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"Hannoversches Wochenblatt" 9.8.95
Chaostage: Die Polizeiführung versagte völlig
 
DER KOMMENTAR

Freuen wir uns auf die Chaostage 1996: Freibier (alkoholfreies) für alle Punks an den Kiesteichen und Hannover erlebt statt Straßenschlachten ein drittes Woodstock. Zugestanden arg verkürzt wiedergegeben, plädieren für diesen Lösungsansatz die Grünen (Silke Stokar, Landtagsabgeordnete), um eine Wiederholung der viertägigen Auseinandersetzungen zwischen Staats- und Straßengewalt mit 400 Verletzten zu verhindern.

Hinter diesem Vorschlag steckt eine Erkenntnis und eine Schuldzuweisung. Die Erkenntnis lautet: Wenn die Polizei angereiste Punks mit Platzverweisen quer durch die City in die Nordstadt treibt, schürt sie Aggression und Gewaltbereitschaft - gerade auch bei dem Großteil, der nur ein friedliches Treffen will.

Die Schuldzuweisung richtet sich an die Polizeiführung an Herbert Sander und Uwe, Wiedemann. Nur die Innenstadt von Punks freizuhalten damit der einkaufsoffene Sonnabend nicht von Bunthaarigen gestört wird, reicht nicht. Das freut die Kaufhäuser, aber nicht die 180 verletzten Beamten, 300 verletzten Punks und die Nordstädter.

Wer nicht den Polizeistaat will, der Menschen nur wegen, ihrer Haartracht und Kleidung vorsorglich einsperrt, muß Randgruppen Freiräume zugestehen. Warum also kein Punkfest an den Kiesteichen?

Gewalttäter, die in die City abziehen, könnte die Polizei gezielt abgreifen. Nach 13 Jahren Chaostage in Hannover sollte die Polizei endlich ein Konzept mit allen Beteiligten erarbeiten. Detlef Tegtrneier

Das meinen Bürger zur Straßenschlacht

Rudolf K. (55): Erstaunlich, daß die Polizei so wenig vorbereitet war. Den Polizeieinsatz gegenüber den Punks finde ich gerechtfertigt.

Sandra N. (24):

Gewaltbereite Punks sollte man gar nicht erst in die Stadt lassen. Die schlagen alles kaputt und wir müssen es bezahlen.

Punk Basti (18): Scheiße, daß die Militanten mir das Fährmannsfest zerballert haben. Die nächsten Chaostage sollten auf der grünen Wiese stattfinden.

Petra R. (34): Die Leistung der Polizei war schwach. So eine Veranstaltung sollte man verbieten. Oder Alternativ außerhalb der Stadt auf die Wiese verlegen.

Christoph S. (32):

Punks und Polizei haben sich gegenseitig hochgeschaukelt. Ein Grund findet sich im nachhinein immer für einen harten Polizeieinsatz.

Natalia S. (33):

Zuviel Polizei in unnötigen Situationen, zuwenig Kommunikation Punk - Polizei. In martialischer Schutzkleidung wirkt Polizei selbst auf mich provozierend.

Leser sagen Ihre Meinung

Heute möchte ich mir endlich einmal Luft machen zum Thema Chaostage in Hannover.

Alle sprechen über die Chaostage, keiner spricht über die diensttuenden Polizisten und ihre Familien. Ich bin seit 18 Jahren mit einem Polizeibeamten verheiratet wir haben zwei Kinder. Wenn solche Chaoten in die Stadt kommen, warten meine Kinder und ich darauf, daß mein Mann gesund vom Dienst wieder nach Hause kommt Und ich bin nur eine von vielen Frauen beziehungsweise Verlobten oder Freundinnen, denen es ebenso ergeht. Es wäre gut, wenn auch darüber die Medien einmal berichten würden. Durch den totalen Mangel an Personal bei der Schutzpolizei müssen unsere Männer ohnehin schon mehr Dienst machen, freie Tage werden gestrichen oder wie zur Zeit mehrmals hintereinander zwölf Stunden Dienst wegen der Chaostage - sind dann normal. l

Eine völlig "chaotische" Polizistenfrau

Die recht friedlich am Maschsee lagernden Punker wurden nicht provoziert und es handelte sich ohnehin um dieBesucher, die sich nicht an den Krawallen beteiligen wollten. Völlig unverständlich sind dagegen die politischen Vorgaben aus dem Haus des Innenministers Glogowski, seines Zeichens oberster Dienstherr der Polizei Niedersachsen. Seine Beamten durften bei Plünderungen von Geschäften nur zuschauen und sich bei der verordneten Zurückhaltung von den randalesüchtigen Chaotenkrankenhausreif schlagen lassen. Das ist nicht zu begreifen. Ein erforderliches Durchgreifen der Polizei, die allein das Machtmonopol des Staates umsetzen kann, hätte jedenfalls den Rückhalt der überwältigenden Mehrheit der Hannoveraner.

Walter Goedecke

Interessengemeinschaft Südstadt

 
 
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