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"Hannoversche Allgemeine Zeitung" 26.07.96
Exportschlager Chaos-Tage:
 
Krawalle in Hannover dienen US-Buchautor Tom Clancy als Bestsellervorlage
Ballern, was das Zeug hält


Die Chaos-Tage machen Hannover in den USA bekannt: Der amerikanische Bestseller-Autor Tom Clancy hat für sein neuestes Buch " OP Center - Games of state" die Punkkrawalle als Vorlage gewählt und kräftig durch den Action-Woif gedreht. Die HAZ stelt das Buch und den Autor vor.

Donnerstag, 9.47 Uhr, Garbsen, Germany: Ein US-Filmteam wird bei den Dreharbeiten von Terroristen überfallen. Die Führung der Politgangster liegt in den Händen von Karin Dering, einer der bekanntesten Figuren der deutschen Neonazi-Szene. Unter den Opfern ist mit Jody Thompson eine junge Amerikanerin.
Doch keine Angst, für solche Fälle hat die US-Regierung mit Paul Hood und seinen Jungs ein schlagkräftiges Team in der Hinterhand. Und in Nullkomma nichts ist das Problem gelöst, die Frau gerettet, der Frieden wieder hergestellt, und der Leser von Tom Clancys "Games of State" kann entspannt aufatmen.
Das Buch des Bestsellerautors wäre also eigentlich kaum der Rede wert, wenn nicht
zum ersten Mal Hannover und die Chaos-Tage als Kulisse für ein richtig schön
dramatisches Verschwörungsabenteuer benutzt würden. Zwar kennt sich Clancy am "Leine River" kaum aus, aber selbst jenseits des großen Teiches gibt es ja Stadtpläne und Fotografien der niedersächsischen Landeshauptstadt.
Hannover, stellt Agent Bob Herbert bei seinem Eintreffen fest, "ist während des Zweiten Weltkrieges schwer durch Bomben zerstört wurden. Plunked between the modern buildings were pockets of sixteenth-century architecture, timbered homes beside narrow roads and old Baroque Gardens. "
Diese Stadt, denkt unser Herbert, als er über den bekannten Rathenauplatz fährt, "ist aber auch ein Ort mit zwei verschiedenen menschlichen Gesichtern". Kurzerhand verfolgt er eines dieser Visagen: Drei Skinheads auf Motorrädem, die natürlich nicht zum "Sprengel Museum of modern art" unterwegs sind, sondern zur "Beer-Hall." Eine Lokalität im Stil des Münchener Hofbräuhauses, die aber gleichwohl von Clancy nur zehn Minuten vom Rathenauplatz entfernt in der hannoverschen City angesiedelt wird.
Denn solche Feinheiten und regionalen Unterschiede verlieren aus der globalen US-Fernsicht ihre Bedeutung. Germany istund bleibt Bayern.Und deutsche Punks tragen zwar noch keine Sepplhosen, sind aber richtige Neonazis. Das behauptet nähmlich der Autor, der offenbar im vergangenen Jahr bei den CNN-Berichten aus Hannover nicht so genau hingeguckt hat.
Und so beginnen in seinem Roman in der besagten Beer-Hall, wie alle Jahre wieder,
die von den Rechtsradikalen veranstalteten Chaos-Tage.
Agent Herbert indes hat Pech. Er wird von den glatzköpfigen Chaoten gar nicht erst hineingelassen, muß sich sogar unter Polizeischutz zurückziehen und wird plötzlich von einem Lieferwagen verfolgt. Dann kracht es, dann wird geballert, was das Zeug hält und zwischen Lange Laube, Goethe Strasse und Rathenau Strasse beginnt eine hollywoodreife Verfolgungsjagd. "Now, they're after my ass", sagt dazu Herbert lapidar und hat Recht.

Aber der Mann ist zum Glück nicht allein. Er hat ständig Kontakt zu seiner amerikanischen Einsatzzentrale, die wiederum hat auf ihrem Computer einen hannoverschen Stadtplan und gibt ihrem bedrohten Agenten über Satellit genaue Anweisungen wie: "Bäb, geh auf die Goethe Strasse und halt Dich danach östlich, wenn Du kannst. Es ist der direkte Weg zur Rathenau Strasse, die nach Süden führt." Und nach einer seitenlangen Irrfahrt kommt Agent Herbert dann doch noch rechtzeitig zum Showdown in Wunstorf, Germany.

Am Freitag um 12.04 Uhr sind die Chaoten vernichtet. Das Problem "ChaosTage" hat sich erledigt. Und die Moral von der Geschicht? Von Amerika lemen, heißt: Siegen lernen!

ERNST CORINTH

Der Erfinder des Techno-Thrillers

Im neu vereinten Deutschland werden alte Schrecken neu geboren. Es ist der Anfang der Chaos-Tage, eine Zeit, in der Neonazi-Gruppen zusammentreffen, um Gewalt zu verbreiten und tote Träume auferstehen zu lassen. Nur ist diesmal Deutschland nicht das einzige Ziel. Es ist
geplant, ganz Europa zu destabilisieren und auch die USA ins Chaos zu stürzen."
So wirbt das Verlagshaus Berkley Pubhshing in den USA für den neuen Roman des Bestseller-Autors Tom Clancy"OP Center: Games of State". Die Chaos-Tage in
Hannover werden in Taschenbuch-Fiktion verewigt: Die Punkkrawalle liefern Clancy die Grundlage.
Clancy gilt als der Erfinder des literarischen Genres "Techno-Thfiller". Er beherrscht die Kunst, zeitgenössische politische und gesellschaftliche Ereignisse aufzublähen und
realistisch wirkende Action-Geschichten darauf aufzubauen. 1984 schrieb er seinen ersten Bestseller: "Jagd auf den Roten Oktober", der wie auch "Die Stunde der Patrioten" in Hollywood verfilmt und zum Kinohit wurde.
Clancy hat mittlerweile eine treue Leserschaft und der Erfolg seiner Romane ist bereits vorprogrammiert. Zum Thema gemacht hat er den Kampf des US-Militärs gegen die südamerikanische Drogenmafia, die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen gegen Ende des Kalten Krieges, den intemationalen Terrorismus und die militärische Eroberung des Weltraums. Dazu ein Schuß Sex und Romantik, detailgetreue Beschreibungen von Schiffen und Flugzeugen, sowie neueste Entwicklungen in moderner Kommunikationstechnologie und Kriegsführung - das ist sein Erfolgsrezept.
Im vergangenen Jahr ist der mehrere Millionen Dollar schwere Autor eine Kooperation mit Steve Pieczenik eingegangen. Gemeinsam verfassen sie die OP Center-Bücher, eine neue Serie, die nur im Taschenbuchformat auf den Markt kommt und auch für das Fernsehen verfilmt werden soll. Pieczenik war selbst mehrere Jahre als Krisenmanager tätig und hat mit Geiselnehmern verhandelt.
Er ist studierter Psychiater und Politikwissenschaftler. In manchen Buchlisten wird er als der eigentliche Verfasser der OP-Center-Serie, von der bisher drei Folgen erschienen sind, genannt. OP Center ist ein Code-Name für ein supergeheimes Krisenzentrum, das direkt der US-Regierung unterstellt ist. Das Team unter der Leitung von Paul Hood wird nur eingeschaltet, wenn höchste Alarmstufe für die innere Sicherheit der Vereinigten
Staaten und ihren Verbündeten gegeben ist.
"Games of State" ist die dritte Folge in der OP-Center-Serie. Die" Chaos-Tage in Hannover" werden als ein Karneval des Hasses beschrieben. Alljährlich würden die Bürger der Stadt drei
Tage lang in Angst und Schrecken gestürzt - ein Stück Endzeitphantasie, das
den Autor offensichthch fasziniert hat.
Der Roman ist im Juni dieses Jahres auf den Markt gekommen und plazierte sich innerhalb weniger Wochen in der "Publishers' Weekly"-Bestsellerliste unter den zehn erfolgreichsten Taschenbüchern. Ob es den Chaos-Krimi demnächst auch auf der Leinwand zu sehen gibt, ist ungewiß. Vom Autor selbst ist darüber gar nichts zu erfahren. Clancy gibt zur Zeit keine Interviews und auch sein Verlagshaus hält sich mit Informationen über das neue Buch merklich zurück. Verfilmt wurde bisher nur das erste Buch aus der OPCenter-Serie. Aber nach Auskunft des Hauses, immerhin so viel lassen sich die Damen und Herren entlocken, ist es durchaus möglich, daß aus "Games of State" ein neuer actiongeladener Fernsehfilm gemacht wird und die hannoverschen Chaos-Tage jedem Amerikaner ein Begriff werden.

INGRIDKOLLE

HAZ 26.07.96
Der erste Schwung ist vergriffen

Wer das Taschenbuch" OP Center - Games of state" von Tom Clancy in Hannover kaufen will, muß sich zur Zeit ein wenig gedulden. Bei der Buchhandlung Schmorl & von Seefeld am Kröpcke ist die erste Lieferung bereits ausverkauft. "Wir warten auf den zweiten Schwung", sagt eine Mitarbeiterin. Es gebe schon wieder mehrere Anfragen, obwohl "OP Ceziter - Games of state" (ISBN 0-00-649844-2) bislang nur in englischer Sprache erhältlich ist.
Das rege Interesse gehe in diesem Fall schon deutlich auf den Hannover-Bezug zurück, wenngleich Clancy ein bekannter Autor sei und auch die beiden Vorgänger in der OP-Center-Serie schon eine treue Leserschaft gehabt hätten.
Auch die Buchhandlung Sachse & Heinzelmann in der Georgstraße wartet zur Zeit auf eine Lieferung der englischen Fassung. Im Januar soll das Buch dann auch Thrillerfreunden zugänglich werden, die fremdsprachlich nicht so bewandert sind: Der Heyne-Verlag bringt das Taschenbuch dann auch in deutscher Sprache zum Preis von 14 Mark auf den Markt.
uj


Standortfaktor?
Endzeit-City

Die Expo-Gesellschaft hängt teure Fähnchen auf, läßt Aufkleber drucken und bemüht sich auch sonst nach Kräften, Hannover in der Welt als Expo-Stadt zu verkaufen. Die Chaos-Tage inspirieren einen amerikanischen Autoren zu einem wilden Action-Roman am Originalschauplatz. Das Ding verkauft sich wie verrückt. Wie logisch. Jetzt nehmen sie uns ernst. Autos bauen konnten wir ja immer schon, aber sonst herrschte Beschaulichkeit mit Eisbein, Bier und Lederhose. Und nun kommt Endzeit-City Hannover, eine Stadt mit ausreichend Haßpotential, das wahre Leben eben. Ein bißchen wie Los Angeles. Das Horrorszenario im Buch entspringt zwar im wesentlichen der blühenden Phantasie des Autors, aber schließlich muß es richtig fetzen.
Aber Hannover wird den Lesern im Gedächtnis bleiben. Und wenn auch Antiwerbung Werbung ist, dann hat Hannover noch nie bessere Werbung gehabt als durch diesen amerikanischen Bestseller. Die Amerikaner werden zur Expo in die Chaos-Stadt fahren und sich wundern, warum es noch kein ChaosMuseum gibt. Sie werden die "Rathenau Strasse" besichtigen und die Goethe Strasse" und sie werden den See im Welfengarten vermissen. Aber den kann die Stadt bis dahin ja noch anlegen. Genau wie einen kleinen Erlebnispark, in dem in ein tollen Stunt-Show die Hauereien nachgestellt werden. Mit haßerfüllten und natürlich rechtsradikalen Punks, mit dummen Polizisten und einem Superhelden, der die Bösen allein besiegt und nebenbei die Kripochefin aufreißt. Und am Ausgang flattern müde Expofähnehen.
uj

 

 
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