"Neue Presse" 14.8.95
Bonn sorgt sich nach Chaos-Tagen
um Expo
Kanzleramtschef wirft Schröder "Maulheldentum"
vor
HANNOVER/BONN. Jetzt sorgen die Chaos-Tage auch noch für
einen politischen Schlagabtausch zwischen Bonn und Hannover.
Die Bundesregierung macht sich wegen der gewalttätigen
Auseinandersetzung Sorgen um die Expo. "Sommertheater" nennt
die Stadtspitze die Einmischung aus Bonn.
Kanzleramtschef Friedrich Bohl warnte, die Weltausstellung
werde "durch schwerwiegende Versäumnisse und Unfähigkeit
der niedersächsischen Landesregierung aufs Spiel gesetzt".
Den Hauptschuldigen hat er ausgemacht: "Mit Maulheldentum
und Nichtstun versucht sich Ministerpräsident Schröder
aus der Affäre zu ziehen." -
Mit großen Sprüchen lenke der Niedersachse von
der Verantwortung der Regierung für die Gewaltorgie ab.
Bohl weiter: "Erst Griefahn, jetzt Glogowski: Schröder
will alles aussitzen. Dies zeigt aber, daß es ihm, der
sich gern in der Rolle eines Kanzlerkandidaten der SPD sieht,
in Wahrheit an Entscheidungsfreude mangelt."
Der Kanzleramtschef weist darauf hin, daß Hannover
bei der Weltausstellung die Visitenkarte für den Standort
Deutschland abgeben solle. Dieses und auch die Arbeitsplätze
würden gefährdet, weil Schröder dem Treiben
der Chaoten tatenlos zusehe.
Ungewöhnlich heftig reagierte Oberbürgermeister
Herbert Schmalstieg auf diese Argumente: "Soviel Dummheit
und ARROGANZ hätte ich dem Kanzleramtsminister nicht
zugetraut." Oberstadtdirektor Jobst Fiedler warnt: "Es kann
nicht im Interesse der Bundesredgierung sein, die Expo kaputt
zu reden"
Heute wollen Schmalstieg und Fiedler erläutern, wie
die Stadt und Polizei mit den für 1996 geplanten Chaos-Tagen
umgeht: "Gleiches wird nicht stattfinden. Das schulden wir
uns selbst." Der Oberstadtdirektor bedauerte, daß die
Straßenschlacht offenbar auch in Bonn als Beweis für
einen gestörten innerstädtischen Frieden gewertet
würde. Dabei seien sie "aus makaberer Tradition entstanden";
die Stadt werde sich mit neuen Strategien gegen den Gewaltimport
zu wehren wissen
Fadenscheiniges Sommertheater
VON VERA KÖNIG
In der Beliebtheitsskala deutscher Politiker hat Ministerpräsident
Gerhard Schröder inzwischen Bundeskanzler Helmut Kohl
überrundet. In Bonn rechnen Kenner offenbar damit, daß
der populäre Niedersachse künftiger Kanzlerkandidat
der SPD sein wird. Anders läßt sich nicht erklären,
mit welch fadenscheiniger Argumentation Kohls Adlatus Bohl
Schröder zu demontieren versucht.
Um öffentlich den Eindruck zu erwecken, Schröder
habe nicht mal "sein Land" im Griff, müssen jetzt die
Chaos-Tage herhalten. Das ist ungefähr so, als würde
man Herbert Schmalstieg verantwortlich machen für das
schlechte Abschneiden von Hannover 96 in der vorigen Saison.
Land, Stadt und Polizei sind gerade dabei, Fehler beim Chaos-Einsatz
zu untersuchen, Folgerungen für künftige Jahre daraus
zu ziehen. Mit platten Vorwürfen sollte der Bund sie
bei dieser Arbeit nicht behindern. Ginge Schröder auf
dieses Sommertheater ein, hätte er schon heute die Argumente
von morgen gegen die Bundesregierung. Nach seinem Umzug an
die Spree müßte doch wohl Kohl den Kopf hinhalten
für Kreuzberger Krawalle oder?
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