Letzte Änderung: November 22 2005 13:29:02. - 625 Seiten archiviert
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"BILD-Zeitung" 9.8.95
Polizist zeigt Innenminister an
 
Hannover: nach den blutigen Punker-Krawallen

Nach den Punker-Krawallen gerät die Polizeiführung unter Druck: Polizeibeamte erstattet gegen Innenminister Glogowski, Polizeipräsident Sander und Gesamteinsatzleiter Wiedemann Strafanzeige. Sie werfen ihnen Beihilfe zu Straftaten und unterlassene Hilfeleistung vor, kritisieren die schlechte Ausstattung der Beamten.

Polizist: "Im Steinhagel riefen wir um Hilfe - abgelehnt!"

Von WILHELM KRAMER

Punker-Schlacht: Steinwürfe Molotow-Cocktails. Polizeibeamte hielten den Kopf für ihre Chefs hin, 180 wurden verletzt. Jetzt hagelt es Anzeigen gegen die Vorgesetzten.

· Polizeiobermeister Uwe B. hat seinen obersten Dienstherrn, Innenminister Gerhard Glogowski angezeigt. · Strafvereitelung im Amt · unterlassene Hilfeleistung · Beihilfe zu Straftaten .

Leitet die Staatsanwaltschaft Ermittlungen ein, müßte der Landtag Glogowskis Immunität aufheben. Höchststrafe 5 Jahre Haft.

· Der Polizeiobermeister (Verletzungen und Prellungen an Schienbeinen, Stauchungen, Schürfwunden) schildert: "Ich habe in der 1. Reihe gekniet, als die Steine flogen. Wir riefen eine halbe Stunde verzweifelt um Hilfe, als die Lage heikel wurde. Aber unsere Anforderungen wurden abgelehnt."

Ein Kripobeamter und der Bezirkschef der Deutschen Polizeigewerkschaft Peter Eike (45) haben Polizeipräsident Herbert Sander sowie Einsatzleiter Uwe Wiedemann angezeigt. Der Kripobeamte durfte offenbar nicht einschreiten, als ein Penny-Markt geplündert wurde. Über Funk kam die Anweisung: Nicht eingreifen. Die Funksprüche werden auf Tonband festgehalten, 4 Wochen aufbewahrt. Schlimm: Für 180 hannoversche Polizisten gab es nur 27 Schutzausrüstungen.

· Eike zu BILD: "Unfaßbar daß Polizeibeamte bei Rechtsbrüchen tatenlos zusehen müssen." Über die Stimmung bei den Beamten: "Viele sind wütend, zornig. Die Autorität der Führung wird kaum noch anerkannt. Das Vertrauen ist hin." Er fordert den Rücktritt von Sander. "Da muß jemand hin, der was kann!"

Fast zynisch, der Kommentar von Glogowskis Pressesprecher Volker Bebe: "Diese Leute sind nicht ernstzunehmen. Die wollen nur ihr Mutchen kühlen." P.S. Heute: Sondersitzung des Innenausschusses zu den Polizeieinsätzen.

Das schreiben BILD Leser zu den Punker-Krawallen:

Karl- Heinz Böttcher, Hannover: "Mir kommt die Galle hoch, wie die Polizeiführung ihre Untergebenen verheizt."

Walter Wulfmeyer, Hannover: "Schon vergessen, Herr Schröder? Die Geister die ich rief, ich werd' sie nicht mehr los."

Günter Lemke, Hemmingen: "Völker der Welt, kommt im Jahre 2000 zur

Expo nach Hannover. Dann könnt ihr die schönsten Chaostage der Welt hautnah erleben."

Gerda Wellmann, Hannover: "Arme Polizeibeamte. Sie hatten einen harten Einsatz."

Dieter Voigt, Hannover: "Meine Heimatstadt gestattete 2500 Chaoten ihr Unwesen zu treiben. Polizisten müssen sich verprügeln und demütigen lassen. Ist es das, was unsere Politiker wollen?

Marion B., Hildesheim: "Die beste Werbung für die Expo hat sich in der Nordstadt abgespielt. Herr Schmalstieg, das können Sie nicht gewollt haben."

Helmut K, Hannover: "Punker schießen mit Stahlkugeln auf Polizeibeamte. Müssen wir erst einen getöteten Polizeibeamten beklagen, damit die Politiker handeln?" w.k.

 
 
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