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"M" 10/95
Bürgerkriegsphantasien zum Frühstück
 
von Jürgen Voges

Die "Chaos-Tage" in Hannover erzielten ein bundesweit einheitliches aber unzutreffendes " Presseecho" Der hannoversche Oberbürgermeister erfuhr in Hiroshima aus den Schlagzeilen japanischer Zeitungen' vom Untergang seiner Heimatstadt. Wir Daheimgebliebenen konnten morgens am Frühstückstisch nachlesen, was wir an den Chaostagen hatten durchmachen müssen: "Hannover: Punker"Terror - Läden geplündert. Millionenschäden. Chaoten verwüsten die Stadt." Schnell ein Blick aus dem Fenster &emdash; Verwüstung? Gottlob Fehlanzeige. Nun - das war ja auch die "Bild"Zeitung mit ihren 6"Zentimeter"Lettern. Doch auch die FAZ titelt an diesem Montag: "1500 Punker terrorisieren drei Tage lang Hannover . Und in der ,.Süddeutschen' lesen wir am gleichen 7. August: "Die ganze Stadt gleicht einem Trümmerfeld, ist übersät von Glasscherben und verkohlten Brandresten". Der Bericht zitiert eine Punkfrau mit den Worten: "Wie Bürgerkrieg, oder?" Waren wir da nächtelang als vom Pech ver folgte Reporter immer gerade am Bürgerkrieg vorbeigeradelt? Schließlich ist auch der Chaos-Korrespondenten"Bericht der Nachrichtenagentur AP mit der Zeile "Das ist hier wie im Bürgerkrieg" überschrieben. "Angst und Schrecken haben am Wochenende rund 2000 Punker aus Deutschland und vielen Ländern Europas in Hannover verbreitet", beginnt er: "Plündereien, Zerstörungen und brennende Barrikaden wurden zum Alltag der Messestadt. "

"Ab ins Lager"

Die eine oder andere Gruppe von Bunthaarigen haben Hannovers Bürger sicher während des Punkertreffens zu Gesicht bekommen. Ansonsten erlebten die allermeisten Hannoveraner das Chaos auf dem gleichen Wege wie der Rest der Bundesbürger: am Bildschirm. Dem Fernsehzuschauer dürfte nicht entgangen sein, daß da immer wieder dieselbe Straße, wenn nicht gar dieselben Bilder gezeigt wurden. Der hannoversche "Bürgerkrieg" fand im großen und ganzen in der Schaufelder Straße und einigen angrenzenden Gassen statt: Hier vor einem einstmals besetzten Fabrikgebäude, in dem längst keine Besetzer mehr wohnen, sondern junge Mieter, waren wohl insgesamt siebenmal die immer gleichen ein oder zwei Barrikaden heftig umkämpft, wurden geräumt und wieder errichtet. Einmal bauten die Punker ihre Befesti gungen freiwillig ab und fegten anschließend die Straße. Anders als es der die Medien beherrschende Begriff des "jugendlichen Randalierers" oder "Gewalttäters" glauben machen will, gab es für die Barrikaden Anlaß und Grund. Zunächst hatten fünfhundert frühzeitig nach Hannover angereiste Punks brav gefeiert und die von der Polizei verteilten Mülltüten gefüllt. Der Anlaß für den ersten Barrikadenbau am Chaos-Donnerstag war die Räumung der hannoverschen Innenstadt und der Nordstadt von allen Punkern. Mit dieser Räumung war die geplante Riesenpun kerfete polizeilicherseits abgesagt. Als dann 200 Punks das Sprengelgelände nicht mehr verlassen durften, verschanzten sie sich dort: Sie wollten sich auf keinen Fall festnehmen lassen. Auf diesen eigentlichen Grund des Barrikadenbaus verweist das Motto der diesjährigen Chaostage: "Ab ins Lager". Bei den Chaostagen 1994 hatte die Polizei schon auf den Bahnsteigen des Hauptbahnhofs nach Haarfarbe ausge wählt und durchaus grundrechtswidrig Hunderte von Punks sofort in Gewahrsam genommen. Schon damals schlug der Öffentlichkeit bei dieser Repression nach Gesichtskontrolle keineswegs das Gewissen, im Gegenteil: Selbst die Nach richtenagenturen unterstellten ernsthaft den Punks, sie hätten Hannover "in Schutt und Asche legen" wollen. Gerade wegen der Massenverhaftungen des Jahres 1994 organisierten die Bunthaarigen aber für 1995 gleich " internationale Chaostage". In deren Vorfeld kündigte die Polizei wiederum Massenverhaftungen an und verordnete sich in den Einsatz richtlinien eine "niedrige Einschreitschwelle", d die "Demonstration von Entschlossenheit" und den Grundsatz " Aktion vor Reaktion". Mit diesen unterschiedlichen Erwartungen beider Seiten war eine Kraftprobe, waren Auseinandersetzungen vorprogrammiert. Auch wenn die bun desdeutschen Medien später nur staunend dem "Ausbruch der Gewalt" gegenüberstanden, versagt hat in Hannover keine "Deeskalationsstrate gie' wie allenthalben zu lesen war. Versagt hat ein nachlesbar hartes "Offensivkonzept", das zum Eskalationskonzept wurde, weil es zeitweise mehr Steinewerfer produzierte, als die Hundertschaften im Einsatz von der Straße räumen konnten. "Vorrangiges, teilweise einziges Aggressionsziel (der Jugendlichen) war die Polizei", konstatiert zutreffend der Chaostage" Abschlußbericht der hannoverschen Polizeidirektion. Das galt aber auch umgekehrt: Ab dem Chaosfreitag hatte die Gesamteinsatzleitung nach eigenen Angaben erhebliche Probleme mit der aggressiven Stimmung innerhalb der Polizeihundertschaften: Eine Differenzierung zwischen Störern und friedlichen Punks war polizeiintern nicht mehr durchsetzbar. Auf dem weltweiten Medienmarkt war die Nachfrage nach den Krawallen der Punker immens; schließlich brachten diese schon qua Outfit ein buntes Element in die Nachrichtenwelt. Aber auch in Zeiten des Infotainments sollte es zumindest eine gewisse Kongruenz geben zwischen einem Ereignis und den erscheinenden oder gesendeten Berichten. Die bundesdeutschen Reports aus dem Chaos übertreiben maßlos, die Fantasie geht durch: "Sie (die Punks) stürmten die Bierbuden und zündeten sie an", schreibt etwa die "Hannoversche Allgemeine" am 7. 8.: über ein privates Popfestival mit 2000 Besuchern, das die Polizei als vermeintliche Punker"Veranstaltung am Chaos-Samstag räumte. Tatsächlich geraubt worden war ein einziges Bierfaß und natürlich brannte keiner der Getränkestände. An den Chaostagen gab es keine Plünderungen, zumindest nicht im Plural, der ja zwei oder auch tausend geplünderte Geschäfte meinen kann. Ausgeräumt wurde jener eine Penny"Markt just auf Barrikadenhöhe, wobei die Punks sich mit den Alkoholika und den Chipstüten eindeckten und "ansonsten brave Bürger" (so der niedersächsische Innenminister) mit Einkaufswagen oder prallen Tüten den Rest besorgten. Auch die Überschrift "Schäden erreichen viele Millionen Mark" (so nicht allein die hannoversche "Neue Presse" vom 7. 8.) erweist sich als Falschmeldung: Nach dem offiziellen Bericht beläuft sich der Sachschaden an privatem Eigentum auf 550 000 DM, wovon allein 350 000 DM eben auf die Plünderung des Penny-Marktes zurückgehen. Hinzu kommen noch Schäden an Polizeifahrzeugen durch Glasbruch oder Beulen in Höhe von "einigen zehntausend Mark" (Innenministerium). Glücklicherweise erlitten nur drei Polizeibeamte ernsthafte Verletzungen (eine Knieverletzung, eine Kopfprellung, eine Schulterverletzung). Sehr viele Polizisten trugen allerdings Blutergüsse von Steinen davon. Doch auch dies rechtfertigt nicht, von " 190 zum Teil schwer verletzten Polizisten" zu berichten. Vor allem aber wurde Hannover keineswegs verwüstet: "Sechsmal Glasbruch an Gebäuden" listet der offizielle Bericht auf&emdash;für die gesamte Chaoswoche.

Ausnahmerecht für Bunthaarigen

Die Reports aus dem Chaos sehen die Ereignisse durch die polizeiliche Brille: Die Jugendlichen fungieren als Störer, Gewalttäter, derer die Polizei habhaft werden muß. Nur: Das Ausnahmerecht für Bunthaarige. das an dem hannoverschen Chaos-Wochenende galt, war Hauptursache der Zusammenstöße. Daß da bei der Räumung eines Parks selbst noch neunjährigen Kindern aus der Nachbarschaft Handfesseln angelegt wurden, empörte hinterher niemanden. Steinewerfende Punks sollten wegen versuchten Totschlags angeklagt werden, konnte man anschließend lesen. Doch im Dienst bleiben wird jener Einsatzleiter, der einem ganzen Polizeizug das Steinewerfen befahl und hinterher öffentlich mit dieser "wirksamen Distanzwaffe" prahlte. Nach den Chaostagen teilte das Innenministerium mit, von über 1000 in Gewahrsam (sprich: Vorbeugehaft) genommenen Punks seien nur zehn innerhalb der vorgeschriebenen Acht"Stundenfrist einem Richter vorgeführt worden. Daraufhin empörten sich die Kollegen der Landespressekonferenz über die schlappe Polizei. die angeblich Gewalttäter postwendend wieder laufen ließ. In Wahrheit hatte die Polizei über siebenhundert Jugendliche ohne richterliche Entscheidung und damit ohne Rechtsgrundlage für die Chaostage unter Verschluß gehalten. Weil die Richter bei den ersten Zehn allein die bunten Haare nicht als Vorbeugehaftgrund anerkannten, führte die Polizei den großen Rest erst gar nicht vor. Von insgesamt 1986 Platzverweisen oder Aufenthaltsverboten für das gesamte Stadtgebiet spricht der offizielle Bericht über den Polizeieinsatz, und mit gutem Grund weist er die Zahl der Aufenthaltsverbote nicht gesondert aus: Die Rechtsgrundlage für dieses Stadtverbot nach Haarfarbe, das ab dem Chaosfreitag in Hannover galt, will der Innenminister nämlich erst noch schaffen. Sollten wir uns nicht einmal um die Bürgerrechte der Punks kümmern? Oder gelten für Menschen gemachte Gesetze bei Bunthaarigen nicht? Die bundesdeutschen Medien haben während der Chaostage ein im großen und ganzen einheitliches Niveau erreicht: das der "Bild"-Zeitung. Die Punks haben das in ihren Flugblättern übrigens vorausgesehen: "Vom 4. bis 6. August legen Tausende Punx aus ganz Deutschland eine ganze Stadt in Schutt und Asche", kündigten sie etwa unter der Überschrift "Hannover brennt" ihre Chaostage an und schreiben dann: "So hätten das die Medien gerne und so ähnlich werden sie es danach auch wieder darstellen. Nur wir machen da nicht mit. Wir wollen die größte Punkerfete aller Zeiten feiern und zwar, soweits die Bullen zulassen, friedlich." Allen anderslautenden Meldungen zum Trotz hat Hannover nicht gebrannt. Die Flugblätter der Punks hoben allerdings ganz bewußt auf das Haß"lmage ab: Nur eine entsprechende Chaosvorberichterstattung in den Medien, so meint man in der Szene, sorge anschließend auch für die nötige Teilnehmerzahl. Daß die Nachfrage nach Punkerchaos das Angebot bei weitem übersteigt. beweist das Oldenburger Punk" Treffen. Zwei Wochen nach den hannoverschen Chaostagen trafen sich dort achtzig Punks und vierhundert Journalisten. Und damit endlich mal eine Flasche geworfen wurde, gaben manche Kollegen einfach einen aus.

JÜRGEN VOGES

 
 
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