| Szenen von den "Chaostagen", bei denen
sich selbst Punks wundern, daß die Polizei offenbar keiner
Ordnung folgt
Von Michaela Haas
Hannover, 5./6. August - Kirsche hat seit 48 Stunden nicht
geschlafen, denn dies, sagt sie, sei die wirklich geilste
Party" ihres Lebens. Ihr Haar, das am Abend zuvor noch wie
ein Dutzend kleiner, dunlkelroter Stacheln von ihrem Kopf
abstand, hat sich längst den Wasserwerfern der Polizei
gebeugt; die Beine zittern ihr in den zerfetzten schwarzen
Jeans von den Verfolgungsjagden der letzten Nacht, aber an
Schlaf ist nicht zu denken: "Bisher 150 verletzte Bullen",
so zieht die 15jährige am Sonntagmorgen Bilanz, und ihr
verschrammtes rundes Kindergesicht glüht noch vor Begeisterung,
"Das ist doch ein voller Erfolg, ey."
"Chaos total", steht mit schwarzem Filzstift auf ihrem graugefleckten
T-Shirt, "No Nazis" an ihrem rechten Arm, und beide Parolen
sind Gründe dafür, warum sie schon letzten Montag
zusammen mit ihren Freunden Bonsai und Lesbe von Berlin nach
München getrampt ist: "Nazis", das sind für die
Schülerin alle, die eine Uniform tragen", vor allem Polizisten.
Um es denen mal richtig zu zeigen", ist sie hergekommen. Denn
bei den letzten Chaostagen, im August vor einem Jahr, da haben
uns die Bullen aufgemischt. Es steht 1:0. Jetzt sind wir dran,
die Bunten. Das bißchen Scheiße, das wir hier
machen, ist doch nichts gegen die Scheiße, die der Staat
macht."
Die Bunten gegen die Grünen, 2500 Punks gegen 1000 Polizisten.
Vier Tage lang, von Donnerstag bis Sonntagmorgen, liefern
sie sich heftigste Straßenschlachten mit einer traurigen
Bilanz: Hunderte zum Teil Schwerverletzte, über 700 Ingewahrsam-Nahmen,
Sachschäden in sechsstelliger Höhe. Die ganze Stadt
gleicht einem Trümmerfeld, ist übersät mit
Glasscherben und verkohlten Brandresten; nicht nur beim Luthergrill"
und der Bäckerei direkt am Haupttreffpunkt der Punks,
der Lutherkirche, fehlen die Schaufenster. "Wie Bürgerkrieg,
oder?" sagt Kirsche und ist stolz darauf, überall ganz
vorne dabei gewesen zu sein, schon Donnerstagabend, als die
ersten Barrikaden aufgebaut und angezündet wurden, und
vor allem am Freitag, bei dem, was sie "die entscheidende
Schlacht" nennt. Eigentlich wollten wir die Party in der Innenstadt
machen", erzählt sie und nimmt einen Schluck aus der
Bierdose, die ihr das Frühstück ersetzt. Da stehen
ja die ganzen Konsumtempel und Bonzenautos", aber die Polizei
habe sie in die Nordstadt vertrieben. Dort, auf dem Gelände
der ehemaligen Schokoladenfabrik Sprengel, das seit acht Jahren
von Alternativen bewohnt wird, errichtet sie zusammen mit
200 anderen Punks meterhohe Straßensperren aus eilig
zusammengeschobenen Mülltonnen, Gartenzäunen, Sofas
und umgestürzten Autos.
"Wir wollen gemein sein"
Mit zwei Wasserwerfern und einem Räumfahrzeug versucht
ein hoffnungslos unterbesetztes Sondereinsatzkommando der
Polizei, die Punkerfestung zu stürmen. Die Punks empfangen
die Polizisten mit einem Hagel aus Bierflaschen und Pflasteinen,
die Polizisten greifen die kiloschweren Steine auf und werfen
sie zurück. Unter dem Gejohle seiner Kumpel und lauter
Punkmusik aus den Fenstern des Backsteingebäudes, entert
ein Punk mit Irokesenschnitt den Wasserwerfer zerschlägt
das Blaulicht und wird im Steinehagel von den eigenen Leuten
in den Rücken getroffen. Das Räumfahrzeug nimmt
immer wieder Anlauf, die Barrikade zu stürmen, obwohl
Menschen auf ihr stehen, ein junges Mädchen wird dabei
eingeklemmt und muß mit schweren Hüftverletzungen
ins Krankenhaus. "Daß die Polizisten so mitmischen,
das sehe ich zum erstenmal", sagt schockiert ein Anwohner,
der die Straßenschlacht von seinem Balkon direkt gegenüber
beobachtet: "Es gibt offensichtlich auf beiden Seiten Leute,
die wollen, daß es knallt."
Schon im letzten Jahr hatte es Krawalle gegeben, aber nie
zuvor waren die fast jedes Jahr am ersten Augustwochenende
stattfindenden Chaostage derart eskaliert. Hunderte von Flugblättern
hatten in allen größeren Städten, auch im
Ausland, für die größte Punkerfete aller Zeiten"
geworben, fast 10 000 Punks hatte Hannover erwartet. Obwohl
die Polizei ab Freitag versuchte, mit der Bahn anreisende
Punks sofort wieder mit dem nächsten Zug heimzuschicken,
kamen 2500 aus ganz Europa. Die anonymen Verfasser der Flugschriften
kündigten bereits Wochen zuvor das Chaos-Programm an.
Freitag 17 Uhr: Auftakttreffen mit blutiger Straßenschlacht.
Samstag 12 Uhr: Wir starten eine Feuerwalze. Sonntag: Scherbendemo.
Wir wollen gemein, brutal, haßerfüllt und rücksichtlos
sein." - "Achtung, Fälschung!" stand manchmal kleingedruckt
daneben - die Flugblätter seien, so sagt der General",
ein kleinwüchsiger Wiener mit tintenblauem Irokesenschopf,
vor allem als Satire auf ihr "böses Image als Kinderschreck"
gemeint gewesen. Die einzigen, die offenbar naiv genug waren
zu glauben, die Chaostage würden tatsächlich pünktlich,
wie angekündigt, am Freitag um 17 Uhr beginnen, waren
die Polizisten. Daß schon am Donnerstag die ersten Barrikaden
brennen würden, waren sie nicht vorbereitet. Dabei hätte
die Polizei wissen müssen, daß es niemanden gibt,
der die Chaostage organisiert und deshalb, auch niemanden,
der sie unter Kontrolle hat. Nur so war es möglich, daß
sich die Krawalle am Wochenende über die ganze 7 Stadt
verteilten und die Polizei orientierungslos kleine Punkergrüppchen
durch alle Stadtteile jagte.
Die Chaostage, erklärt Kirsche, hätten kein Ziel
und keine Botschaft. "Wichtig ist, dabei zu sein. Wenn wir
da sind, bricht Chaos aus, automatisch." Und warum ausgerechnet
in Hannover? Rene, der extra aus Gera angereist ist, zuckt
die Schultern: "Vielleicht, weil Hannover so spießig
ist die Leute hier lassen sich halt leicht provozieren." Rene
sieht mit seiner Glatze und den Resten einer Bundeswehrhose,
die nur noch mit Sicherheitsnadeln notdürftig über
den Knien zusammengehalten wird eher wie ein Skinhead aus.
Die blonden Haare seien ihm vom vielen Färben ausgefallen",
sagt er, aber was Punk bedeutet, kann er leicht erklären:
"Punk ist Provokation. Sonst nichts." Die silbernen Stacheln
auf den schwarzen Lederarmbändern an seinen Handgelenken,
die bis zu 20 Zentimeter hohen schwarzen und grünen Irokesenstacheln
auf den Köpfen seiner Freunde, sie wirken wie Verteidigungsspitzen.
Aber wogegen? Gegen die Spießer, die Bonzen und die
Faschisten", sagt Rene. Punks sind gegen alles. "Ich bin Abschaum",
steht auf ihren T-Shirts und Dritte Wahl". "Wenn du ständig
nur angeschissen wirst", sagt Renes Freund Major, "dann hast
du halt irgendwann die Schnauze voll. Wenn du so aussiehst
wie ich, mit bunten Haaren und so, kriegst du eh keine Lehrstelle.
Ich will auch keine. Meine Zukunft heißt: arbeitslos
und besoffen "
Dennoch vermitteln die Fernsehbilder, in denen man nur steinewerfende
Vermummte und grölende Besoffene sieht, ein einseitiges
Bild. Diejenigen, die mit jedem Wort nur Haß ausspucken,
nennen die Punks selber "Automaten", und sie stellen nicht
die Mehrheit. "Wir sind stinksauer auf die Chaoten, die uns
hier alles kaputt machen'', sagt die Laus, ein 25 Jahre alter
Punk aus Hannover. Er hat am Samstag morgen eigenhändig
die verwüsteten Straßen mit Besen und Schaufel
gekehrt, und feiert zusammen mit 700 anderen Punks am Samstagabend
ein bierselig friedliches Punk-Konzert. In der Nacht versuchen
immer wieder Punks, die Barrikaden abzubauen, aber vermummte
Autonome richten sie wieder auf.
"Jetzt fehlt nur noch", sagt der General, der schon bei den
allerersten Chaostagen 1984 mitgeschlägert hat, daß
wieder wie damals die Skinheads kommen." Und tatsächlich,
angelockt von den Medienberichten über die Randale, fällt
am Samstag eine Hundertschaft Skinheads und Hooligans, vor
allem aus Magdeburg, ein. Damit gibt die Polizei endgültig
die Kontrolle ab es fliegen Molotow-Cocktails, Leuchtspurgeschosse
und Stahlzwillen, die Hooligans gehen mit Stahlrohren sowohl
auf die Punks als auch auf die Polizei los.
Hannover wird zur rechtsfreien Zone. Am Samstagmorgen beispielsweise
biegen Punker die Stahlgitter vor einem Penny-Supermarkt auf,
werfen die Scheiben ein und schleppen ohne Eile Bierdosen,
Schnaps und Pizza aus dem Markt. Noch während sie sich
gegenseitg mit den gestohlenen Eiern auf der Straße
bewerfen, nutzen herzhaft zugreifende Anwohner die Gelegenheit
zum Gratiseinkauf und tragen tütenweise Kinderwindeln
und Müsli nach Hause: Der Einsatzleiter telephoniert
derweil um Verstärkung. Fünf Stunden später
ist sie da.
Die Polizei kommt fast immer zu spät, aber wenn sie
da ist, geht sie unangemessen brutal vor. Am Rand der Kämpfe
fällt ein scharfer Polizeihund ein unbeteiligtes
Punkmädchen in der Zuschauermenge an, der Polizist zieht
seinen Hund von der blutenden Frau weg und geht einfach weiter.
Das Sondereinsatzkommando nimmt gruppenweise Punks fest, darunter
eine 28 Jahre alte Kinderkrankenschwester mit roten Haaren,
die vergebens darauf beharrt, daß sie hier wohne. Auch
sie muß sich, obwohl sie sich friedlich abführen
läßt, gefesselt auf den mit zerbrochenen Flaschen
übersäten Boden legen, mit dem Gesicht nach unten
direkt in den Scherben. Schon am Freitag schlägt die
Stimmung der Anwohner gegen die Polizisten um. Selbst die
Nachbarn, die am Morgen noch gefordert haben, "daß da
endlich mal einer hart durchgreifen muß", rufen im
Sprechchor "Aufhören! Aufhören!" - an die " Adresse
der Polizisten, die mit Wasserwerfern auch gegen die Wohnungen
unbeteiligter Mieter vorgehen. "Wir kennen doch die Leute,
die hier wohnen", sagt eine 82 Jahre alte Rentnerin verstört,
das sind Studenten, Angestellte, die tun doch nichts." Der
Nachbar, der direkt gegenüber wohnt, reißt die
Fenster weit auf. Während die Polizei unter seinem Fenster
scheinbar wahllos Punks festnimmt, beschallt er den ganze
Straßenzug mit einem Protestsong: "Freude schöner
Götterfunken, alle Menschen werden Brüder. . ."
Kirsche kann es selbst kaum glauben, daß "die Bullen
sich von uns so provozieren lassen, jedes Jahr wieder, das
ist so großartig, daß es gar nicht zu fassen ist".
Mit Haarspray, Zuckersaft und Farbe zwirbelt sie ihre kurzen,
roten Stachelhaare wieder in Form, bevor sie ihren grünen
Militärrucksack schultert und in Richtung Autobahn zum
Trampen marschiert. Das Wochenende war für sie ein "voller
Erfolg: Wir haben gezeigt, daß der Punk nicht tot ist.
Ihr müßt wieder mit uns rechnen."
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