SALZBURG (SN–lu).252 Menschen mußten am vergangenen Wochenende die Stadt Salzburg behördlich angeordnet verlassen. Sie wurden von der Polizei als Punks oder Angehörige einer anderen Randgruppe identifiziert. 35 Punks wurden festgenommen, vier verhaftet, über fünf wurde ein Aufenthaltsverbot verhängt. 50 Verdächtige aus Deutschland mußten schon an der Grenze umkehren.
Ein Großaufgebot an 1000 Polizisten und Gendarmen, das aus Salzburg, Wien, Oberösterreich, Tirol und der Steiermark zusammengezogen worden war, verhinderte die angekündigten "Chaos–Tage" zu Pfingsten in Salzburg. Mit 500 bis 700 Chaoten war gerechnet worden. Es gab aber auch – nicht bestätigte – Informationen, daß 1500 bis 2000 Punks die Stadt in "Schutt und Asche" legen wollten.
"Nicht im zweistelligen Millionen–Bereich", so bezifferte Einsatzleiter und Polizeichef Karl Schweiger die Kosten für den bisher größten Einsatz von Sicherheitsbeamten in der Stadt Salzburg. Schätzungen gingen bis zu 20 Mill. S.
Die Polizei beschlagnahmte eine Menge von Materialien, die zur Herstellung von Brandbomben hätten dienen können: Benzin, öl, Stoffetzen. Aber auch Schlagstöcke und Steinschleudern.
"Beim nächsten Mal mit dem gleichen Aufgebot"
SALZBURG–STADT (SN). Zufrieden, aber abgekämpft. Mit deutlichen Ringen unter den Augen. So stellten sich der Polizeichef und sein Einsatzstab einer abschließenden Pressekonferenz. Fünf Tage mit wenig Schlaf hatten Spuren hinterlassen. Karl Schweiger konnte positive Bilanz ziehen. Und er sah sich voll bestätigt: Die Gefahr von gewalttätigen Ausschreitungen habe bestanden, sie sei aber abgewendet worden. Der Polizeichef lieferte Informationen nach, die er im Vorfeld der angekündigten Chaos–Tage zurückgehalten hatte. Um die Bevölkerung nicht noch mehr zu beunruhigen, wie er sagte.
Die Polizei hatte in den vergangenen Wochen insgesamt 47 Gebäude, in denen die Chaoten Unterschlupf hätten finden können, überwacht. Bereits vor 14 Tagen fand sie in einem Abbruchhaus drei Rollen Stacheldraht und Kanister mit Benzin und öl. Am Wochenende darauf wurde das Gebäude angezündet. Am folgenden Montag wurden in einem anderen "besetzungsgefährdeten Objekt" (Schweiger) sieben Kanister mit einem Benzin– und ölgemisch gefunden, kurz darauf zwei Kanister am Fuße des Mönchsberges.
Die Polizei ist überzeugt, daß damit Brandbomben, sogenannte Molotowcocktails, gebastelt werden sollten.Fast 400 Menschen wurden registriert und fotografiert, weil sie "der Punkerszene oder anderen Randgruppierungen zugeordnet" wurden. Schweiger räumte aber ein, daß es bei den Zuordnungen da und dort zu Fehlleistungen gekommen sein kann. Jeder, der einen Irrtum nachweisen könne, solle sich melden, das Material über ihn werde vernichtet, versprach der Polizeichef.
Die Chaos–Tage sind laut Schweiger nicht nur in österreich und in Deutschland, sondern auch in Italien, Frankreich und der Schweiz beworben worden. Die Buschtrommeln hatten 1500 bis 2000 Punks angekündigt.
Der befürchtete Ansturm sei dann aber vor allem wegen der schwachen Organisation der Punks aus Salzburg und Wien, die zu den Chaos–Tagen aufgerufen hätten, ausgeblieben, meinte Schweiger. Aber mit einer gewissen Zeitverzögerung werde sich die Szene in österreich genauso gut organisieren wie in Deutschland. Weshalb er auf eine neuerliche Ankündigung von Chaos–Tagen mit demselben Aufgebot an Sicherheitskräften reagieren würde.
Details am Rande: Sechs Punks, die registriert wurden, hatten bereits 1995 an den Chaos–Tagen in Hannover teilgenommen. Außerdem wurden zwei Links–Autonome und sechs Rechtsradikale entdeckt.
Nachts, "Checkpoint Bahnhof" Von Chaos keine Spur, "Punky Midnight Blues" machte sich breit
Freitag nacht auf dem Salzburger Hauptbahnhof. Der erste "Chaos–Tag" neigt sich dem Ende zu. Es stinkt aus dem Papierkorb auf Bahnsteig zwei. Aber dem jungen Punker–Paar, das daneben auf dem Boden lagert, macht das nichts aus. Gerade umarmt es sich lieb, da schauen jene beiden Polizisten diskret weg, die zur Bewachung des Pärchens eingeteilt sind. Etwas müde wirken die Beamten, wie sie so dastehen mit verschränkten Armen. Ein "Punky Midnight Blues"?
"Was sollen wir denn mit dem Punker–Paar tun?" fragt auch jene Einsatzkraft, die das Kommando führt. Andere Punks aus Linz, Wels und Wien hatten keine Pässe mit. Sie wurden aus der Stadt verwiesen und warten nun, als Häftlingstransport deklariert, in einem eigens adaptierten Kotter auf den Zug.
"Punky" Lederhose und bäuchlings aufgeschlitzte güldene Robe blitzen im grellen Neonlicht mit Handschellen und Pistolenläufen um die Wette. Extralange Gummiknüppel demonstrieren die Macht des Gesetzes. Da sagen die Punks nicht einmal mehr "Bäh". Zu später Stunde herrscht nur noch wenig Zugverkehr, wenige Reisende sind da. Die Exekutive patrouilliert dennoch in großer Mannstärke über das Areal. Das Punker–Paar auf Bahnsteig zwei teilt sich eine Flasche Bier. Jetzt schauen die Bewacher neidisch. Heiß war es den Tag über, die Nacht ist warm, der Einsatz hart.
Der Landeshauptmann besucht den "Checkpoint Hauptbahnhof". Seine Dankesworte an die Frauen und Männer der Exekutive schallen über die Gleise. Aus dosenbierdurchspülter Kehle eines Sandlers tönt: "Wenn tausendfünfhundert aus dem Zug steig`n, scheiß`n se alle an!" sab
Salzburg war die sicherste Stadt
SALZBURG (SN). "Es war eine ernste Situation. Die Exekutive hat hervorragend geplant und gehandelt. Die Aktivitäten der Chaoten wurden schon im Keim erstickt." Das sagte Landeshauptmann Franz Schausberger (öVP) Sonntag. Salzburg sei in den vergangenen Tagen die sicherste Stadt weit und breit gewesen, das Konzept der Polizei sei voll aufgegangen. Schausberger wehrte sich gegen Aussagen, der massive Exekutiveinsatz sei übertrieben gewesen: Die Choaten hätten dank des konsequenten Vorgehens keine Chance gehabt, ihre Absichten umzusetzen. Obwohl die Bevölkerung durch Panikmache im Vorfeld der Chaos–Tage mehr Angst als nötig gehabt hätte, habe man sich in Salzburg zu den Feiertagen sicher gefühlt. LHStv. Gerhard Buchleitner (SPö) sprach von einem "Quantensprung" in der Beziehung zwischen Exekutive und Bevölkerung. Er lasse keine Diskussion darüber zu, ob die eingesetzten Mittel überzogen gewesen seien. Und: Die Polizei habe allen Panikmachern die richtige Antwort erteilt. Gemeinderat Herbert Fux (Bürgerliste) bedauerte, daß die Warnung des Polizeidirektors vor Panikmache nichts geholfen habe. Er kritisierte aber auch, daß Leute kontrolliert worden seien, die nicht gewalttätig ausgesehen hätten.
Total "tote Hose"
Innenstadt leergefegt – Heiraten mit Polizeischutz
SALZBURG–STADT (SN–gs). Am Vormittag, als noch unerschrockene Einheimische und noch mehr ahnungslose Touristen die City bevölkern, geht`s noch. Ab Mittag herrscht in der Innenstadt "tote Hose", wie jene sagen würden, die gar nicht da sind. Es ist kein gewöhnlicher Einkaufssamstag. Wer nur ein bißchen anders aussieht als die große Mehrheit, wird mit forschenden Blicken durch die Gassen verfolgt. Alle paar Minuten drehen Polizei–Busse mit offenen Schiebetüren ihre Runden.
Einige Geschäfte in der Getreidegasse und in der Linzer Gasse sind verbarrikadiert. Die Trafikantin am Platzl hat offen, aber keine Zeitungsständer auf den Gehsteig geräumt. "Man weiß ja nicht, was ist." Szenen in der Linzer Gasse: Der Apotheker, der vor kurzem eine Bürgerwehr vorgeschlagen hat, spricht ins ORF–Mikrofon: "Die Medien haben die Stimmung aufgeheizt." Zwei Frauen reden über die ausgebliebenen Chaos–Tage: "Das muß ein Gerücht aus dem Internet sein", meint eine. Von einem "Riesenschaden" spricht eine Eisverkäuferin: "Die Fremden trauen sich nicht in die Stadt, und unsere Leute fahren weg." Lob für die Polizei folgt: "Jetzt wissen wir, daß wir geschützt sind."
Mit Humor nahm`s Johannes Nepomuk Unger. Der Wirt des Wieninger Bier–Treffs bot ein Seidl Bier "zum Chaospreis" von 24 S an. "Aufsperren macht mehr Spaß", meinte Unger, als daheim zu sitzen und sich zu fragen, was mit dem Lokal geschehe.
Planmäßig geheiratet wurde Samstag im Schloß Mirabell. Der Weg zum Marmorsaal durch den Schloßhof führte die Brautpaare jedoch an einem Großaufgebot rastender Polizisten vorbei.
Gerüchte – Statt eines Kommentars
Von vielen Zuträgern
Was zu den Chaos–Tagen an Gerüchten und Angstparolen in Umlauf gebracht wurde, geht auf keine Kuhhaut. Hier nur ein kleiner Auszug:
DONNERSTAG:
400 Punks übernachten beim Ausstellungszentrum in der Au.
Das Hotel Europa wird vernagelt, APA bietet Bild an.
FREITAG:
15 Uhr: Die Kaufhäuser in Eugendorf sind verwüstet. Bei einer Massenschlägerei am Bahnhof wurde ein Polizist schwerverletzt.
Information aus der Umgebung des in Amsterdam weilenden Landeshauptmanns: 80 bis 100 Punks sind bereits in der Stadt.
15.38: "Internationale Welle" von Radio Köln ruft an: "Mensch, bei Euch is` die Hölle los!"
15.50: Wieder Nachricht aus Amsterdam: 40 Punks sind mit dem Zug aus Wien im Anrollen.
16.00: Die Punks wollen sich vor der Andräkirche gegenüber dem Schloß Mirabell zusammenrotten und vor den Einsatzkräften in das Gotteshaus flüchten.
17.54: 1000 Punks werden sich in der Nacht am Salzachsee zum Sturm auf die Stadt sammeln, wird im Tomaselli erzählt.
SAMSTAG:
10 Uhr: 200 Punks haben sich in den Altstadthäusern verschanzt. Jederzeit bereit, sich zusammenzurotten und zuzuschlagen.
12 Uhr: Gerüchteküche hört ganz, ganz langsam auf zu brodeln.
Am Rande
RUND UM DIE UHR versorgt wurden die Beamten aus Oberösterreich, die an der Wolfgangsee–Bundesstraße ihren Checkpoint eingerichtet hatten: Der Bäcker, ein Wirt und Bürger stellten sich mit Kaffee, Kuchen und anderen Köstlichkeiten ein. Was die Laune der hitzegeprüften Gesetzeshüter deutlich hob.
DEM ORF verdanken wir ein Gustostückerl. Kollege Gerd Schneider bekam den mutmaßlich letzten Punk in der Stadt Freitag nachmittag vor Mikrophon und Kamera. Er werde jetzt nach Hause gehen und dort gemütlich das Wochenende verbringen, sagte der. Weil in der Stadt sei es für ihn zu ungemütlich.
FüR PUNKS hermetisch abgeriegelt war der Mirabellgarten. War doch ein großes Blumenpflücken dort angekündigt worden. Das vermutlich einzige Pflänzchen, das an diesem Wochenende dort geknickt wurde, war ein Gänseblümchen. Wir haben`s uns mitgenommen. Als Andenken. lu
Luftbrücke nach Amsterdam
SALZBURG, AMSTERDAM (SN–per). Landeshauptmann Franz Schausberger düste Donnerstag abend gleich nach dem Treffen mit Innenminister Karl Schlögl nach Amsterdam. Dort war ein Kongreß mit 400 Ministerpräsidenten, Landeshauptleuten und Bürgermeistern aus den 15 EU–Mitgliedsstaaten angesagt. Beinahe wäre der Amsterdam–Trip des Regierungschefs gescheitert.
Die im Auftrag der Lufthansa fliegende Lauda Air war mit ihrer Maschine in Rom hängengeblieben. Schausberger wäre wohl zu spät nach Frankfurt gekommen und hätte dort den Anschlußflug nach Amsterdam nicht mehr erreicht. Ein Salzburger Gärtner–Ehepaar war ebenfalls unter Zeitdruck. Die beiden Unternehmer wollten via Frankfurt nach Südafrika reisen. Aus dem Urlaub zum Hochzeitstag wäre nichts geworden. Also stellte die Lufthansa einen Privatjet nach Frankfurt zur Verfügung. Und so kam Schausberger doch noch nach Amsterdam, die Gärtner flogen weiter nach Johannesburg.
Kaum in Amsterdam angekommen, griff der Salzburger Regierungschef zum Handy – die Nummer seines telefonischen Gegenübers hatte er bereits eingespeichert. Prompt meldete sich zu mitternächtlicher Stunde Polizeidirektor Karl Schweiger. "Alles im Griff", lautete dessen Antwort auf Schausbergers Frage, wie sich denn die Lage in der Heimat entwickle. Dieselbe Antwort bekam der Landeshauptmann auch am drauffolgenden Tag gleich viermal zu hören.
Immer wieder nützte er kurze Konferenzpausen zu einem Anruf in Salzburg. Der Rückflug am Freitag abend verlief problemlos. Mit an Bord übrigens Tirols Landeshauptmann Wendelin Weingartner und Innsbrucks Bürgermeister Herwig van Staa. "Die Maschine wird wegen der Chaostage nach Innsbruck umdirigiert", scherzte Weingartner. Planmäßig ging die Dash 8 dann in Salzburg nieder. Hier war es genauso ruhig wie im Heiligen Land Tirol.
Am Beispiel Chaos–Tage: Angsthasen sind Panikmacher
Von Norbert Lublasser
Geschafft: Die Chaos–Tage, auch als "Salzburger Pestspiele" angekündigt, liegen hinter uns. Das größte Aufgebot an Sicherheitskräften, das diese Stadt je gesehen hat, ist wieder abgezogen. Die Bürger wagen sich wieder auf die Straßen, das Leben nimmt wieder seinen normalen Lauf.
Passiert ist nichts. Es hätte also ein ganz gewöhnliches Pfingstwochenende werden können. Mit langem Einkaufssamstag, Gedränge auf dem Grünmarkt, nächtlichem Treiben in der sommerlauen Altstadt und in den Lokalen.
Stattdessen spitzte sich der Ausnahmezustand, in dem sich diese Stadt schon seit mehr als einer Woche befunden hatte, noch einmal zu: Geschlossene Geschäfte, vernagelte Auslagen, leergefegte Gassen, vergitterte Passagen.
Polizei und Gendarmerie haben ihren Job gut erledigt: Die Bedrohung, die zu befürchten war, konnte abgewendet werden. Die Bevölkerung dankte es den Beamten mit deutlich gezeigter Sympathie. Und sie nahm die enorme Polizeipräsenz samt Straßensperren gerne in Kauf.
Die Mittel der Exekutive waren rigoros, manchen zu rigoros. Weil unter anderem Menschen wegen ihres Aussehens aus der Stadt geschickt wurden. Aber die Mittel erzielten die erhoffte Wirkung. Sie sollten ja auch als Abschreckung für künftige Chaos–Tage dienen.
Mann der Stunde ist Polizeichef Karl Schweiger, der Einsatzleiter. Er hat sich an diesem Wochenende für höhere Weihen empfohlen. Die sollen ihm ja ins Haus stehen, auch wenn er`s selbst immer dementiert.
Hätten die Salzburger nur im Vorfeld der Chaos–Tage auf ihn gehört: Er hatte persönlich für die Sicherheit garantiert, hatte dazu aufgerufen, das Wochenende ganz normal zu verbringen. Viel Angst und Panik, viel Haß und Ausgrenzung wäre uns erspart geblieben. Aber so ist es aus den Leuten herausgebrochen: Jeder Mensch mit bunten Haaren wurde als ernsthafte Bedrohung für Leib und Leben, ja unser Staatsgefüge betrachtet. Ein solcher gehörte in Steinbrüche, Viehwaggons oder gar vergast, hieß es leider nur zu oft. Und bei der Polizei mehrte sich die Befürchtung, ein ganz normaler Bürger könnte zur Waffe greifen.
Ja, viele Menschen wurden zu Angstbeißern. Weil ihnen so richtig Angst gemacht wurde. In Bild und Ton, in reißerischen Texten und Inseraten. ORF, Kronenzeitung und FPö schafften es, konsequent Panik zu erzeugen und sie von Tag zu Tag zu steigern. Schließlich mußte wirklich fast jeder glauben, plündernde und brandschatzende Horden würden über die Stadt hereinbrechen und das mehr als 1000 Mann (und Frau) starke Aufgebot an Sicherheitskräften regelrecht niederwalzen.
Angsthasen sind Panikmacher. Sie gehören nicht an Stellen, wo Meinung gemacht und weitergegeben wird. Die eigene Angst darf nicht Blattlinie, nicht Parteilinie sein.
Es zeugt von einem großen Mangel an Selbstbewußtsein, wenn wir uns so einschüchtern, ja verschüchtern lassen. Wenn ein paar hundert Chaoten eine ganze Stadt in den Ausnahmezustand treiben. Wenn in anonymen Flugblättern zur Bewaffnung aufgerufen wird, weil man der Polizei nicht vertraue.
Die enormen Kosten für den Exekutiveinsatz und der ebenfalls hohe Verlust der Kaufleute sind Lehrgeld: für die Erkenntnis, daß ein kühler Kopf dem Herz in der Hose vorzuziehen ist.
Chaos–Tage undMassenhysterie: Knüppelt sie nieder!
Der Salzburger Prof. für Sozialpsychologie Harald Wallbott macht in den SN vom 14. 5. 97 vor allem die Medien für die entstandene Massenhysterie rund um die Chaos–Tage verantwortlich und befürchtet, daß Bürger von sich aus offen aggressiv werden. Dem möchte ich zustimmen. Es erscheint mir jedoch nicht ausreichend, die Panik der Salzburger BürgerInnen als Reaktion auf die Medien bzw. als Angst vor dem fremden Erscheinungsbild von Punks zu verstehen. Fremdes erzeugt nicht zwangsläufig Angst, sondern nur wenn es tatsächlich bedrohlich ist oder wenn der Angst die Zuschreibung vermeintlicher Aggression vorausgeht.
Diese wiederum hat ihre Herkunft in eigenen aggressiven und anderen unakzeptablen Anteilen. Die Verlagerung dieser Anteile auf "Fremde" erlaubt eine Stabilisierung der eigenen labilen Persönlichkeitsgrenzen, eine bessere Bekämpfung des eigenen inneren "Chaos".
Dieser Mechanismus der "Projektion" eigener, verbotener Wünsche und Aggressionen auf "Fremde" wird durch ein entsprechendes öffentliches Klima gefördert, aber nicht erzeugt. Mit ihrer provokanten Ankündigung von Chaos–Tagen in Salzburg eignen sich Punks allerdings besonders gut als Zielscheibe für fremdenfeindliche Aggressionen breiter Bevölkerungsschichten. Antisemitismus, Ausländerfeindlichkeit und Ablehnung alles "Fremden" haben in Salzburg auch eine lange Tradition und sind in den letzten Jahren, vor allem von "freiheitlicher" und "Kronen–Zeitungs"–Seite gezielt geschürt worden.
Quasi als Vorstufe für die jetzige Hetze wurde nach den letzten Wahlen von freiheitlicher Seite das Punkerhaus, als Versuchsprojekt der Integration, kriminalisiert und zerstört. So erinnert die jetzige Freigabe des "Abschusses" von Punks (sofortige Benachrichtigung der Polizei bei Auftauchen einer "verdächtigen" Person) und die Wortwahl vom "lichtscheuen Gesindel" das durch "Schnell–"richter abgeurteilt werden müsse (Dr. Karl Schnell), durchaus an jene Entwicklungen der 30er Jahre, die schließlich zum Faschismus führen konnten.
Der Nährboden dafür scheint in Salzburg nicht schlecht bestellt zu sein.
Dr. Karl Mätzler Psychoanalytiker Kreuzberg Promenade 39 5026 Salzburg
Welche – irrationalen – ängste müssen in uns verborgen sein, daß ein paar Chaoten eine ganze Stadt in Angst und Schrecken versetzen können. Sind es frühkindliche ängste, daß uns da jemand unser Küberl und Schauferl entreißen könnte? Weil ich habe, bin ich. Nimmt man mir meine Habe weg, bin ich nichts.
Oder erinnern uns die Chaoten an etwas in uns, wenn auch unbewußt: An den Verlust der Werte, die innere Leere, unsere Gefühllosigkeit und Kälte anderen gegenüber, aufgestaute Aggressionen, die Angst der "Wir"–Gruppe vor der Andersartigkeit der "Die"–Gruppe. Vermeiden wir, uns mit diesen Dingen auseinanderzusetzen, über uns selbst zu reflektieren. Viel einfacher ist es doch, all das auf andere zu projizieren.
Nützen wir die geschürte Hysterie, schließen wir uns ihr an und prügeln wir mit. Knüppeln wir sie nieder, schicken wir sie in die Wüste, noch besser: Exekutieren wir diesen Abschaum, rotten wir sie ein für allemal aus, damit nie wieder etwas an unseren unbewußten Inhalten kratzen kann, unser eigenes Chaos, unsere innere Unordnung ans Tageslicht kommt.
Blenden wir uns weiter mit reißerischen Schlagzeilen handlicher Tageszeitungen und unterstützen wir die Partei, die am liebsten von allen für Ruhe und Ordnung sorgen möchte – wenn auch nur außerhalb unseres eigenenen Selbst!
Dr. Erwin Seelig Klin. Psychologe Weissenwolfstr. 1 4020 Linz
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