Bruno Schrep über zwei Punk-Kinder bei den verhinderten Chaostagen von Hannover
Die Chaostage von Hannover endeten in totaler Ordnung: Statt randalierender Punks bestimmten über 6000 Polizisten das Bild der niedersächsischen Hauptstadt, viele Jugendliche wurden schon am Bahnhof abgefangen und nach Hause zurückgeschickt. Krawalle und Festnahmen gab es statt dessen in Bremen, wo sich rund 250 Punks und Autonome Straßenschlachten mit der Polizei lieferten. Für zwei minderjährige Punkerinnen aus Rheinland-Pfalz, die auf abenteuerlichen Umwegen nach Hannover gelangten, hat sich aus ihrer Sicht die Reise dennoch gelohnt: Sie wurden mehrmals von der Polizei gefilzt, lernten viele andere junge Punks kennen, schliefen im Freien oder in Eisenbahnzügen, tranken viele Dosen Bier und hatten am Ende das Gefühl, etwas unerhört Aufregendes und Spannendes erlebt zu haben.
Wie langweilig ist es in Winzenheim. "Da gibt's zwei Kirchen und sonst nichts", behauptet Punker-Mädchen Steffi über den Stadtteil von Bad Kreuznach, in dem sie mit ihrer Mutter wohnt. Die properen Ein- und Mehrfamilienhäuser mit den gepflegten Vorgärten drum herum sind für sie der Inbegriff verschlafener Spießigkeit.
Wirkliches Leben, das weiß die 15jährige genau, findet nur außerhalb von Winzenheim statt - und da muß sie unbedingt dabeisein.
Am ersten Samstag im August saß sie auf einer mit Glasscherben übersäten Wiese im Zentrum von Hannover und zupfte mit der linken Hand an ihren blau, lila und gelb gefärbten Haaren. In der rechten Hand hielt sie eine Dose Bier.
Steffi war entschlossen, den tollsten Spaß ihres Lebens zu haben, verbotene Abenteuer zu bestehen, die blöden Erwachsenen, die alles verbieten wollen, zu provozieren. Die rüden Parolen, mit denen Punks aus ganz Deutschland zu den Chaostagen 1996 nach Hannover gelockt worden sind, haben ihr imponiert.
"Wir werden saufen, raufen, randalieren", hatte eine Band angekündigt, Sprücheklopfer versprachen die "größte Bullenverarschung aller Zeiten", die "Vernichtung der menschlichen Zivilisation".
Steffi sucht nicht wirklich Krawall wie manche andere. Die behütete Bürgertochter träumt nur davon, endlich etwas anderes zu schnuppern als die verdammte Landluft, möchte auskosten, was sie unter Freiheit versteht: Viele andere Punks kennenlernen, rauchen, trinken, aggressiven Punk-Rock hören, so laut es überhaupt möglich ist, die Nacht im Freien durchtanzen, auf niemand Rücksicht nehmen.
Bevor die Oberschülerin vor ein paar Monaten die Punker am Kreuznacher Bahnhof kennenlernte, war sie ein braves Mädchen, das nach Disko-Besuchen pünktlich um elf Uhr abends nach Hause kam. Seitdem jedoch nimmt sie das Szenemotto - "Lebe heute, denn morgen könntest du tot sein" - wörtlich: Sie lernt kaum noch für die Schule, feiert Nächte durch, plant nicht mehr für die Zukunft.
Daß ihr schöner Traum von Freiheit im Bierdunst einer rauhen Szene zu ersticken droht, deren Mitglieder oft am Rand der Gesellschaft leben, kann und will das Punk-Mädchen nicht wahrnehmen.
Nach Hannover begleitet wurde Steffi von ihrer besten Freundin Aline, die sich den Punker-Namen "Zecke" zugelegt hat und mit ihren 13 Jahren noch nicht ganz ausgewachsen ist.
Zecke trägt Springerstiefel mit Stahlkappen und einen Pullover mit der Aufschrift "Protest durch Sachbeschädigung". Durch Nasenflügel und Augenbrauen hat sie sich Ringe gezogen, ihre bis auf vier lange schwarze Zöpfe kurzgeschorenen Haare schillern rötlichblond.
Das evangelische Internat bei Koblenz darf die 13jährige nur zwei Stunden pro Woche zum Einkaufen verlassen. Jetzt, in den Ferien, akzeptiert sie keine Beschränkung.
Weil sie unbedingt zum Punker-Treffen fahren wollte, hat Zecke ihre Mutter, eine Geschäftsfrau aus Bad Kreuznach, angeschwindelt, eine Geschichte vom Zeltlager am Steinhuder Meer erfunden.
Steffi ist einfach gegen den Widerstand ihrer alleinerziehenden Mutter gefahren. Die Mutter, Lehrerin für Mathematik und Physik, versuchte noch, ihre Tochter abzuschrecken:
"Die Chaostage sind verboten worden." - "Weiß ich." "Letztes Jahr hat es viele Verletzte gegeben." - "Weiß ich auch." - "Du kriegst bestimmt Ärger mit der Polizei." - "Na und!" - "Wenn ich es dir nun verbiete?" - "Dann fahre ich eben ohne Erlaubnis."
Auf der Hinreise war noch Boris dabei, ein 16jähriger Bäckerlehrling aus Langenlonsheim, der sich die Haare giftgrün gefärbt hat und ebenfalls Familienkrach riskierte. "Wenn du zu den Chaostagen fährst", hat sein Vater gedroht, "brauchst du erst gar nicht mehr nach Hause zu kommen."
Der erste Versuch, Hannover zu erobern, scheiterte schon am Hauptbahnhof. Nach 14stündiger Fahrt mit Bummelzügen wurde das Trio bereits auf dem Bahnsteig von Grenzschutzbeamten abgefangen und in einen Zug nach Hildesheim gesetzt. Dort entdeckten die übermüdeten Punks einen abgestellten Personenzug, dessen Türen unverschlossen waren, schliefen auf den Sitzen eines Waggons ein.
Aufgeschreckt wurden sie von herumstreunenden jungen Skinheads, die ebenfalls Springerstiefel trugen, aber statt bunter Haare kahlgeschorene Köpfe hatten. "Habt ihr noch Stolz und Selbstachtung?" fragten die Gleichaltrigen, "seid ihr überhaupt noch Deutsche?"
Beim zweiten Versuch schafften es Steffi, Zecke und Boris immerhin bis zum Bahnhofsvorplatz, bevor sie von Polizisten Aufenthaltsverbot erteilt bekamen und erneut verschwinden mußten. "Alle nach Bremen", flüsterten ihnen andere Punker zu. Dorthin, wurde in der Szene seit Wochen verbreitet, werde die Party notfalls verlegt.
Der dritte Versuch gelang schließlich mit Unterstützung der Obrigkeit. Bremer Polizisten stöberten die Punker-Kinder beim Frühstücken vor einem Aldi-Markt der Hansestadt auf und eskortierten sie persönlich - keiner weiß, warum - in einem Nahverkehrszug zurück nach Hannover. Dort durften die Jugendlichen unter der Auflage bleiben, bestimmte Stadtteile zu meiden.
Am Samstag mittag, die Sonne schien, waren Steffi und Zecke pleite. Von den jeweils 150 Mark, die sie von ihren Müttern mitbekommen haben, hat Steffi 1,50 Mark übrig, Zecke noch ein paar Groschen mehr. Das Geld ist für die vielen Fahrkarten draufgegangen.
"Macht nix", erklärt Steffi, "Punks teilen alles." Tatsächlich spendierte ein Neuzugang mit roten Haaren zwei Runden Dosenbier, ein anderer verteilte großzügig Zigaretten. In der Fußgängerpassage, wo die kleine Gruppe ein Plätzchen gefunden hat, wird die Stimmung ausgelassen. Schwantke ist plötzlich mit dabei, ein blasser Lackierer mit knallgelben Haaren; Patrick aus Aschaffenburg, schon leicht angeschlagen, äußert Philosophisches: "Punk fängt nicht von außen an", verkündet er, "Punk beginnt von innen."
Fast jeder kann von Erlebnissen mit der Polizei erzählen. Steffi berichtet stolz, daß sie mehr als zehnmal kontrolliert worden ist, Boris schwenkt ein blaues Formular mit der Aufschrift "Platzverweisung". Zecke demonstriert, wie sie von einer Polizistin nach Waffen durchsucht worden ist wie Schwerverbrecher in amerikanischen Filmen.
Passanten beginnen, wie köstlich, sich über Aussehen und Verhalten der Jugendlichen aufzuregen: Zecke bringt mit Haarspray ihre Zöpfe in Form, Boris läßt sich von Patrick einen Hahnenkamm frisieren. Alle amüsieren sich lärmend über den neuesten Polizisten-Witz: "Wenn Schweine fliegen könnten, brauchten Bullen keine Hubschrauber."
Längst haben die Jugendlichen verdrängt, daß ihre große Fete nicht stattfindet. Es gibt keine Punk-Konzerte in Hannover, keine Punk-Disko, nicht mal ein gemeinsames Besäufnis.
Die Polizisten, die sich der Gruppe nähern, haben strikte Anweisung, nicht mehr als fünf Bunthaarige auf einem Fleck zu dulden, alle auswärtigen Punks sofort abzuschieben.
Steffi und Zecke durften bleiben. Ein Punk-Musiker, der zufällig vorbeikam, gewährte ihnen und ein paar anderen Unterschlupf in seiner Wohnung, feierte mit den Versprengten seine ganz privaten Chaostage. Nur vor die Haustür durften Steffi und Zecke bis Sonntag abend nicht - und das hielten beide nicht aus.
Steffi schlich sich noch am Samstag abend zur Schaufelder Straße in der Nordstadt, wo letztes Jahr geprügelt und geplündert wurde, die Häuserwände noch immer mit Graffiti-Parolen übersät sind. "Deutschland verrecke" steht da zum Beispiel oder "Hier herrscht Chaos".
Punks fand Steffi dort kaum. Dafür betrunkene Erwachsene, die sich vor der Trinkhalle drängten, Bier oder "Dirty Harry" orderten, einen pechschwarzen Likör mit Lakritz-Geschmack. Die Nacht verbrachte die 15jährige auf einem Hinterhof.
Zeckes Mutter, die ihr einziges Kind beim Zelten wähnte, bekam am Sonntag morgen einen Anruf von der hannoverschen Polizei. Das Mädchen, teilte ein Beamter mit, sei auf der Straße aufgegriffen worden und könne in einem Heim für obdachlose Jugendliche abgeholt werden.
Auch Steffis Mutter, durch mehrere wirre oder unterbrochene Telefonate mit ihrer Tochter beunruhigt, fährt eilig nach Hannover, sucht die Punkerin bis Montag verzweifelt auf dem Bahnhof, bei der Polizei, in der Nordstadt.
Sie verpaßt ihre Tochter: Das Mädchen, das vom Jugendamt eine Bahnfahrkarte bezahlt bekommen hat, schläft sich zu diesem Zeitpunkt erstmals seit Tagen wieder aus - in ihrem Bett in Winzenheim. Die Reise, verkündet sie nach dem Aufwachen, sei trotz mancher Widrigkeiten wunderschön gewesen. |