe Straßensperren aus eilig zusammengeschobenen Mülltonnen, Gartenzäunen, Sofas und umgestürzten Autos.

"Wir wollen gemein sein"

Mit zwei Wasserwerfern und einem Räumfahrzeug versucht ein hoffnungslos unterbesetztes Sondereinsatzkommando der Polizei, die Punkerfestung zu stürmen. Die Punks empfangen die Polizisten mit einem Hagel aus Bierflaschen und Pflasteinen, die Polizisten greifen die kiloschweren Steine auf und werfen sie zurück. Unter dem Gejohle seiner Kumpel und lauter Punkmusik aus den Fenstern des Backsteingebäudes, entert ein Punk mit Irokesenschnitt den Wasserwerfer zerschlägt das Blaulicht und wird im Steinehagel von den eigenen Leuten in den Rücken getroffen. Das Räumfahrzeug nimmt immer wieder Anlauf, die Barrikade zu stürmen, obwohl Menschen auf ihr stehen, ein junges Mädchen wird dabei eingeklemmt und muß mit schweren Hüftverletzungen ins Krankenhaus. "Daß die Polizisten so mitmischen, das sehe ich zum erstenmal", sagt schockiert ein Anwohner, der die Straßenschlacht von seinem Balkon direkt gegenüber beobachtet: "Es gibt offensichtlich auf beiden Seiten Leute, die wollen, daß es knallt."

Schon im letzten Jahr hatte es Krawalle gegeben, aber nie zuvor waren die fast jedes Jahr am ersten Augustwochenende stattfindenden Chaostage derart eskaliert. Hunderte von Flugblättern hatten in allen größeren Städten, auch im Ausland, für die größte Punkerfete aller Zeiten" geworben, fast 10 000 Punks hatte Hannover erwartet. Obwohl die Polizei ab Freitag versuchte, mit der Bahn anreisende Punks sofort wieder mit dem nächsten Zug heimzuschicken, kamen 2500 aus ganz Europa. Die anonymen Verfasser der Flugschriften kündigten bereits Wochen zuvor das Chaos-Programm an. Freitag 17 Uhr: Auftakttreffen mit blutiger Straßenschlacht. Samstag 12 Uhr: Wir starten eine Feuerwalze. Sonntag: Scherbendemo. Wir wollen gemein, brutal, haßerfüllt und rücksichtlos sein." - "Achtung, Fälschung!" stand manchmal kleingedruckt daneben - die Flugblätter seien, so sagt der General", ein kleinwüchsiger Wiener mit tintenblauem Irokesenschopf, vor allem als Satire auf ihr "böses Image als Kinderschreck" gemeint gewesen. Die einzigen, die offenbar naiv genug waren zu glauben, die Chaostage würden tatsächlich pünktlich, wie angekündigt, am Freitag um 17 Uhr beginnen, waren die Polizisten. Daß schon am Donnerstag die ersten Barrikaden brennen würden, waren sie nicht vorbereitet. Dabei hätte die Polizei wissen müssen, daß es niemanden gibt, der die Chaostage organisiert und deshalb, auch niemanden, der sie unter Kontrolle hat. Nur so war es möglich, daß sich die Krawalle am Wochenende über die ganze 7 Stadt verteilten und die Polizei orientierungslos kleine Punkergrüppchen durch alle Stadtteile jagte.

Die Chaostage, erklärt Kirsche, hätten kein Ziel und keine Botschaft. "Wichtig ist, dabei zu sein. Wenn wir da sind, bricht Chaos aus, automatisch." Und warum ausgerechnet in Hannover? Rene, der extra aus Gera angereist ist, zuckt die Schultern: "Vielleicht, weil Hannover so spießig ist die Leute hier lassen sich halt leicht provozieren." Rene sieht mit seiner Glatze und den Resten einer Bundeswehrhose, die nur noch mit Sicherheitsnadeln notdürftig über den Knien zusammengehalten wird eher wie ein Skinhead aus. Die blonden Haare seien ihm vom vielen Färben ausgefallen", sagt er, aber was Punk bedeutet, kann er leicht erklären: "Punk ist Provokation. Sonst nichts." Die silbernen Stacheln auf den schwarzen Lederarmbändern an seinen Handgelenken, die bis zu 20 Zentimeter hohen schwarzen und grünen Irokesenstacheln auf den Köpfen seiner Freunde, sie wirken wie Verteidigungsspitzen. Aber wogegen? Gegen die Spießer, die Bonzen und die Faschisten", sagt Rene. Punks sind gegen alles. "Ich bin Abschaum", steht auf ihren T-Shirts und Dritte Wahl". "Wenn du ständig nur angeschissen wirst", sagt Renes Freund Major, "dann hast du halt irgendwann die Schnauze voll. Wenn du so aussiehst wie ich, mit bunten Haaren und so, kriegst du eh keine Lehrstelle. Ich will auch keine. Meine Zukunft heißt: arbeitslos und besoffen "

Dennoch vermitteln die Fernsehbilder, in denen man nur steinewerfende Vermummte und grölende Besoffene sieht, ein einseitiges Bild. Diejenigen, die mit jedem Wort nur Haß ausspucken, nennen die Punks selber "Automaten", und sie stellen nicht die Mehrheit. "Wir sind stinksauer auf die Chaoten, die uns hier alles kaputt machen'', sagt die Laus, ein 25 Jahre alter Punk aus Hannover. Er hat am Samstag morgen eigenhändig die verwüsteten Straßen mit Besen und Schaufel gekehrt, und feiert zusammen mit 700 anderen Punks am Samstagabend ein bierselig friedliches Punk-Konzert. In der Nacht versuchen immer wieder Punks, die Barrikaden abzubauen, aber vermummte Autonome richten sie wieder auf.

"Jetzt fehlt nur noch", sagt der General, der schon bei den allerersten Chaostagen 1984 mitgeschlägert hat, daß wieder wie damals die Skinheads kommen." Und tatsächlich, angelockt von den Medienberichten über die Randale, fällt am Samstag eine Hundertschaft Skinheads und Hooligans, vor allem aus Magdeburg, ein. Damit gibt die Polizei endgültig die Kontrolle ab es fliegen Molotow-Cocktails, Leuchtspurgeschosse und Stahlzwillen, die Hooligans gehen mit Stahlrohren sowohl auf die Punks als auch auf die Polizei los.

Hannover wird zur rechtsfreien Zone. Am Samstagmorgen beispielsweise biegen Punker die Stahlgitter vor einem Penny-Supermarkt auf, werfen die Scheiben ein und schleppen ohne Eile Bierdosen, Schnaps und Pizza aus dem Markt. Noch während sie sich gegenseitg mit den gestohlenen Eiern auf der Straße bewerfen, nutzen herzhaft zugreifende Anwohner die Gelegenheit zum Gratiseinkauf und tragen tütenweise Kinderwindeln und Müsli nach Hause: Der Einsatzleiter telephoniert derweil um Verstärkung. Fünf Stunden später ist sie da.

Die Polizei kommt fast immer zu spät, aber wenn sie da ist, geht sie unangemessen brutal vor. Am Rand der Kämpfe fällt ein scharfer Polizeihund ein unbeteiligtes

Punkmädchen in der Zuschauermenge an, der Polizist zieht seinen Hund von der blutenden Frau weg und geht einfach weiter. Das Sondereinsatzkommando nimmt gruppenweise Punks fest, darunter eine 28 Jahre alte Kinderkrankenschwester mit roten Haaren, die vergebens darauf beharrt, daß sie hier wohne. Auch sie muß sich, obwohl sie sich friedlich abführen läßt, gefesselt auf den mit zerbrochenen Flaschen übersäten Boden legen, mit dem Gesicht nach unten direkt in den Scherben. Schon am Freitag schlägt die Stimmung der Anwohner gegen die Polizisten um. Selbst die Nachbarn, die am Morgen noch gefordert haben, "daß da endlich mal einer hart durchgreifen muß", rufen im

Sprechchor "Aufhören! Aufhören!" - an die " Adresse der Polizisten, die mit Wasserwerfern auch gegen die Wohnungen unbeteiligter Mieter vorgehen. "Wir kennen doch die Leute, die hier wohnen", sagt eine 82 Jahre alte Rentnerin verstört, das sind Studenten, Angestellte, die tun doch nichts." Der Nachbar, der direkt gegenüber wohnt, reißt die Fenster weit auf. Während die Polizei unter seinem Fenster scheinbar wahllos Punks festnimmt, beschallt er den ganze Straßenzug mit einem Protestsong: "Freude schöner Götterfunken, alle Menschen werden Brüder. . ."

Kirsche kann es selbst kaum glauben, daß "die Bullen sich von uns so provozieren lassen, jedes Jahr wieder, das ist so großartig, daß es gar nicht zu fassen ist". Mit Haarspray, Zuckersaft und Farbe zwirbelt sie ihre kurzen, roten Stachelhaare wieder in Form, bevor sie ihren grünen Militärrucksack schultert und in Richtung Autobahn zum Trampen marschiert. Das Wochenende war für sie ein "voller Erfolg: Wir haben gezeigt, daß der Punk nicht tot ist. Ihr müßt wieder mit uns rechnen."

 
 
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