Er wagt das Unfassbare: Er fordert die ganze Menschheit heraus! Und keine Armee kann ihn aufhalten!

Spiritus Rector

Der Geistige Brandstifter

EINE FRONT GEGEN CHAOS-TAGE!

- Hannover hält zusammen! -

Hektische Aktivität ist in Hannover ausgebrochen. Alte Feindschaften werden begraben, politische Überzeugungen über Bord geworfen, Ungerechtigkeiten vergessen und neue Brücken geschlagen. Denn man hat erkannt: Es gibt tatsächlich nichts wichtigeres als den Frieden - und der ist zweifelsohne durch die Chaos-Tage aus Äußerste bedroht!

Oberbürgermeister Schmalstieg ruft auf dem Opernplatz den versammelten Hannoveranern zu: "Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Hannoveraner!", und in den Kirchen werden unaufhörlich Sonderpredigten abgehalten, um die Angst der Menschen zu lindern: "Fürchtet Euch nicht, denn der Herr ist mit Euch!"

Es ist wie anno 1914, als Sozialdemokraten und Kaisertreue gemeinsam gegen den unbarmherzigen Feind marschierten: Alte Kämpfer, die man schon längst abgeschrieben hatte, erstrahlen jäh in neuem Licht, denn der Ruf der Gewissens hat sie doch noch erreicht, und nun eilen sie alle zur Front, um verantwortungsbewußt den ihnen zugedachten Platz auszufüllen.

Einer dieser aufrechten Männer ist Martin Fuchs.

Stellvertretend für die ehemals aufmüpfige, heute angepasst und selbstverliebt dahinwegetierende Ex-"Independent-" und Punk-Musikszene hat Fuchs die Initiative ergriffen, um die führenden Köpfe der Stadt bei ihrem Kampf gegen die drohende Vernichtung der Stadt zu unterstützen. Eine Front, ein Schicksal.

Fuchs, der Rechtsanwalt, hat nämlich begriffen, daß sich die Chaos-Tage exakt gegen Leute wie ihn richten. Gegen Leute, die den Arsch im Trockenen haben und davon faseln, daß es gilt, sich einen "Platz in der Gesellschaft zu erkämpfen".

Dabei ist das doch so einfach, dazu braucht man nun wirklich nicht Punk zu sein: Ein Stapel guter Schul- und Uni-Bildung plus Leistungswillen, und schon bist Du ein nützliches Mitglied dieser "Zivilisation". Selbst ist er ja das beste Beispiel dafür, wie weit man damit kommen kann, daß auch das quietschebunte Freizeitvergnügen als Punkmusiker dem beruflichen Fortkommen absolut nicht hinderlich ist.

"Toleranz" muß in dieser "irre-multikulti-und-wir-haben-für-alles-Verständnis-wenn-Du-nur-fit-bist-Gesellschaft" schon lange nicht mehr eingeklagt werden, denn tolerant ist mittlerweile sogar Helmut Kohl.

Aber wenn man erstmal so ein angenehmes gesellschaftsfähiges Leben führt, hat man natürlich auch die Muße, das Leben ausschließlich aus kulturellen und weniger aus existentiellen Gesichtspunkten zu betrachten. Dann kann man sich leisten, über Junkies, Bettel-Punks und ähnliche Leute herzuziehen, weil sie "passiv" sind und nicht den eigenen kulturellen Maßstäben entsprechen. Denn sie sind Dreck und eben keine "Punks" wie man selbst. Es ist wirklich ein schlechter Witz: Diese apathisch in Ihrer Nische warmgefurzte Ärsche bezeichnen sich doch tatsächlich selbst noch als "Punks", und mit DEM Maßstab sind die Kids von der Straße natürlich alles nur noch bunthaarige Penner, die einem die Kulturfreude versauen.

Aber: WEHE, wenn diese Typen dann doch mal AKTIV werden und dabei die einzig ihnen verbliebenen Audrucksmittel benutzen! Dann ist Widerstand erste Ex-Punker-Pflicht, es könnte ja was kaputtgehen!

Wenn Fuchs dann also davon spricht, daß die hannoversche Punk-Szene von Chaos-Tagen "überrollt", "überrascht" oder wie auch immer wurde, dann zeigt das klar, wo er steht. Ebenso, wenn er sagt, daß es eigentlich gar keine Szene mehr gibt und also eine "aufgebaut" werden müßte. Der Mann glaubt wirklich, er und seine Kumpels seien die "letzten Punks"! Dabei sind sie nichts anderes als eine Club , die sich an Jugenderinnerungen erfreuen und irgendwie das Gefühl haben, noch genauso flott und locker zu sein wie vor zehn Jahren, nur eben weiser und eine paar harmlose Jahre älter. Daß man nicht mehr ganz so heftig aussieht wie damals - na, das macht doch wirklich nichts, schließlich kommt es auf die inneren Werte an! Die Typen dagegen, die heute als Punks umherlaufen, haben absolut nichts mit ihren hehren Idealen von anno 84 zu tun, folglich werden sie ignoriert. Auf die Idee, einfach mal zu akzeptieren, daß es in Hannover eine große JUNGE Punk-Szene gibt (jaja, genau die gemeinen Typen, die sich mit den Sprengel-Leuten hauen, alles Nazi-Pseudo-Punks...), kommen die Ex-Punker natürlich nicht, ebenso nicht, daß diese neue Szene die Wiederbelebung der Chaos-Tage selbst initiiert, gewollt und sie regelrecht herbeigesehnt hat.

Und wenn schließlich angesichts des Chaos-Tage-Rummels die Selbsttäuschung nicht mehr funktioniert, die Isolation aufgebrochen wird, dann erstarren sie in Angst und Ekel, denn sie wissen: Während da draußen Leute LEBEN, sind sie selbst schon längst TOT . Eine Wahrheit, die natürlich nicht in die Verschwörungstheorien der um ihren Platz in der Gesellschaft bibbernden Alt- und Expunks passt. Sie alle wissen ja sooooooooo genau, was sich hinter Chaos-Tagen verbirgt, und in Wirklichkeit wissen sieNICHTS! Freunde, das gefällt mir!

Der Angstfront vor einer Wiederkehr des Straßenpunks im großen Stil-und damit der ERINNERUNG an ihre eigene Niederlage - wäre es sicher lieber gewesen, die Sache möglichst klein zu halten. Dann wären 1994 halt 200 Punks gekommen, von den Bullen eingeknastet worden, und Ruhe im Karton. Im Kreise der Lieben hätte man sich darüber amüsiert, nach außen hin Betroffenheit über die bösen Bullen simuliert, und alles wäre wie gewohnt weitergelaufen. Das Leben ist schön!

Tut mir leid, wenn Euch die Gemütlichkeit versaut wurde. Jetzt müßt Ihr euch doch tatsächlich wieder mit dem Thema Punk beschäftigen! Ein Thema, das Leute wie Fuchs doch längst nur noch als freizeitfüllendes Hobby pflegen - nachdem ihm schon 1980 die Radikalisierung des Punk gar nicht gefiel und er stattdessen die Neue Welle ganz, ganz dufte und weniger gefährlich fand! Ist aber auch wirklich Scheiße, daß nun der ganze Rotz von vorne losgeht!

Speziell bei Luschen wie dem braven Rechtsanwalt Fuchs setzt nun das große Zittern vor den gemeinen Punkrockern ein. Denn es war schon immer das Dilemma und die größte Kritik der Intellektuellen an der Revolte, daß der Mob unkontrollierbar ist und man deshalb doch besser das ganze sein lassen sollte. Lieber ein bißchen reden und tolle Gedichte oder Lieder schreiben.

Leute wie Fuchs sind emotionell den eingesetzten Polizisten mehr verbunden als den Kids, die von der Soldateska durch die Stadt gehetzt werden und dann durchdrehen. Er ist nur erfüllt von der Angst, daß es mal SEINEN Übungsraum treffen könnte, SEIN Fernseher aus dem Fenster fliegen könnte.

Nun, ICH hingegen WEISS, daß eines Tages der Mob meine Kohle klauen wird oder meine Wohnung verwüsten wird. Weil unsere Gesellschaft genau in dieser Art von laaaaaangsamer Eruption vergehen wird. Und ich bin nicht bereit, auch nur den kleinsten Finger zu rühren, um dieses Chaos einzudämmen, solange diese Gesellschaft nicht bereit ist, sich in ihrem WESEN radikal zu ändern. Und wenn Chaos-Tage mal einen kleinen Vorgeschmack darauf geben, dann habe ich keine Angst davor, auch wenn es mich vielleicht selbst mal trifft. Denn treffen wird es mich ja soundso.

Nun sitzt Ihr also da, habt Angst um Eure großen und kleinen Nischen, die Ihr Euch erkämpft habt, habt Angst vor denen, die Eure Kultur-Käseglocke bedrohen, und macht diesen tollen Sampler. Nun werden fieberhaft Gedanken geschmiedet, wie man dieses Problem kanalisieren und REGULIEREN kann - z.B. durch ORGANISATION. Damit ja keiner mehr auf eigene Gedanken kommt, sondern sich gefälligst genau in den Pfaden bewegt, die IHR für akzeptabel haltet.

Genauso haben früher die Althippies versucht, die Punks zu regulieren. Zunächst durch Negation, indem sie angsterfüllt zu bedrohlichen Nazis erklärt wurden, und als das nichts half, indem sie in die Zentren eingeladen und zum Kiffen animiert wurden.

Heute sind es Leute wie Du, die eine neue Generation zunächst negieren, und wenn das nicht mehr hilft, zu wieder mal bedrohlichen Halbfaschisten und ausdruckslosen Neandertalern stilisiert. Und da sie sich davon ja leider nicht wegdiskutieren lassen, willst Du sie nun wegorganisieren. Eine Front mit Polizei und Presse. Oder: Teile und herrsche!

Nun, vielleicht kriegst Du kräftig auf die Fresse dabei, wundern würde es mich nicht. Denn ihr seid GESELLSCHAFT, die in jeder radikalen Änderung, in jeden unkontrollierten Aufschrei, in jeder unverständlichen Revolte nur die Gefahr des Verlusts von Privilegien sieht. Und deshalb gehört Ihr einfach weggefegt, genauso wie die frühen Punks gern einen Spaß daran hatten, den "richtigen Musikern" die Instrumente zu klauen.

Sei´s drum: Die Chaos-Tage 96 bringen eine Entscheidung, und das Ergebnis wird Euch nicht gefallen. Auch wenn Ihr Euch mit noch so vielen Samplern wehrt: Eine ganze Generation von vernünftigen und ältväterlichen Klugscheißern wird in die Kiste gesteckt und unter die Erde gebuddelt!

Organisiert Euch also nur schön weiter im Rechtsanwaltsbüro von Papa Fuchs, haltet Preisreden über die "Integration des Punk in die Gesellschaft" und vermittelt eben dieser Gesellschaft und den dummen Punkern, daß "Chaos" eigentlich "Ordnung" heißt.Denn schließlich sind wir alles Freunde.

Mensch, Martin, Du könntest wirklich der Verfasser des "Ordnungstage"-Flyers sein!

ARRUUUK!

Die menschliche Zivilisation muß vernichtet werden! Sofort!