| Ausschuß prüft Einsatz/
Hamburger Beamte sprechen von "Augsburger Puppenkiste"
Hannover (sas/kw). Die anstehende Untersuchung des Polizeieinsatzes
bei den Chaos-Tagen in Hannover wird eine ganze Serie von
Führungsfehlern zutage fördern. Dies wurde am Dienstag
aus Polizeikreisen bekannt. Wie es hieß, dürften
Innenminister Gerhard Glogowski (SPD) und Polizeipräsident
Herbert Sander bei der heutigen Sondersitzung des Innenausschusses
unter erheblichen Druck geraten. Als besonders brisant gelten
drei Punkte:
· Unterstützung von außen wurde erst angefordert,
als die Lage schon außer Kontrolle zu geraten drohte.
Noch am Freitag vormittag, nach der ersten Krawallnacht, winkte
Hannover ab, als das Bonner Innenministerium anfragte, ob
Kräfte des Bundesgrenzschutzes benötigt würden.
"Wir bekamen zur Antwort, niedersächsische Polizeibeamte
reichten aus", sagt Michael Griesbeck, Sprecher von Bundesinnenminister
Manfred Kanther (CDU). Erst am Nachmittag habe Hannover um
Unterstützung gebeten. Das wird von Glogowskis Sprecher
bestritten. Zusätzliche Beamte
aus anderen Ländern wurden erst in der Nacht zum Sonnabend
angefordert.
· Als Hundertschaften der Hamburger Polizei ein von
Gewalttätern besetztes Haus notfalls auch mit Tränengas
räumen wollten, wurden sie gestoppt. In Niedersachsen
werde Tränengas nur sehr eingeschränkt eingesetzt,
hieß es. Die Hamburger Polizisten waren dennoch bereit
zur Räumung. Man habe Erfahrung aus der Hafenstraße,
"der Zauber" könne "in 20 Minuten vorbei" sein. Als die
Einsatzleitung zur "Deeskalation" und zum Rückzug mahnte,
protestierten die Hamburger über Funk: "Ist das hier
eine Landeshauptstadt oder die Augsburger Puppenkiste?" Die
auf Tonband festgehaltenen Funksprüche sollen möglicherweise
schon heute im Innenauschuß vorgeführt werden.
· Die Beamten in Hannover waren unzureichend ausgerüstet.
Ihnen fehlte die gegen Knochenbrüche wirksame moderne
Panzerung für Brust, Arme, Beine und Gelenke. Das niedersächsische
Innenministerium hatte die von der Polizei seit langem beantragte
Anschaffung
dieser Ausrüstung wegen Geldmangels abgelehnt. Alle
auswärtigen in Hannover eingesetzten Polizisten waren
besser geschützt als ihre niedersächsischen Kollegen.
Einige Beamte aus anderen Bundesländern gaben angesichts
des gefährlichen Steinhagels Ausrüstungsteile an
die Hannoveraner ab.
CDU-Fraktionschef Christian Wulff erwägt offenbar, im
Landtag einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuß
zu beantragen. Für Donnerstag wurde die komplette Fraktion
zu einer Sondersitzung zusammengerufen. Auch die Justiz wird
das Verhalten der Behörden prüfen müssen: Der
hannoversche Bezirkschef der Polizeigewerkschaft im Deutschen
Beamtenbund, Peter Eike, zeigte Glogowski wegen Strafvereitelung
im Amt, unterlassener Hilfeleistung und Beihilfe zu Straftaten
an. De rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt
Beck (SPD) will die Krawalle bei der nächsten Ministerpräsidentenkonfe
renz zur Sprache bringen.
Fährmannsfest wird kurzfristig wiederholt
Das Fährmannsfest wird wiederholt. Das wegen der Chaos-Tage
am vergangenen Sonnabend abgebrochene Openair-Festival am
Ufer der Ihme soll an diesem Sonnabend in leicht abgespeckter
Form nachgeholt werden, teilte Organisator Peter Holik mit.
Kurzfristig wurde ein attraktives Musikprogramm zusammengetrommelt.
Ab 15 Uhr spielen die Bands "Knochenhauer", "Primaries", "Peek-A-Boo",
"Watercolors" und "Kamerun News". Mit dem Nachholtermin wollen
die Organisatoren vor allem ein Zeichen für ein friedliches
Miteinander setzen. Das Fährmannsfest ist in den vergangenen
Jahren für viele Hannoveraner zum traditionellen Musikspektakel
und Familienfest geworden.
"Wir haben versucht, das Festival auch während der Chaos-Tage
über die Bühne zu bringen. Aber es ging einfach
nicht." Im kommenden Jahr soll das Fährmannsfest auf
einen anderen Termin im Sommer verlegt werden, um nicht mit
den zu erwartenden Chaos-Tagen zu kollidieren. Eins stellt
Holik klar: "Das Fährmannsfest findet nicht wegen ,der
Chaos-Tage statt, sondern ist eine eigene Veranstaltung. "
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"Wollten keine Chaos-Tage in Wohnvierteln"
"Wir haben die Chaos-Tage weder angezettelt, noch haben wir
gewollt, daß sie in Wohnvierteln ablaufen." In einer
Presseerklärung nahmen die Bewohner des Sprengelgeländes
am Dienstag Stellung zu den Krawallen. Sie werfen der Polizeiführung
"Eskalationstreiberei" vor. Diese habe zu einem Belagerungszustand
in der Nordstadt geführt, unter dem die Bewohner des
Stadtteils zu leiden gehabt hätten. Die Polizei, heißt
es habe die Punks, die in der Innenstadt ihr Fest feiern wollten,
in die Nordstadt und speziell zum Sprengelgelände getrieben.
Ihre Tür habe im Gegensatz zum vergangenen Jahr von vornherein
Punks offengestanden, die von der Polizei gejagt wurden.
Zu den Vorwürfen von Anwohnern, daß Polizisten
vor dem Sprengelgelände mit Steinen auf Punks geworfen
haben, schilderten mehrere Augenzeugen unterdessen ihre Beobachtungen.
Es habe sich um eine kleine, isolierte Gruppe von Beamten
gehandelt, die Steine in hohem Bogen einer Gruppe Punks vor
die Füße geworfen habe, um diese nach hinten zu
drängen und vor deren Steinhagel fliehen zu können.
Gezielt sei aus den Reihen der Beamten kein Stein geflogen.
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Fideler fordert härtere Gesetze gegen Randalierer
Oberstadtdirektor Jobst Fideler forderte eine Gesetzesverschärfung,
damit sich die Chaos-Tage 1996 nicht wiederholen können.
"Etwas Ähnliches darf es im nächsten Jahr nicht
geben", sagte Fideler am Dienstag auf Anfrage. 360 Tage im
Jahr gebe es eine weitgehende "soziale Balance" auch zwischen
Sprengel-Bewohner und Bürgern, die Gewalt werde von außen
importiert. Hier sei ein radikaler Schnitt nötig, sagte
der Verwaltungschef nach Beratung mit seinen Dezernenten:
"Wir befürworten die Möglichkeit, Randalierer mehrere
Tage in Gewahrsam zu nehmen Das ist unsere Anregung an den
Gesetzgeber." Wer am Donnerstag zur Straßen Schlacht
anreise, dürfe erst am Dienstag freigelassen werden.
SPD-Fraktionsvorsitzender Klaus Huneke hatte sich zuvor gegen
schärfere Gesetze ausgesprochen.
Fideler wollte den Polizeieinsatz nicht rügen, sagte
nur, daß wohl Fehler passiert seien. Die Stadt habe
aber keinen Einfluß auf die Polizei. Stadtrat Veit Wetzel
als sein Vertreter habe jedenfalls nicht zu Deeskalation geraten.
Die Stadtspitze will über die Chaos-Tage noch mit Polizeichef
Herbert Sander und dem Innenminister reden. st
Ministeriumlehnte Anschaffung von Schutzkleidung aus Kostengründen
ab
Polizisten zeigen ihre Chefs an
Hannovers Polizeispitze wird immer heftiger aus den eigenen
Reihen angegriffen: Gegen Polizeipräsident Herbert Sander
(SPD) und Einsatzleiter Uwe Wiedemann erstatteten Polizisten
Strafanzeigen. Der Skandal um den Polizeieinsatz weitet sich
unterdessen immer mehr aus: Mehrere hundert Beamte wurden
ohne Schutzausrüstung gegen Steinwürfe eingesetzt.
Neben dem Bezirkschef der Polizeigewerkschaft im Deutschen
Beamtenbund, Peter Eicke, erstattete am Dienstag auch ein
bei den Krawallen verletzter Polizist Strafanzeige gegen Hannovers
Polizeiführung und Innenminister Gerhard Glogowski wegen
Strafvereitelung im Amt und unterlassener Hilfeleistung. Aus
der Staatsanwaltschaft Hannover hieß es dazu, der Polizeieinsatz
werde voraussichtlich ohnehin untersucht.
Die Stimmung in der Polizeidirektion ist mittlerweile explosiv.
Nachdem immer neue schwere Einsatzfehler bekannt werden, will
der Personalrat jetzt eine Personalversammlung zum Thema Chaos-Tage
einberufen lassen, Polizeipräsident Sander soll zu dem
Einsatz vor den Beamten Stellung beziehen.
Besonders erzürnt sind Hannovers Polizisten darüber,
daß sie absolut mangelhaft ausgerüstet in die tagelangen
Krawalle geschickt wurden. Den Beamten der hannoverschen Hundertschaften
standen nur Helm und Schild zum Schutz vor Steinen und Stahlkugeln
zur Verfügung. Mit Brustpanzern sowie wichtigen Arm-,
Bein- und Gelenkschonern, die schwere Brüche verhindern
sollen, war nicht ein einziger der mehreren hundert: Beamten
der Landeshauptstadt ausgerüstet. :
"Eine solche Schlagschutzausstattung sowie leichte Schutzwesten
sind bereits vor längerer Zeit angefordert worden", hieß
es auf Anfrage in einer Stellungnahme der Polizeidirektion.
Die Schutzausrüstung kam jedoch bis heute nicht an: "Die
Anschaffung war aufgrund fehlender Haushaltsmittel im Innenministerium
nicht realisierbar", ließ Sander dazu knapp mitteilen.
Ob es erst durch die unzureichende Ausstattung zu der hohen
Zahl von verletzten Polizisten gekommen ist, ließ die
Polizeidirektion offen.
Schwere Vorwürfe gegen die Polizeiführung erhoben
jetzt auch auswärtige Polizeiführer. Hafenstraßenerfahrene
Hundertschaftsführer aus Hamburg beschwerten sich, daß
sie in der Nacht zum Sonntag zu defensivem Verhalten veranlaßt
worden seien. Sie hätten ein Haus in der Heisenstraße,
von dessen Dach Beamte immer wieder mit Steinen beworfen worden
seien, räumen wollen. "Das wäre für die Beamten
zu gefährlich geworden", sagte dazu Hannovers Gesamteinsatzleiter
Wiedemann.
Die Reihe der Pannen während des monatelang vorbereiteten
Einsatzes setzt sich fort:
· Die Bereitschaftspolizei wurde zu spät informiert,
so daß am Sonnabend nur ein Notdienst für die Reparaturen
beschädigter Fahrzeuge im Einsatz war.
· Die Feldküchen waren nicht auf eine große
Zahl auswärtiger Polizisten vorbereitet. Ganze Hundertschaften
aus anderen Bundesländern wurden stundenlang nicht verpflegt.
· Auch Schlafplätze wurden überhastet gesucht.
Die letzten Beamten kamen schließlich am Sonntag morgen
bei der Bundeswehr in Luttmersen unter. sat I
.........
Ehepaar bewirtet durstige Beamte
Zu dem Einsatz während der Chaostage hat ein Polizeibeamter
aus Nordrhein-Westfalen folgenden Brief an die HAZ geschrieben:
Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen, als Polizeibeamter
des Landes Nordrhein-Westfalen den Chaos-Tagen beiwohnen zu
dürfen. Die chaotischen Mißstände in der Polizeiführung
möchte ich lieber nicht kommentieren.
Der Grund meines Briefes ist, daß ich mich im Namen
von 126 Kollegen aus Bochum, Leverkusen, Gelsenkirchen und
aus dem Märkischen Kreis bei den Einwohnern von Hannover
bedanken möchte, die uns mit Getränken versorgt
haben. Obwohl wir aus taktischen Gründen - wie auch eine
Unzahl weiterer Polizeieinheiten - unsere Dienstzeit nichtstuend
auf Parkplätzen verbrachten, bekamen wir nach 16 Stunden
Dienst Hunger und vor allem Durst (dies ist ein eindeutiges
Zeichen, daß der Polizeibeamte von heute auch nur ein
Mensch ist).
Während dieser Zeit des Nichtstuns wurden wir von einem
älteren Ehepaar mit Kaffee, bewirtet". Diese versorgten
uns fünf bis sechs Stunden lang mit Kaffee (nach unserer
Schätzung waren das etwa 80 bis 90 Kannen Kaffee).
Da wir am Sonntag nur einen mickrigen Strauß Blumen
kaufen konnten, möchten wir uns nochmals herzlich bedanken
und um Entschuldigung dafür bitten, daß wir die
Beschädigungen an ihrem Pkw und an ihrem Haus nicht verhindern
konnten (durften).
Punks und Polizei
Chaos von oben
Der Rauch über Hannovers Nordstadt hat sich verzogen
und gibt den Blick frei auf die bislang vergborgenen Hintergründe
der grotesken Krawallnächte. Was da nach und nach zutage
tritt, ist erschreckend: Offenbar war weit mehr im Spiel als
nur handwerkliches Versagen des einen oder anderen Polizeiführers.
Es sieht so aus, als seien die Beamten wegen politischer Vorgaben
ihrer eigenen Landesregierung bei der Durchsetzung von Recht
und Ordnung behindert worden.
Warum beispielsweise wurden die Hamburger Hundertschaften
gestoppt, als sie das von Chaoten beherrschte Haus in der
Heisenstraß räumen wollten? Welche Rolle spielten
"Absprachen" mit Autonomen aus der Hausbesetzerszene?
Natürlich muß die Polizei das Gebot der Verhältnismäßigkeit
der Mittel beachten. Sie darf nicht im Übermaß
Gewalt anwenden. Wichtig ist aber auch, daß sie letztlich
die; Oberhand behält und vor der Gewalt nicht zurückweicht.
Der erste gravierende Fehler war die zu späte Anforderung
auswärtiger Kräfte. Der zweite Fehler war ihr nicht
konsequenter Einsatz. Angesichts von massivem Steinhagel und
Plünderungen erwies sich etwa das Nein zum Tränengas
als folgenschwerer Fehler. Aber auch scheinbar nebensächliche
Dinge wie etwa der Plastikschutz für Ellenbogen und Knie
sind von Bedeutung. Hier geht es um Artikel, die sich fort
vorsichtshalber jeder Inline-Skater anschafft. Ein Innenminister,
der an solchen Stellen knausert, darf sich nicht wundern,
wenn es manche der 179 verletzten Beamten als zynisch empfand,
als er ihnen am Tag nach den Krawallen "gute Besserung" wünschte.
Mit seiner Bemerkung, es sei "nicht alles gut, aber auch
nicht alles schlecht gelaufen", wird Glogowski keinen Schlußstrich
unter die Chaos-Affäre ziehen können. Vieles spricht
dafür, daß der politisch interessante Teil der
Affäre erst jetzt beginnt. Wieviel Chaos, so fragen viele,
herrschte nicht auf der Straße, sondern bei jenen, die
in Niedersachsen für die öffentliche Sicherheit
verantwortlich sind?
Matthias Koch
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