Er wagt das Unfassbare: Er fordert die ganze Menschheit heraus! Und keine Armee kann ihn aufhalten!

Spiritus Rector

Der Geistige Brandstifter

DER PRÄSIDENT RUFT ZUR APOKALYPTISCHEN REVOLTE!

oder: Wie man Chaos-Tage jedes Jahr besser organisiert!

Es ist einfach phantastisch, ja schier unglaublich, mit welcher Zielsicherheit - und eigentlich auch Vorhersagbarkeit - Polizei und Stadt die jeweils nötigen und richtigen Schritte tun, um die Dimension der Chaos-Tage in immer schwindelerregendere Bereiche zu schrauben.

1994 die von einem Polizeivertreter in höchster Erklärungsnot hervorgestammelte "Schutt und Asche"-Legende, 1995 eine tolpatschige "Deeskalationsstrategie" mit eingebauter "Punker raus aus unserer schönen Stadt"-Mentalität und zuletzt schließlich ein "Lex Chaos-Tage", das jeden aufrechten Punk-Rocker mit Stolz erfüllt, und derzeit ein wichtiger Grund für viele 14jährige ist, sich unverzüglich einen Irokesenschnitt zuzulegen.

Hervorragend, wie Staat und Polizei da die Chaos-Tage und die Wiedergeburt des Punk managen - wieso sucht man eigentlich ständig in den Reihen der Punks die "großen Organisatoren", wo doch die andere Seite diesen Job so vortrefflich erledigt?

Nun haben die Veranstalter der Chaos-Tage - in diesem Fall der neue Polizeipräsident Klosa, seind Vorgänger mußte ja wegen der letztjährigen Chaos-Tage den Hut nehmen - erneut einen Volltreffer gelandet: Sie haben das Treffen kurzerhand VERBOTEN!

Oh Gott, wahre Erregung durchflutet meine Adern! Gibt es ein wahreres oder schöneres deutsches Wort als VERBOTEN?!! Die ausländische Presse wird es lieben - hört sich doch toll an: TOTALES PUNKERVERBOT! Da werden sich manche Ohren aufmerksam spitzen, und was der Polizeipräsident unter dieser Vokabel versteht, hat er ja auch schon mit dem Hinweis auf die PKK angedeutet. Ach ja, nur am Rande bemerkt: Was eigentlich, wenn die PKK, die nun also mit den Punks in einem Boot sitzt, auf die Idee kommt, anläßlich der Chaos-Tage irgend etwas zu unternehmen...?

Weiter: In der Zeit vor den Chaos-Tagen werden wir in diesem Land Jagdszenen erleben, die sich gewaschen haben: Ein unaufhörlicher Terror gegen Punks, bei denen irgendwie vermutet wird, sie könnten auf dem Weg zu den Chaos-Tagen sein, Hausdurchsuchungen bei angeblichen "Rädelsführern", präventive Festnahmen in großer Zahl. Und weil ja schon oft Wochen vor dem eigentlichen Treffen Punks nach Hannover reisen, wird dieser Zustand über einen Zeitraum anhalten, der Schlagzeile auf Schlagzeile beschert. Und das sicher nicht nur in Deutschland.

Also: Hetzjagden und Schockszenen nicht mehr nur in Hannover, sondern im ganzen Land - Solidarisierungen -Haß. Und plötzlich gibt es das, was Hannover letztes Jahr so häßlich gemacht hat, überall. Eine tolle Entwicklung zeichnet sich ab: Vielleicht schafft es Hannover ja, die Revolte jetzt auch noch erfolgreich zu exportieren - die anderen Städte werden´s danken!

Die Chaos-Tage werden so für weite Kreise zum Symbol für eine - teils sportive, teils politische - Auseinandersetzung, die man nicht verpassen sollte. Alle, die sich immer schon mal mit der Staatsmacht anlegen wollten, werden sich auf den Weg nach Hannover machen, um die totale Revolte live mitzuerleben.

Zwar versucht der Polizeipräsident, Zwietracht säen, indem er für das Verbot die bösen organisierten Autonomen verantwortlich macht, aber auch das ist ein Schuß, der nach hinten losgeht. Die Haßkappen waren nämlich auf den bisherigen Chaos-Tagen eher in geringer Anzahl vertreten, weil sie solch unorganiserten Bierveranstaltungen eigentlich wenig abgewinnen können. Auf diese Weise aber konkret als Verantwortliche der Chaos-Tage ausdrücklich ausgeladen zu werden, werden sie sich nicht zweimal sagen lassen. Wenn das kein Grund ist, dem Staat mal richtig in den Hintern zu treten!

Wer nun annimmt, daß jetzt aber nur noch Gewalttäter nach Hannover kämen, hat im Geschichtsunterricht nicht aufgepaßt. Das Kultobjekt Chaos-Tage hat in einer erlebnisarmen Zeit eine weitere Aufwertung erfahren, und so heißt es: Dabeisein ist alles! Und das gilt für mehr Leute, als sich das Herr Klosa auch nur im entferntesten vorzustellen vermag.

Folglich wünschen wir dem Polizeipräsidenten starke Nerven, denn er hat den Verlauf der kommenden Chaos-Tage schon vorprogrammiert: Während sich seine Beamten an der Stadtgrenze mit der Abwehr und Internierung feiernder Punks herumschlagen, werden all diejenigen - ob nun Autonome, Hooligans oder andere ganz normal aussehende Jugendliche - unerkannt in die Stadt einsickern und im Schutz der Nacht die Sau rauslassen.

Wo alles VERBOTEN ist, auch und gerade die einfache EXISTENZ in jeder Form - sei es harmlos feiernd oder auch provozierend - da verschafft man sich den Nervenkitzel eben auf andere Art...

Wem diese Formulierung zu vage ist, dem kann mit einem konkretenBeispiel geholfen werden:

Berlin 1. Mai - Die Polizei riegelt im Bezirk Prenzlauer Berg den Bereich Kollwitzplatz großräumig ab, um weitere Demonstrationen der Autonomen zu verhindern. Die Polizei ist überall präsent und hat die Lage voll im Griff. Um Punkt 23 Uhr aber treffen sich an einer Baustelle am Koppenplatz rund 100 Leute, kaum einer über 20, kaum einer optisch sehr auffällig. Polizei ist nirgendwo zu sehen - sie kann schließlich nicht überall sein. Drei Minuten später geht es unvermittelt los: Barrikaden werden gebaut, Autos umgeworfen oder beschädigt, Fensterscheiben eingeschlagen, Telefonzellen zerstört. Totale Vernichtungswut, totaler Spaß an der Zerstörung 10 Minuten lang. Als die Polizei eintrifft, kann sie nur noch die Schäden notieren, weil niemand mehr anzutreffen ist.

Alles klar?

Anarchie, wie sie der brave Bürger und seine Sprachrohre versteht. Das letzte Ventil für all diejenigen, denen die Kraft zur Utopie erfolgreich geraubt wurde. Der totale Horror, den sie alle fürchten. Das kaputtgeschlagene Auto als Ausdruck der Furcht, daß diese monströse Gesellschaftskontruktion schon bald in einem gigantischen Furz vergeht könnte. Ein Furz, der auch noch angezündet wird durch den Abschaum, der aus Not oder Überzeugung alles attackiert, was in der Welt der guten Bürger hoch und heilig ist.

Ja, das sind Chaos-Tage, wie Polizei und Medien sie organisieren: Immer schön das Feuerzeug an die Lunte halten im Namen der Gefahrenabwehr! Das ist Fortschritt, das ist Zivilisation, das ist eine Welt auf dem Weg zum Kannibalismus.

Und wir berichten live darüber, denn wir wissen schon HEUTE, was morgen PASSIERT!

ARRUUUK!

Die menschliche Zivilisation muß vernichtet werden! Sofort!