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"Hannoversche Allgemeine" 10.8.95
Chaos-Tage: Land will Änderungen im Polizeigesetz
 

Hannover (sas/kw). Nach der heftigen Kritik am Polizeieinsatz während der sogenannten Chaos-Tage in Hannover plant das Land nun eine Änderung des Polizeigesetzes: Gegenwärtig müssen Festgenommene schon "bis zum Ablauf des folgenden Tages" wieder freigelassen werden. Das Innenministerium und die SPD überlegen nun, diese Frist zu verlängern. Die hannoversche Polizei hat es als mißlich angesehen, daß sie Randalierer vergangenes Wochenende wieder aus dem Gewahrsam entlassen mußte, während die Ausschreitungen noch im Gange waren.

Unterdessen müssen einige Randalierer mit Konsequenzen rechnen. Die hannoversche Staatsanwaltschaft prüft, ob Steinewerfer wegen versuchten Totschlags angeklagt werden. "Steinigen ist kein Kinderspiel, sondern eine alte Hinrichtungsform", sagte Oberstaatsanwalt Nikolaus Borchers. Nach den Ausschreitungen laufen 235 Strafverfahren, in 18 Fällen hatte die Staatsanwaltschaft Haftbefehle beantragt, 15 davon wurden erlassen. Den Tätern droht bei schwerem Landfriedensbruch eine sechsmonatige Haftstrafe. 966 Randalierer waren in Gewahrsam genommen worden.

Innenminister Gerhard Glogowski hat am Mittwoch im Landtag

Innenauschuß Versäumnissen eingeräumt, sich aber vor den hannoverschen Polizeipräsidenten Herbert Sander gestellt: "Sander hat mein Vertrauen." Es seien Fehler gewesen, Wasserwerfer zurückzuziehen und Plünderungen geschehen zu lassen. Nötige Schutzkleidung fehlte, weil über einen vor fünf Wochen eingereichten Antrag der Polizei noch nicht entschieden worden war. (Siehe auch Blick in die Zeit und Hannover)

Die Frage: nach der Verantwortung bleibt ohne Antwort

Nach den Chaos-Tagen in Hannover wächst der Druck auf den niedersächsischen Innenminister Gerhard Glogowski

VON KLAUS WALLBAUM

Hannover. Der Minister wirkt wie ausgewechselt. Sonst ist Gerhard Glogowski, der sich auf Schützenfesten wohl fühlt und gern Karnevalsreden hält, vor Publikum stets eine Ausgeburt an Geselligkeit. Er liebt flapsige Bemerkungen, geißelt häufig den Zeitgeist und redet sich dann in Rage. Diese Qualitäten läßt der Politiker jetzt vermissen. Nach der Sondersitzung des Landtagsinnenausschusses bleibt er am Mittwoch vor Journalisten ungewohnt wortkarg, antwortet nur kurz und blickt ernst. Gleiches gilt für seinen Staatssekretär Claus Henning Schapper und Hannovers Polizeipräsident Herbert Sander.

Der niedersächsische Innenminister leidet unter einem starken öffentlichen Druck. Nach den sogenannten Chaos-Tagen in Hannover folgte viel Kritik. Fünf Stunden hörte der Innenausschuß gestern die Berichte des Ministers und der Einsatzführer. Nächsten Dienstag geht es weiter. Die CDU erwägt die Bildung eines Untersuchungsausschusses und wird auf jeden Fall das Thema in den Mittelpunkt der nächsten Landtagssitzung Ende August stellen. Alles kreist um eine Frage: Wer übernimmt die Verantwortung für die Fehler?

Auch Ministerpräsident Gerhard Schröder tritt am Mittwoch vor die Presse und läßt seinerseits alle Gelegenheiten für taktische Ränkespiele aus, will sogar auf jüngste Botschaften aus der Umgebung Rudolf Scharpings nicht eingehen. Ungewohnt ernst, äußerst sachbezogen und detailliert fällt Schröders Stellungnahme aus: Solche Chaos-Tage dürfe es 1996 nicht wieder geben, die Polizei müsse "mit aller Härte auf jeden Rechtsbruch reagieren" und Gewaltbereitschaft könne "nicht als soziales Problem verklärt" werden. Die Fehler des Einsatzes müßten jetzt "analysiert und zugeordnet werden", sagt der Ministerpräsident.

Konkreter wird Schröder nicht. Er lobt dann nur kurz Glogowskis Einsatzbefehl, in dem SPD-Experte Sigmar Gc von "Deeskalation" nichts gestanden habe, der dann aber nicht korrekt umgesetzt worden sei. Will Schröder seinen Innenminister aus dem Schußfeld nehmen? Glogowski ist sein stärkster Minister, obwohl es zwischen beiden immer wieder Ärger gegeben hat. Jetzt scheinen sie in der Bewertung der Vorfälle einig zu sein und Schröders Abneigung gegenüber einer Kabinettsumbildung ist bekannt.

So wie Schröder fällt auch Glogowski ein Urteil über die Konsequenzen schwer. Der Minister trug im Ausschuß eine Mängelliste vor, die sich wie eine schallende Ohrfeige für die hannoversche Polizei liest: Es sei ein Fehler gewesen, die Gewaltbereitschaft der Randalierer zu unterschätzen, Wasserwerfer zurückzuziehen, die Plünderung des PennyMarkts in der Nordstadt zu dulden und nicht genügend Schutzbekleidung für die Polizei zu haben. Dazu Glogowski: "Ich übernehme alle Verantwortung, die dem Minister zusteht." Mit anderen Worten: Weil sein Einsatzbefehl anders aussah, will der Politiker auch nicht für dessen mangelhafte Ausführung geradestehen. Ähnlich klingt der Polizeipräsident: "Ich bin Verwaltungsbeamter und treffe keine taktische Entscheidung."

Gleichwohl wird in Hannover immer heftiger über eine Ablösung des 61jährigen Sander spekuliert. Aber die SPD will Zeit gewinnen und vielen enttäuschten Polizisten Gelegenheit geben, Luft abzulassen. Der SPD-Innenexperte Sigmar Gabriel hat seine Kur unterbrochen und inzwischen mit vielen Beamten gesprochen. Nun fordert er eingehende Gespräche mit den Leitern der Hundertschaften, womöglich auch mit den Zugführern. Ihre Sicht sollten die Beamten direkt, ungefiltert vom Dienstweg, zu Protokoll geben, sagt Gabriel. Bis der Innenausschuß das ausgewertet hat, dürften Wochen vergehen. Jede Rücktrittsforderung erschwere die Aufklärung, fügt der SPD-Politiker hinzu.

Die CDU wundert sich derweil über widersprüchliche Darstellungen der Polizei. Eine Kostprobe dafür sind die Antworten der Polizei auf die Frage, warum die Plünderung des Supermarktes stundenlang toleriert wurde. Entweder fürchteten die Beamten, dabei von aggressiven Punks getötet zu werden, oder aber der Besitzer des Ladens habe den Schutz abgelehnt. Die dritte Variante: Der Einsatzleiter habe gemeint die Plünderung sei nur eine Falle gewesen - Randalierer hätten die Polizei an locken und verprügeln wollen. X

Der Blick nach Bayern könnte den Niedersachen helfen

VON JOACHIM JAHN

Hannover. Die Höchstdauer des "Unterbindungsgewahrsams", nach dem Unruhestifter schon vorsorglich in eine Zelle gesperrt werden können, hat sich bei den sogenannten Chaos-Tagen in Hannover als zu kurz erwiesen. Dies meinen nicht nur christlich-demokratische Rechtspolitiker wie der Vorsitzende es Bundestagsrechtsausschusses, Horst Eylmann, und der niedersächsische Landesvorsitzende Christian Wulff - auch die eher SPD-geneigte Gewerkschaft der Polizei (GdP), die größte Interessenvertretung der Ordnungshüter, fordert eine längere Frist.

"Bei Großlagen wäre eine Dauer von drei oder vier Tagen sehr hilfreich", sagt GdP-Bundessprecher Rüdiger Holecek. "Schon aus Kapazitätsgründen, denn man kann nicht nur alle Randalierer zusammentreiben und einsperren, sondern muß auch jeden einzelnen betreuen und dem Haftrichter vorführen." Und das könne dauern. Seit gestern schließt auch Ministerpräsident Gerhard Schröder Änderungen am einst von SPD und Grünen gemeinsam verabschiedeten Polizeigesetz ("Gefahrenabwehrgesetz") nicht mehr aus.

In Niedersachsen beträgt die Frist nicht, wie häufig zu hören, 48 Stunden. Krawallmacher müssen vielmehr "bis zum Ablauf des folgenden Tages" entlassen werden, wenn jemand also abends in Gewahrsam genommen wird um ihn am Barrikadenbau zu hindern, so bleibt er kaum länger als 24 Stunden im Arrest. Ganz anders in Bayern: Dort hat man nach den Schlachten um die nie in Betrieb genommene Atomanlage Wackersdorf die Höchstdauer auf zwei Wochen verlängert - mit großem Erfolg, wie Michael Ziegler vom Innenministerium in München findet.

Zwar sei diese Zeitspanne noch nie ganz ausgeschöpft worden; doch habe man mehrfach einen Gewahrsam von drei, vier oder auch sechs Tagen verhängt. Als Beispiele der vergangenen Jahre nennt der Sprecher nicht nur die Ausschreitungen bei Protesten gegen den Weltwirtschaftsgipfel in München, sondern auch einen Aufmarsch von Skinheads am Geburtstag des Hitlerstellvertreters Rudolf Heß in Wunsiedel und einen NPD-Parteitag. Diejenigen, die Randale planten, seien leicht erkennbar: Wenn sie "Krähenfüße" oder Stahlzwillen mit sich führten oder wenn sie Transparente und Flugblätter mit Aufrufen zur Gewalt bei sich hätten. Das Polizeigesetzes habe eine abschreckende Wirkung. "Im gewaltbereiten Spektrum wird davor gewarnt, daß in Bayern zwei Wochen Arrest drohen wenn jemand mit Waffen in eine Polizeikontrolle gerät", sagt Ziegler.

Bayern ist mit seiner Zweiwochenfrist Vorreiter, wie der Polizeirechtler Christoph Gusy von der Universität Bielefeld erklärt. In Hamburg und Bremen gebe es im Gesetz allerdings gar keine Befristung: "Manche meinen, der vorbeugende Gewahrsam sei dort theoretisch sogar unbegrenzt lange möglich." Im CDU-regierten Sachsen gelten ebenfalls zwei Wochen, die SPD Regierung von Brandenburg hat vier Tage in ihren Entwurf hineingeschrieben. Die Regelungen seien aber umstritten, sagt der Juraprofessor: "Die einen weisen darauf hin, es gebe manchmal kein anderes Mittel, um Straftaten zu verhindern - andere sehen darin eine mißbräuchliche Verdachts- und Vorbeugestrafe."

Guys meint, dieser "schwerwiegendste Eingriff in die Grundrechte" dürfe jedenfalls nur in "extremsten" Fällen verhängt werden. Oft gebe die Polizeitaktik mildere Möglichkeiten an die Hand: rechtzeitige Kontrollen im Vorfeld etwa oder auch eine langfristig betriebene Deeskalation, die dann aber "in den Köpfen der Beamten" verankert sein müsse. Die am vergangenen Wochenende in die Kritik geratene Strategie habe sich in Nordrhein-Westfalen in den vergangenen 15 Jahren durchaus bewährt, sagt der Wissenschaftler.

In der hannoverschen Nordstadt wäre es nach seiner Ansicht vielleicht besser gewesen, die erste Barrikade nicht mit "halbmilitärischen Aufmärschen" wegzuräumen, bevor Feuer gelegt und Pflastersteine geschmissen wurden. "Manchmal ist es besser den Verkehr locker umzuleiten. Dann laufen die Aktionen der Punks ins Leere, und sie verlieren die Lust am Krawall", meint Gusy. "Wenn die dann schlafen, wird einfach abgebaut - das wäre verhältnismäßig."

Das allerdings gehe nicht in Zusammenarbeit mit dem Bundesgrenzschutz; der geradezu "als Bürgerkriegstruppe" agiere: "In Berlin hat ein örtlicher Einsatzleiter denen sogar einmal angedroht, seine eigene Hundertschaft gegen sie aufmarschieren zu lassen, wenn sie sich nicht einordnen."

 
 
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