Er wagt das Unfassbare: Er fordert die ganze Menschheit heraus! Und keine Armee kann ihn aufhalten!

Spiritus Rector

Der Geistige Brandstifter

Keine Rettung für Die Armee der Gewinner!

Von Hannover lernen heißt siegen lernen / Teil 2 und Finale

Schaut sie Euch nur an: Da lehnen sie sich zurück, die politischen Klugscheißer aller Art, und präsentieren mit gespielter Langeweile ihren Durchblick in Sachen Chaos-Tagen. Hannovers Polizeipräsident Klosa versichert in einem Interview mit der NEUEN PRESSE (Hannover) vom 3.April, man könne "aufgrund der sehr guten Kräftelage" "in bewährter Weise" mit den Chaos-Tagen umgehen und "absolut jeden Versuch einer Neuauflage konsequent verhindern".

Und die Journalisten sind auch ganz gewitzt: Nee, diesmal lassen sie sich nicht wie anno ´96 mit dem CANNIBAL HOME CHANNEL von Karl Nagel verarschen. Diesmal kein Wort über die vielen Nachrichten, Gerüchte und Flyer, die im Internet kursieren. Ist doch eh alles ein einziger Hype. Und alle, die OrdnungsfetischIsten, die Medien und überhaupt die ganzen phantasielosen Langweiler wissen genau: Ohne großen Medienrummel im Vorfeld kommt eh keine Sau zu Chaos-Tagen, und der Rest, der aufkreuzt, wird auf die bekannte und "bewährte Weise" behandelt, verfrachtet oder plattgemacht.

Nicht, daß mir das Schicksal von Polizei und Journaille groß am Herzen läge. Aber ich gebe es zu, es macht mir einen Heidenspaß, diese armen Schweine mit ein paar gezielten und durchaus nicht zu ignorierenden Tritten in die Eingeweide um die Gewißheit zu bringen, schon alles in ihre so perfekten Planungen einbezogen zu haben. Und das schönste dabei ist: Man kann ihnen alles, die ganze Wahrheit, direkt vor die Nase halten, und sie sind trotzdem zu stumpf, das Richtige zu tun. Denn allein die Tatsache, daß die Wahrheit vom SPIRITUS RECTOR präsentiert wird, muß sie zu dem Fehlschluß verleiten, genau das Gegenteil des von mir Behaupteten sei richtig.

Ja, macht nur weiter so. Wenn die Hütte zum Schluß brennt und alle Planungen von den Flammen aufgezehrt werden, wenn sie um Hilfe schreien und behaupten, all dies sei nicht vorauszuahnen gewesen, dann wissen zumindest Sie, liebe Leser, wer hier wen auf welche Weise verarscht hat. Freuen wir uns schon jetzt auf die Schlagzeilen!

Nun bin ich ja durchaus eitel und kann es überhaupt nicht lassen, wieder einmal unter Beweis zu stellen, wie richtig ich mit meinen knackigen Analysen liege, und daß meine Behauptung, auch in diesem Jahr werde in Sachen Chaos-Tagen wieder mal alles anders als in den Jahren davor, durchaus auf sehr sicheren Füßen steht. Schließlich will ich nicht für nichts und wieder nichts die Pferde kopfscheu machen. Das habe ich auch früher nicht getan, und deshalb beginnen wir auch mit einem Zitat aus meinem 1996 erschienenen Artikel: "Hannover muß zur Wiese werden!":

"Von Hannover lernen heißt siegen lernen: Nach Jahren unaufhörlicher Niederlagen gegen eine unbesiegbar erscheinende Gesellschaft, die in ihrer Arroganz angesichts konventioneller Widerstandskonzepte nur noch jovial lächelt, haben die Chaos-Tage-Kids sich einer Rezeptur bedient, die in ihrer Wirksamkeit all ihre Gegner fassungslos dastehen läßt. (...) Hier wurde die durch immer mächtiger werdende Staats-, Polizei- und Medienapparate erzeugte Hoffnungslosigkeit einfach durch ein Konzept des CHAOS in die Hände der POPPER zurückgespielt. Jetzt sind SIE es, die durch Desinformation gelähmt sind und in ihrer Hilflosigkeit einen selbstmörderischen Amoklauf nach dem anderen hinlegen. Hier hat man sich einfach die Erkenntnis zunutze gemacht, daß DIE POPPER ihre eigenen Dinosaurier-Apparate nicht mehr beherrschen können, wenn sich die Gegenseite nicht mehr an die Spielregeln hält. (...) Die alten Gesetze und Regeln gelten nicht mehr. Regeln, die immer darauf hinausliefen, daß zum Schluß DIE POPPER die Gewinner waren, weil sie jede Ereignis und jedes Stück Phantasie letztendlich in ein kohlebringendes Stück Kulturscheiße oder nervtötendes und zahmes Politgesabbel verwandeln."

Klingt gut, nicht wahr? Und hat in den vier Jahren, die seitdem vergangen sind, eher noch an Wahrheit gewonnen. Denn seit der Veröffentlichung werden in jeden Jahr mehr und mehr Regeln, Sicherheiten und Erfahrungen restlos zu Klump gehauen. Ich will mich hier nicht damit aufhalten, detailliert die Rolle des Internet dabei zu beschreiben - das hat mittlerweile jedes Kind mitbekommen. Während aber auf der einen Seite ein Haufen Yuppies viel Kohle dank der rapiden Umwälzung verdienen, pflegen die erwähnten Klugscheißer ihre Ärmelschoner. Sie glauben doch tatsächlich, ihre politische Erfahrung bei der Einschätzung von bedrohlichen Entwicklungen sei noch mehr als einen Pfifferling wert. Sie tun so, als gäbe es immer noch die alten Rollenspiele und feiern so jede Krawalldemo, jede Greenpeace-Nerverei, jede Nazi-Attacke als Bestätigung ihres politischen Weitblicks und der Antworten, die sich daraus ergeben. Und wenn alles zu anstrengend wird, dann kann zumindest der Staat eben seine V-Leute an die Front schicken. Beobachten, abhören, notieren, analysieren, festnehmen, Knast. Hach, welch sichere Methode!

Also freut sich die Polizei, verkünden zu können, daß von Seiten des Anti-EXPO-Widerstandes keine Gefahr ausgeht, weil nur Einzelpersonen am Werke seien. Gut beobachtet, Polizeimeister Koslowski! Eins, setzen! Es sind tatsächlich keine mächtigen Organisationen oder Bündnisse, die sich da gegen die EXPO vorbereiten. Wozu auch? Früher BRAUCHTE man starke Organisationen, heute gibt´s das Internet. Und genau das macht die Sache so gefährlich. Zumindest für die Staatsmacht.

Die Chaos-Tage sind nur der Auftakt einer Entwicklung gewesen, die die politischen Widerstandsformen radikal verändert hat und noch weiter verändern wird. Die Zeiten, in denen ohne starke Organisationen nichts ging, sind einfach vorbei, endlich! Endlich Schluß mit der oft unerträglichen Macht von Organisationen, die versuchen, individuelle und neue Denkansätze platt- und gleichzumachen. Denn niemand braucht mehr ihre Fähigkeit, Flugblätter zu schreiben, zu drucken und zu verteilen, niemand braucht mehr ihre Strukturen zur Informationsverbreitung, niemand braucht mehr ihr Geld, um das alles möglich zu machen.

Dank des Internets muß sich heute niemand mehr von Organisations-Blockwarten erdrücken lassen, sondern kann das, was in der eigenen Birne steckt, ohne Gegencheck auf die Menschheit loslassen. Und das zu Kosten, die sich fast jeder leisten kann. Irgendwann finden sich dann ein paar Gleichgesinnte, man kann sich austauschen, aber sich auch mal persönlich treffen. Da bleibt noch genug Raum für Gespräche, für´s Vögeln oder notfalls auch für eine handfeste Prügelei. Alles drin. Ebenso aber natürlich auch die Verabredung zu Aktionen, die der Staatsmacht vielleicht gar nicht ins Konzept passen. Und von denen sie dank PGP erst dann was mitkriegt, wenn es zu spät ist. Aber eigentlich macht das die Sache doch erst richtig spannend, nicht wahr?

Für die Garde der unverbesserlichen Schubladendenker tut sich aber nun noch weiterer Horror auf: Im Web geraten die Fronten zwischen Rechts und Links mehr und mehr ins Schwimmen; Leute beginnen, ihren ganz persönlichen Standpunkt zu definieren. Oh Graus! Weil die disziplinierende Macht der Organisation fehlt, tummeln sich z.B, teilweise die gleichen Forumsteilnehmer etwa in den eigentlich politisch völlig gegensätzlichen Foren von www.nit.de, www.anarchie.de und www.nationale-anarchie.de.

Nicht, daß sich da plötzlich alle irre lieb haben, nein, auch dort wird neben ernsthaften Diskussionen fleissig der verbale Baseballschläger geschwungen. Aber ersten Mal findet auch ein öffentlicher Austausch zwischen den Extremen statt. Sicher, auf der Straße fliegen weiter die Fäuste, aber wer kann denn schon garantieren, daß das auch in Zukunft so bleibt? Eine Katastrophe für alle Denkrenter, die sich nur dann wohlfühlen, wenn die Nazis noch richtig braun tragen und die Linken nicht ohne rote Fahne aus dem Haus gehen.

Für alle anderen aber ist die Etablierung neuer Regeln durch das Internet ein Segen. Dieses Netz von Einzelinteressen, die am gleichen Strang ziehen können, aber niemals müssen, ist der Nährboden für die Entwicklung von Politikformen neuer Art, die einen endlich befreien von der eigenen Machtlosigkeit. Daß hier auch irrationale Antworten gefunden werden ist klar und logisch in einer Zeit, in der sich die global operierenden Konzerne als Überwinder von Nationalismus und Rassismus feiern lassen. Und gerade diese irrationalen Antworten werden noch für manche Überraschung sorgen. Die Chaos-Tage sind nur der Anfang...

Im Polizeiapparat aber pflegt man lieber Traditionsbewußtsein und legt die Hände an die Hosennaht. Als militärisch organisierter Apparat geht man hier natürlich lieber mit einem gleich strukturierten, aber bitteschön schwächeren Gegner um. Ordentliche Front, aufmarschieren, zuschlagen. Zack, Bumm, Schlacht gewonnen, viele Festnahmen. Jau, gewappnet für alle Gefahren, die die Zukunft für Ordnung und Sicherheit lauern mögen.

Die amerikanischen Polizeikollegen sind mit dieser Einstellung allerdings letztens ganz schön auf die Schnauze gefallen. Die Krawalle zur WTO-Konferenz trafen die Ami-Cops völlig unvorbereitet, weil sie den Gegner unterschätzten. Was heißt hier "unterschätzten"? Sie nahm ihn gar nicht wahr! Das bißchen Gequatsche im Internet auf den Homepages von "Einzelpersonen" - was sollte da schon passieren? Eigentlich überflüssig zu erwähnen, daß das ganze mit der Erklärung des Notstandes endete. Waren wirklich sehr interessante Fernsehbilder. Das ganze schwappte dann sogar noch über den Großen Teich nach London rüber, wo es dann auch ganz schön rund ging.

Die im Internet wachsenden Strukturen sind also auch ohne Organisation in der Lage, von der nicht fassbaren Web-Welt in die ECHTE Welt umzuschlagen und dort der Staatsmacht kräftig in die Kniekehlen zu treten. Und da helfen dann auch keine V-Leute mehr - außer, man stellt jedem Web-Aktiven einen Spitzel zur Seite...

Kommen wir zurück zu unserem Lieblingsthema, den Chaos-Tagen, die trotz aller Medienhysterie keineswegs einfach nur ein Synonym für den Super-Krawall sind: Denn dort finden sich bereits seit Jahren all die oben geschilderten Symptome: Keine Organisation, individuelle Entscheidungen, Irrationalität, das Verschwimmen von klaren Unterschieden zwischen den Gruppen. und auch das Internet wurde bei den Chaos-Tagen zum ersten Mal als Operationsbasis für subversive Straßenaktionen entdeckt und eingesetzt und so eine Brücke zwischen Realität und Web gebaut. Und obwohl vor vier Jahren kaum ein Punk einen Internet-Zugang besaß und sich in erster Linie neugierige Journalisten an den Web-Seiten des CANNIBAL HOME CHANNEL aufgeilten, reichte diese Chemie aus, Medien, Politiker und Polizei erfolgreich in paranoide Hysterie zu treiben.

Und natürlich wollen sie in diesem Jahr nicht wieder in die gleiche Falle laufen. Als ob es von wirklicher Wichtigkeit wäre! Egal ob Hooligans, Punks oder politische Fraktionen aller Couleur, ob nun per Internet oder Handy - die neuen Kommunikationsformen sind längst auch hier ganz normal geworden und überall verbreitet. So haben die Chaos-Tage den medialen Hype überhaupt nicht mehr nötig, weil man sich eh über das Web fleißig austauscht und so jeder Kinderpunkrocker von den Chaos-Tagen weiß. Also muß auch nicht gelogen werden, weil niemand die Medien mehr benötigt, um den Virus in jedes Kuhdorf zu tragen.

Und da bleibt endlich mal was beim alten: Die Medien wie auch die Polizei hatten früher keinen Einblick in die Rezeptur von Chaos-Tagen, und heute verstehen sie selbstverständlich immer noch nichts. Also werden sie alles falsch machen. Wie schön! Man bereitet sich militärisch und propagandistisch auf "bewährte" Weise vor, behauptet, daß nichts zu befürchten ist, da eh nur "Einzelpersonen" am Werke seien, legt aber sicherheitshalber mal ein paar Tausend weißgrüne Roboter auf Halde. Und hofft ansonsten einfach darauf, daß sich nicht noch einmal so verschiedene Gruppen wie beim totalen Polizei-Alptraum im Jahr 1995 zusammenraufen. Und genau dort liegt ein weiterer Bruchpunkt der Polizei-Planung.

Denn während früher die Chaos-Tage für politische Menschen mit "traditioneller" Denke total unverständlich waren, finden sie in diesem Jahr darunter mehr und mehr Freunde. Das ist halt so mit dem Gedächtnis der Menschen: Der ganze Ärger mit den ach so dummen und ewig besoffenen Punkern liegt Ewigkeiten zurück, die EXPO aber steht vor der Tür. Und sie nervt und quält und schmerzt HEUTE! Mehr noch: Die vom Anti-Expo-Widerstand angekündigten Aktionsformen sind nichts anderes als Chaos-Tage mit politischer Zielsetzung.

Es ist die Karriere einer Organisationsform, die von der Polit-Szene immer belächelt und auch kritisiert wurde, weil sie so unkontrollierbar schien. Aber mittlerweile ist der Groschen gefallen daß sie eben auch für die Gegenseite unkrontrollierbar ist, daß sich Ordnung nicht mit Ordnung, sondern nur mit Chaos bekämpfen läßt. Also eben keine einheitliche und zentrale Organisationsstruktur, keine Disziplinierung der Aktiven, keine Fronten. Die größtmögliche Freiheit für jeden.

Und weil man beim Anti-EXPO-Widerstand natürlich genau weiß, daß sich die eigenen Aktionen nicht über Wochen mit voller Kraft durchziehen lassen, akzeptiert man nicht nur die Chaos-Tage, sondern benutzt sie als unverzichtbaren Baustein zur Durchsetzung der eigenen Ziele, als Druckmittel, um die EXPO richtig ins Schwitzen zu bringen. Und die Punks haben natürlich nichts dagegen. Wer hat nicht gerne viele Freunde?

Eigentlich fehlt jetzt nur noch, daß das in diesem Sommer zu erwartende Chaos von der Straße wieder ins Web zurückschwappt und irgendwelche hyperaktiven Hacker auf die Idee kommen, selbst der Macht mal mehr als eine Kopfnuß zu verpassen. Und das im Gegensatz zu den Leuten, die sich in Hannover die Füße ablaufen werden, völlig bequem und kostengünstig von zu Hause aus, und ohne die Gefahr, von einem durchgeknallten Cop einen blutigen Scheitel gezogen zu bekommen. Wie angenehm und schmerzlos. Aber nicht für die andere Seite...

Ist das unsere Zukunft? Auf der einen Seite eine subversive Info-Elite mit Spaß an sauberen Cyber-Anschlägen, auf der anderen ein von den Segnungen der neuen Zeit ausgeschlossener besoffener Mob, der in seinem Haß ganz real alles kaputtschlägt? Und dazwischen die Leute, die versuchen, dem einen gesellschaftlichen Sinn und eine politische Zielsetzung zu geben? Die Chaos-Tage von Hannover werden uns schon bald die Antwort auf diese Fragen geben.

Ich aber werde versuchen, am Ball zu bleiben und sie wie gewohnt über die aktuelle Entwicklung zu informieren. Damit Sie sich rechtzeitig mit Vorräten eindecken können, bevor die Chaoten alle Supermärkte leerräumen.

Vertrauen Sie mir - ich weiß, was geschieht...

ARRUUUK!

Die menschliche Zivilisation muß vernichtet werden! Sofort!