Krawalle
in Hannover dienen US-Buchautor Tom
Clancy als Bestsellervorlage
Ballern, was das Zeug hält
Die Chaos-Tage machen Hannover in
den USA bekannt: Der amerikanische
Bestseller-Autor Tom Clancy hat
für sein neuestes Buch "
OP Center - Games of state"
die Punkkrawalle als Vorlage gewählt
und kräftig durch den Action-Woif
gedreht. Die HAZ stelt das Buch
und den Autor vor.
Donnerstag, 9.47 Uhr, Garbsen, Germany:
Ein US-Filmteam wird bei den Dreharbeiten
von Terroristen überfallen.
Die Führung der Politgangster
liegt in den Händen von Karin
Dering, einer der bekanntesten Figuren
der deutschen Neonazi-Szene. Unter
den Opfern ist mit Jody Thompson
eine junge Amerikanerin.
Doch keine Angst, für solche
Fälle hat die US-Regierung
mit Paul Hood und seinen Jungs ein
schlagkräftiges Team in der
Hinterhand. Und in Nullkomma nichts
ist das Problem gelöst, die
Frau gerettet, der Frieden wieder
hergestellt, und der Leser von Tom
Clancys "Games of State"
kann entspannt aufatmen.
Das Buch des Bestsellerautors wäre
also eigentlich kaum der Rede wert,
wenn nicht
zum ersten Mal Hannover und die
Chaos-Tage als Kulisse für
ein richtig schön
dramatisches Verschwörungsabenteuer
benutzt würden. Zwar kennt
sich Clancy am "Leine River"
kaum aus, aber selbst jenseits des
großen Teiches gibt es ja
Stadtpläne und Fotografien
der niedersächsischen Landeshauptstadt.
Hannover, stellt Agent Bob Herbert
bei seinem Eintreffen fest, "ist
während des Zweiten Weltkrieges
schwer durch Bomben zerstört
wurden. Plunked between the modern
buildings were pockets of sixteenth-century
architecture, timbered homes beside
narrow roads and old Baroque Gardens.
"
Diese Stadt, denkt unser Herbert,
als er über den bekannten Rathenauplatz
fährt, "ist aber auch
ein Ort mit zwei verschiedenen menschlichen
Gesichtern". Kurzerhand verfolgt
er eines dieser Visagen: Drei Skinheads
auf Motorrädem, die natürlich
nicht zum "Sprengel Museum
of modern art" unterwegs sind,
sondern zur "Beer-Hall."
Eine Lokalität im Stil des
Münchener Hofbräuhauses,
die aber gleichwohl von Clancy nur
zehn Minuten vom Rathenauplatz entfernt
in der hannoverschen City angesiedelt
wird.
Denn solche Feinheiten und regionalen
Unterschiede verlieren aus der globalen
US-Fernsicht ihre Bedeutung. Germany
istund bleibt Bayern.Und deutsche
Punks tragen zwar noch keine Sepplhosen,
sind aber richtige Neonazis. Das
behauptet nähmlich der Autor,
der offenbar im vergangenen Jahr
bei den CNN-Berichten aus Hannover
nicht so genau hingeguckt hat.
Und so beginnen in seinem Roman
in der besagten Beer-Hall, wie alle
Jahre wieder,
die von den Rechtsradikalen veranstalteten
Chaos-Tage.
Agent Herbert indes hat Pech. Er
wird von den glatzköpfigen
Chaoten gar nicht erst hineingelassen,
muß sich sogar unter Polizeischutz
zurückziehen und wird plötzlich
von einem Lieferwagen verfolgt.
Dann kracht es, dann wird geballert,
was das Zeug hält und zwischen
Lange Laube, Goethe Strasse und
Rathenau Strasse beginnt eine hollywoodreife
Verfolgungsjagd. "Now, they're
after my ass", sagt dazu Herbert
lapidar und hat Recht.
Aber der Mann ist zum Glück
nicht allein. Er hat ständig
Kontakt zu seiner amerikanischen
Einsatzzentrale, die wiederum hat
auf ihrem Computer einen hannoverschen
Stadtplan und gibt ihrem bedrohten
Agenten über Satellit genaue
Anweisungen wie: "Bäb,
geh auf die Goethe Strasse und halt
Dich danach östlich, wenn Du
kannst. Es ist der direkte Weg zur
Rathenau Strasse, die nach Süden
führt." Und nach einer
seitenlangen Irrfahrt kommt Agent
Herbert dann doch noch rechtzeitig
zum Showdown in Wunstorf, Germany.
Am Freitag um 12.04 Uhr sind die
Chaoten vernichtet. Das Problem
"ChaosTage" hat sich erledigt.
Und die Moral von der Geschicht?
Von Amerika lemen, heißt:
Siegen lernen!
ERNST CORINTH
Der Erfinder des Techno-Thrillers
Im neu vereinten Deutschland werden
alte Schrecken neu geboren. Es ist
der Anfang der Chaos-Tage, eine
Zeit, in der Neonazi-Gruppen zusammentreffen,
um Gewalt zu verbreiten und tote
Träume auferstehen zu lassen.
Nur ist diesmal Deutschland nicht
das einzige Ziel. Es ist
geplant, ganz Europa zu destabilisieren
und auch die USA ins Chaos zu stürzen."
So wirbt das Verlagshaus Berkley
Pubhshing in den USA für den
neuen Roman des Bestseller-Autors
Tom Clancy"OP Center: Games
of State". Die Chaos-Tage in
Hannover werden in Taschenbuch-Fiktion
verewigt: Die Punkkrawalle liefern
Clancy die Grundlage.
Clancy gilt als der Erfinder des
literarischen Genres "Techno-Thfiller".
Er beherrscht die Kunst, zeitgenössische
politische und gesellschaftliche
Ereignisse aufzublähen und
realistisch wirkende Action-Geschichten
darauf aufzubauen. 1984 schrieb
er seinen ersten Bestseller: "Jagd
auf den Roten Oktober", der
wie auch "Die Stunde der Patrioten"
in Hollywood verfilmt und zum Kinohit
wurde.
Clancy hat mittlerweile eine treue
Leserschaft und der Erfolg seiner
Romane ist bereits vorprogrammiert.
Zum Thema gemacht hat er den Kampf
des US-Militärs gegen die südamerikanische
Drogenmafia, die amerikanisch-sowjetischen
Beziehungen gegen Ende des Kalten
Krieges, den intemationalen Terrorismus
und die militärische Eroberung
des Weltraums. Dazu ein Schuß
Sex und Romantik, detailgetreue
Beschreibungen von Schiffen und
Flugzeugen, sowie neueste Entwicklungen
in moderner Kommunikationstechnologie
und Kriegsführung - das ist
sein Erfolgsrezept.
Im vergangenen Jahr ist der mehrere
Millionen Dollar schwere Autor eine
Kooperation mit Steve Pieczenik
eingegangen. Gemeinsam verfassen
sie die OP Center-Bücher, eine
neue Serie, die nur im Taschenbuchformat
auf den Markt kommt und auch für
das Fernsehen verfilmt werden soll.
Pieczenik war selbst mehrere Jahre
als Krisenmanager tätig und
hat mit Geiselnehmern verhandelt.
Er ist studierter Psychiater und
Politikwissenschaftler. In manchen
Buchlisten wird er als der eigentliche
Verfasser der OP-Center-Serie, von
der bisher drei Folgen erschienen
sind, genannt. OP Center ist ein
Code-Name für ein supergeheimes
Krisenzentrum, das direkt der US-Regierung
unterstellt ist. Das Team unter
der Leitung von Paul Hood wird nur
eingeschaltet, wenn höchste
Alarmstufe für die innere Sicherheit
der Vereinigten
Staaten und ihren Verbündeten
gegeben ist.
"Games of State" ist die
dritte Folge in der OP-Center-Serie.
Die" Chaos-Tage in Hannover"
werden als ein Karneval des Hasses
beschrieben. Alljährlich würden
die Bürger der Stadt drei
Tage lang in Angst und Schrecken
gestürzt - ein Stück Endzeitphantasie,
das
den Autor offensichthch fasziniert
hat.
Der Roman ist im Juni dieses Jahres
auf den Markt gekommen und plazierte
sich innerhalb weniger Wochen in
der "Publishers' Weekly"-Bestsellerliste
unter den zehn erfolgreichsten Taschenbüchern.
Ob es den Chaos-Krimi demnächst
auch auf der Leinwand zu sehen gibt,
ist ungewiß. Vom Autor selbst
ist darüber gar nichts zu erfahren.
Clancy gibt zur Zeit keine Interviews
und auch sein Verlagshaus hält
sich mit Informationen über
das neue Buch merklich zurück.
Verfilmt wurde bisher nur das erste
Buch aus der OPCenter-Serie. Aber
nach Auskunft des Hauses, immerhin
so viel lassen sich die Damen und
Herren entlocken, ist es durchaus
möglich, daß aus "Games
of State" ein neuer actiongeladener
Fernsehfilm gemacht wird und die
hannoverschen Chaos-Tage jedem Amerikaner
ein Begriff werden.
INGRIDKOLLE
HAZ 26.07.96
Der erste Schwung ist vergriffen
Wer das Taschenbuch" OP Center
- Games of state" von Tom Clancy
in Hannover kaufen will, muß
sich zur Zeit ein wenig gedulden.
Bei der Buchhandlung Schmorl &
von Seefeld am Kröpcke ist
die erste Lieferung bereits ausverkauft.
"Wir warten auf den zweiten
Schwung", sagt eine Mitarbeiterin.
Es gebe schon wieder mehrere Anfragen,
obwohl "OP Ceziter - Games
of state" (ISBN 0-00-649844-2)
bislang nur in englischer Sprache
erhältlich ist.
Das rege Interesse gehe in diesem
Fall schon deutlich auf den Hannover-Bezug
zurück, wenngleich Clancy ein
bekannter Autor sei und auch die
beiden Vorgänger in der OP-Center-Serie
schon eine treue Leserschaft gehabt
hätten.
Auch die Buchhandlung Sachse &
Heinzelmann in der Georgstraße
wartet zur Zeit auf eine Lieferung
der englischen Fassung. Im Januar
soll das Buch dann auch Thrillerfreunden
zugänglich werden, die fremdsprachlich
nicht so bewandert sind: Der Heyne-Verlag
bringt das Taschenbuch dann auch
in deutscher Sprache zum Preis von
14 Mark auf den Markt.
uj
Standortfaktor?
Endzeit-City
Die Expo-Gesellschaft hängt
teure Fähnchen auf, läßt
Aufkleber drucken und bemüht
sich auch sonst nach Kräften,
Hannover in der Welt als Expo-Stadt
zu verkaufen. Die Chaos-Tage inspirieren
einen amerikanischen Autoren zu
einem wilden Action-Roman am Originalschauplatz.
Das Ding verkauft sich wie verrückt.
Wie logisch. Jetzt nehmen sie uns
ernst. Autos bauen konnten wir ja
immer schon, aber sonst herrschte
Beschaulichkeit mit Eisbein, Bier
und Lederhose. Und nun kommt Endzeit-City
Hannover, eine Stadt mit ausreichend
Haßpotential, das wahre Leben
eben. Ein bißchen wie Los
Angeles. Das Horrorszenario im Buch
entspringt zwar im wesentlichen
der blühenden Phantasie des
Autors, aber schließlich muß
es richtig fetzen.
Aber Hannover wird den Lesern im
Gedächtnis bleiben. Und wenn
auch Antiwerbung Werbung ist, dann
hat Hannover noch nie bessere Werbung
gehabt als durch diesen amerikanischen
Bestseller. Die Amerikaner werden
zur Expo in die Chaos-Stadt fahren
und sich wundern, warum es noch
kein ChaosMuseum gibt. Sie werden
die "Rathenau Strasse"
besichtigen und die Goethe Strasse"
und sie werden den See im Welfengarten
vermissen. Aber den kann die Stadt
bis dahin ja noch anlegen. Genau
wie einen kleinen Erlebnispark,
in dem in ein tollen Stunt-Show
die Hauereien nachgestellt werden.
Mit haßerfüllten und
natürlich rechtsradikalen Punks,
mit dummen Polizisten und einem
Superhelden, der die Bösen
allein besiegt und nebenbei die
Kripochefin aufreißt. Und
am Ausgang flattern müde Expofähnehen.
uj
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