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"Frankfurter Allgemeine Zeitung" 05.08.1996
Das Lehen ist bunter als Punkerhaar

"Chaos-Tage” in Hannover - und nur die Polizei ging hin

HANNOVER, 4. August. Zu den Überraschungen der Chaos-Tage gehört die Entdeckung, daß es Leute gibt, die nach Hannover kommen, um hier ihren Urlaub zu verbringen. Jan Krautwald, ein 24 Jahre alter Koch und Freizeitpunker aus Kassel, hatte sich genau dies in den Kopf gesetzt. Kein Wunder, daß der Urlauber mit dem steil zu Berge stehenden Haar den Polizisten gleich doppelt verdächtig vorkam. Prompt erhielt er einen polizeilichen Platzverweis. Aber Krautwald konnte glaubhaft nachweisen, daß er ordentliche Gastgeber in Hannover hat, die dank seiner Trauzeugenschaft seit zwei Wochen sogar richtig verheiratet sind. Unter diesen Umständen ließ sich Polizeipräsident Klosa nicht lange bitten und hob den Platzverweis persönlich wieder auf. Das Leben ist eben bunter als das bunteste Punkerhaar.

Wer hätte zum Beispiel gedacht, daß in dem verwegenen Haufen, der tagtäglich die Treppe der Lutherkirche in der Nordstadt verunziert, auch ein Punker namens Knö sitzt, der von sich behauptet, er arbeite für den Pastor und räume immer den Müll vor dem Gotteshaus weg? Knö aber muß sich der Maßgabe des Oberstadtdirektors Fiedler fügen, wonach "in dieser weltoffenen Stadt an 362 Tagen im Jahr auch abweichendes Verhalten möglich” sei, nur nicht gerade an jenem ersten August-Wochenende, das die Punk-Szene zu Chaos-Tagen erklärt habe. Nun wird Knö vermutlich darüber grübeln, worin sein abweichendes Verhalten bestanden hat: im Zeigen punktypischer Merkmale oder in seiner punkuntypischen Reinheitsliebe.

Verkehrte Welt spielen auch die Bewohner des Sprengelgeländes, eines alternativen Wohnprojekts, das im vergangenen Jahr Anlaufstelle für zugereiste Chaoten und Brennpunkt der Straßenkrawalle in der Nordstadt war. Als am Freitag mittag unangemelet Innenminister Glogowski in Begleitung der Polizeispitze ihr Gelände inspiziert, fegen einige Sprengelaner demonstrativ den Bürgersteig. Ansonsten bemühen sich die überwiegend schwarz gewandeten Gestalten am Tor des Sprengelgeländes, möglichst schlechtgelaunt auszusehen. Auf der blaugetünchten Giebelwand der ehemaligen Kofferfabrik, die jetzt ihre Behausung ist, prangt die Inschrift: "Die Revolution ist großartig! Alles andere ist Quark.” Heute findet hier alles andere als eine Revolution statt, soll die Reinemacheaktion wohl besagen. Folglich dürften die Sprengelaner den Auftrieb für "Quark” halten, den der Innenminister und die Polizei an diesem Wochenende veranstaltet haben.

Der Klagesmarkt, ein großer Parkplatz zwischen Nordstadt und Zentrum, ist in ein Heerlager verwandelt worden. Die Polizei zeigt ihre Instrumente her. Vier vollbetankte Wasserwerfer, drei Räumpanzer und etwa zwanzig Mannschaftswagen stehen in der prallen Sonne, wie zum Tag der offenen Tür aufgereiht. Die Beamten haben sich ihrer schweren Kampfmonturen entledigt und dösen im schmalen Schatten ihrer Kleinbusse. Viel Grün ist auch rund um die Lutherkirche zu sehen. Die Bunthaarigen, die sich jetzt noch hier aufhalten, sind alle schon mehrere Male überprüft und als ortsansässiges Alternativpublikum identifiziert worden. Sie genießen die Aufmerksamkeit Dutzender Reporter und Fernsehteams, die beschäftigungslos durch die Nordstadt streifen, und bemühen sich, trinkend und grölend ihrem Straßenköter-Image gerecht zu werden. Polizeipräsident Klosa, der am Samstag nachmittag vor dem Sprengelgelände in der Schaufelder Straße erscheint, ist guten Mutes, die Partie mit dem anonymen Gegner Punkszene zu gewinnen: "Wir sind in der zweiten Halbzeit und liegen weit in Führung”, sagt Klosa aufgeräumt. Die Chaos-Tage 1996 fänden, wie vorausgesagt, nicht statt.

Daß nun gar nichts stattgefunden hätte, läßt sich angesichts des Aufmarschs von mehr als 6000 Polizisten in Hannover freilich nicht sagen. Klaus Kapels vom Bürgerstammtisch Nordstadt ist denn auch der Meinung, daß der Rechtsstaat den Chaoten "wieder auf den Leim gegangen” sei. Im vergangenen Jahr hätten sie die Kopflosigkeit der Polizei ausgenutzt, deren Führung offensichtlich nicht in der Lage gewesen sei, Gewalttäter zu isolieren und an den Brennpunkten der Straßenkrawalle präventiv vorzugehen. In diesem Jahr habe die Punkszene die Polizei demonstrativ ins Leere laufen lassen. Kapels fragt sich: "Was passiert, wenn die Punker in einer Woche kommen?” Noch einmal werde Klosa einen so kräftezehrenden Einsatz nicht zustande bringen. Der Bürgerstammtisch, ein loser Zusammenschluß von sechzig Nordstadtbewohnern, hatte dafür geworben, den Punkern einen Platz auf der grünen Wiese anzuweisen, wo sie Bier trinken und ihre Musik hören könnten. Dieser Vorschlag war bei Klosa auf wenig Gegenliebe gestoßen. Nach den Erfahrungen der Vergangenheit schlagen gerade solche Gelage mit mehreren hundert Teilnehmern nur allzu schnell in Krawallszenen um.

Dennoch schwant es vielen, daß der größte Polizeieinsatz in der Geschichte Hannovers nicht die einzige Antwort auf die Spielchen der Punkszene mit ihren Lieblingsfeinden, den Ordnungshütern, bleiben kann. Wenn es zutrifft, daß gerade zehn Prozent der Punker als gewaltentschlossen einzustufen sind und allenfalls vierzig Prozent als anfällig für Mitläufertum in der Masse, dann sollte es auch noch andere als polizeiliche Mittel geben die Radaubrüder ruhigzustellen. In diesem Jahr war dafür kein Raum. Innenminister Glogowski, der sich kürzlich noch damit gebrüstet hat, daß es einen besseren Innenminister als ihn für Niedersachsen nicht gebe, mußte offenbar zeigen, daß er nicht mit sich spielen läßt, und auch die Polizei, die im vergangenen Jahr regelrecht verheizt worden war, hatte eine Scharte auszuwetzen. Die Hannoveraner sind in ihrer großen Mehrheit zufrieden, daß die Serie der Chaos-Veranstaltungen in ihrer Stadt erstmals wirksam unterbunden wurde. An diesem Montag wird aber das Nachdenken darüber beginnen müssen, wie mit bestimmten Erscheinungen der Jugendkultur in Zukunft umgegangen werden soll.

 

 
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