| von Jürgen
Voges
Die "Chaos-Tage" in Hannover erzielten
ein bundesweit einheitliches aber
unzutreffendes " Presseecho" Der
hannoversche Oberbürgermeister
erfuhr in Hiroshima aus den Schlagzeilen
japanischer Zeitungen' vom Untergang
seiner Heimatstadt. Wir Daheimgebliebenen
konnten morgens am Frühstückstisch
nachlesen, was wir an den Chaostagen
hatten durchmachen müssen:
"Hannover: Punker"Terror - Läden
geplündert. Millionenschäden.
Chaoten verwüsten die Stadt."
Schnell ein Blick aus dem Fenster
&emdash; Verwüstung? Gottlob
Fehlanzeige. Nun - das war ja auch
die "Bild"Zeitung mit ihren 6"Zentimeter"Lettern.
Doch auch die FAZ titelt an diesem
Montag: "1500 Punker terrorisieren
drei Tage lang Hannover . Und in
der ,.Süddeutschen' lesen wir
am gleichen 7. August: "Die ganze
Stadt gleicht einem Trümmerfeld,
ist übersät von Glasscherben
und verkohlten Brandresten". Der
Bericht zitiert eine Punkfrau mit
den Worten: "Wie Bürgerkrieg,
oder?" Waren wir da nächtelang
als vom Pech ver folgte Reporter
immer gerade am Bürgerkrieg
vorbeigeradelt? Schließlich
ist auch der Chaos-Korrespondenten"Bericht
der Nachrichtenagentur AP mit der
Zeile "Das ist hier wie im Bürgerkrieg"
überschrieben. "Angst und
Schrecken haben am Wochenende rund
2000 Punker aus Deutschland und
vielen Ländern Europas in Hannover
verbreitet", beginnt er: "Plündereien,
Zerstörungen und brennende
Barrikaden wurden zum Alltag der
Messestadt. "
"Ab ins Lager"
Die eine oder andere Gruppe von
Bunthaarigen haben Hannovers Bürger
sicher während des Punkertreffens
zu Gesicht bekommen. Ansonsten erlebten
die allermeisten Hannoveraner das
Chaos auf dem gleichen Wege wie
der Rest der Bundesbürger:
am Bildschirm. Dem Fernsehzuschauer
dürfte nicht entgangen sein,
daß da immer wieder dieselbe
Straße, wenn nicht gar dieselben
Bilder gezeigt wurden. Der hannoversche
"Bürgerkrieg" fand im großen
und ganzen in der Schaufelder Straße
und einigen angrenzenden Gassen
statt: Hier vor einem einstmals
besetzten Fabrikgebäude, in
dem längst keine Besetzer mehr
wohnen, sondern junge Mieter, waren
wohl insgesamt siebenmal die immer
gleichen ein oder zwei Barrikaden
heftig umkämpft, wurden geräumt
und wieder errichtet. Einmal bauten
die Punker ihre Befesti gungen freiwillig
ab und fegten anschließend
die Straße. Anders als es
der die Medien beherrschende Begriff
des "jugendlichen Randalierers"
oder "Gewalttäters" glauben
machen will, gab es für die
Barrikaden Anlaß und Grund.
Zunächst hatten fünfhundert
frühzeitig nach Hannover angereiste
Punks brav gefeiert und die von
der Polizei verteilten Mülltüten
gefüllt. Der Anlaß für
den ersten Barrikadenbau am Chaos-Donnerstag
war die Räumung der hannoverschen
Innenstadt und der Nordstadt von
allen Punkern. Mit dieser Räumung
war die geplante Riesenpun kerfete
polizeilicherseits abgesagt. Als
dann 200 Punks das Sprengelgelände
nicht mehr verlassen durften, verschanzten
sie sich dort: Sie wollten sich
auf keinen Fall festnehmen lassen.
Auf diesen eigentlichen Grund des
Barrikadenbaus verweist das Motto
der diesjährigen Chaostage:
"Ab ins Lager". Bei den Chaostagen
1994 hatte die Polizei schon auf
den Bahnsteigen des Hauptbahnhofs
nach Haarfarbe ausge wählt
und durchaus grundrechtswidrig Hunderte
von Punks sofort in Gewahrsam genommen.
Schon damals schlug der Öffentlichkeit
bei dieser Repression nach Gesichtskontrolle
keineswegs das Gewissen, im Gegenteil:
Selbst die Nach richtenagenturen
unterstellten ernsthaft den Punks,
sie hätten Hannover "in Schutt
und Asche legen" wollen. Gerade
wegen der Massenverhaftungen des
Jahres 1994 organisierten die Bunthaarigen
aber für 1995 gleich " internationale
Chaostage". In deren Vorfeld kündigte
die Polizei wiederum Massenverhaftungen
an und verordnete sich in den Einsatz
richtlinien eine "niedrige Einschreitschwelle",
d die "Demonstration von Entschlossenheit"
und den Grundsatz " Aktion vor Reaktion".
Mit diesen unterschiedlichen Erwartungen
beider Seiten war eine Kraftprobe,
waren Auseinandersetzungen vorprogrammiert.
Auch wenn die bun desdeutschen Medien
später nur staunend dem "Ausbruch
der Gewalt" gegenüberstanden,
versagt hat in Hannover keine "Deeskalationsstrate
gie' wie allenthalben zu lesen war.
Versagt hat ein nachlesbar hartes
"Offensivkonzept", das zum Eskalationskonzept
wurde, weil es zeitweise mehr Steinewerfer
produzierte, als die Hundertschaften
im Einsatz von der Straße
räumen konnten. "Vorrangiges,
teilweise einziges Aggressionsziel
(der Jugendlichen) war die Polizei",
konstatiert zutreffend der Chaostage"
Abschlußbericht der hannoverschen
Polizeidirektion. Das galt aber
auch umgekehrt: Ab dem Chaosfreitag
hatte die Gesamteinsatzleitung nach
eigenen Angaben erhebliche Probleme
mit der aggressiven Stimmung innerhalb
der Polizeihundertschaften: Eine
Differenzierung zwischen Störern
und friedlichen Punks war polizeiintern
nicht mehr durchsetzbar. Auf dem
weltweiten Medienmarkt war die Nachfrage
nach den Krawallen der Punker immens;
schließlich brachten diese
schon qua Outfit ein buntes Element
in die Nachrichtenwelt. Aber auch
in Zeiten des Infotainments sollte
es zumindest eine gewisse Kongruenz
geben zwischen einem Ereignis und
den erscheinenden oder gesendeten
Berichten. Die bundesdeutschen Reports
aus dem Chaos übertreiben maßlos,
die Fantasie geht durch: "Sie (die
Punks) stürmten die Bierbuden
und zündeten sie an", schreibt
etwa die "Hannoversche Allgemeine"
am 7. 8.: über ein privates
Popfestival mit 2000 Besuchern,
das die Polizei als vermeintliche
Punker"Veranstaltung am Chaos-Samstag
räumte. Tatsächlich geraubt
worden war ein einziges Bierfaß
und natürlich brannte keiner
der Getränkestände. An
den Chaostagen gab es keine Plünderungen,
zumindest nicht im Plural, der ja
zwei oder auch tausend geplünderte
Geschäfte meinen kann. Ausgeräumt
wurde jener eine Penny"Markt just
auf Barrikadenhöhe, wobei die
Punks sich mit den Alkoholika und
den Chipstüten eindeckten und
"ansonsten brave Bürger" (so
der niedersächsische Innenminister)
mit Einkaufswagen oder prallen Tüten
den Rest besorgten. Auch die Überschrift
"Schäden erreichen viele Millionen
Mark" (so nicht allein die hannoversche
"Neue Presse" vom 7. 8.) erweist
sich als Falschmeldung: Nach dem
offiziellen Bericht beläuft
sich der Sachschaden an privatem
Eigentum auf 550 000 DM, wovon allein
350 000 DM eben auf die Plünderung
des Penny-Marktes zurückgehen.
Hinzu kommen noch Schäden an
Polizeifahrzeugen durch Glasbruch
oder Beulen in Höhe von "einigen
zehntausend Mark" (Innenministerium).
Glücklicherweise erlitten nur
drei Polizeibeamte ernsthafte Verletzungen
(eine Knieverletzung, eine Kopfprellung,
eine Schulterverletzung). Sehr viele
Polizisten trugen allerdings Blutergüsse
von Steinen davon. Doch auch dies
rechtfertigt nicht, von " 190 zum
Teil schwer verletzten Polizisten"
zu berichten. Vor allem aber wurde
Hannover keineswegs verwüstet:
"Sechsmal Glasbruch an Gebäuden"
listet der offizielle Bericht auf&emdash;für
die gesamte Chaoswoche.
Ausnahmerecht für Bunthaarigen
Die Reports aus dem Chaos sehen
die Ereignisse durch die polizeiliche
Brille: Die Jugendlichen fungieren
als Störer, Gewalttäter,
derer die Polizei habhaft werden
muß. Nur: Das Ausnahmerecht
für Bunthaarige. das an dem
hannoverschen Chaos-Wochenende galt,
war Hauptursache der Zusammenstöße.
Daß da bei der Räumung
eines Parks selbst noch neunjährigen
Kindern aus der Nachbarschaft Handfesseln
angelegt wurden, empörte hinterher
niemanden. Steinewerfende Punks
sollten wegen versuchten Totschlags
angeklagt werden, konnte man anschließend
lesen. Doch im Dienst bleiben wird
jener Einsatzleiter, der einem ganzen
Polizeizug das Steinewerfen befahl
und hinterher öffentlich mit
dieser "wirksamen Distanzwaffe"
prahlte. Nach den Chaostagen teilte
das Innenministerium mit, von über
1000 in Gewahrsam (sprich: Vorbeugehaft)
genommenen Punks seien nur zehn
innerhalb der vorgeschriebenen Acht"Stundenfrist
einem Richter vorgeführt worden.
Daraufhin empörten sich die
Kollegen der Landespressekonferenz
über die schlappe Polizei.
die angeblich Gewalttäter postwendend
wieder laufen ließ. In Wahrheit
hatte die Polizei über siebenhundert
Jugendliche ohne richterliche Entscheidung
und damit ohne Rechtsgrundlage für
die Chaostage unter Verschluß
gehalten. Weil die Richter bei den
ersten Zehn allein die bunten Haare
nicht als Vorbeugehaftgrund anerkannten,
führte die Polizei den großen
Rest erst gar nicht vor. Von insgesamt
1986 Platzverweisen oder Aufenthaltsverboten
für das gesamte Stadtgebiet
spricht der offizielle Bericht über
den Polizeieinsatz, und mit gutem
Grund weist er die Zahl der Aufenthaltsverbote
nicht gesondert aus: Die Rechtsgrundlage
für dieses Stadtverbot nach
Haarfarbe, das ab dem Chaosfreitag
in Hannover galt, will der Innenminister
nämlich erst noch schaffen.
Sollten wir uns nicht einmal um
die Bürgerrechte der Punks
kümmern? Oder gelten für
Menschen gemachte Gesetze bei Bunthaarigen
nicht? Die bundesdeutschen Medien
haben während der Chaostage
ein im großen und ganzen einheitliches
Niveau erreicht: das der "Bild"-Zeitung.
Die Punks haben das in ihren Flugblättern
übrigens vorausgesehen: "Vom
4. bis 6. August legen Tausende
Punx aus ganz Deutschland eine ganze
Stadt in Schutt und Asche", kündigten
sie etwa unter der Überschrift
"Hannover brennt" ihre Chaostage
an und schreiben dann: "So hätten
das die Medien gerne und so ähnlich
werden sie es danach auch wieder
darstellen. Nur wir machen da nicht
mit. Wir wollen die größte
Punkerfete aller Zeiten feiern und
zwar, soweits die Bullen zulassen,
friedlich." Allen anderslautenden
Meldungen zum Trotz hat Hannover
nicht gebrannt. Die Flugblätter
der Punks hoben allerdings ganz
bewußt auf das Haß"lmage
ab: Nur eine entsprechende Chaosvorberichterstattung
in den Medien, so meint man in der
Szene, sorge anschließend
auch für die nötige Teilnehmerzahl.
Daß die Nachfrage nach Punkerchaos
das Angebot bei weitem übersteigt.
beweist das Oldenburger Punk" Treffen.
Zwei Wochen nach den hannoverschen
Chaostagen trafen sich dort achtzig
Punks und vierhundert Journalisten.
Und damit endlich mal eine Flasche
geworfen wurde, gaben manche Kollegen
einfach einen aus.
JÜRGEN VOGES
|