Er wagt das Unfassbare: Er fordert die ganze Menschheit heraus! Und keine Armee kann ihn aufhalten!

Spiritus Rector

Der Geistige Brandstifter

DIE SAUBERE REVOLUTION FINDET NICHT STATT!

Der Polizei wäre es am liebsten, sie fänden gar nicht statt, Hannovers Independent-Musiker wollen sie nach Berlin oder Edinburgh verlegen,. die Grünen träumen von Punks, die mit Blümchen in der Hand auf einer Wiese sitzen, literweise Clausthaler trinken und "We Shall Overcome" singen. Die Autonomen schließlich, die finden Chaos-Tage nur dann gut, wenn alle Beteiligten in gut organisierten Kleingruppen einreisen, sich unauffällig verhalten und dann gezielt und vermummt gegen Banken und Konzerne vorgehen. Die Genehmigung erhalten sie aber auch nur, wenn sie vorher in einem Fragebogen detaillierte Auskunft über ihre "political correctness" geben.

Soweit die verschiedenen Wunschvorstellungen, die sich da in manchen Köpfen über Punks im allgemeinen und Chaos-Tage im speziellen tummeln. Die Realität ist allerdings leider viel unangenehmer und dummerweise auch verwirrender - für alle Beteiligten! Deshalb wohl auch die Bezeichnung "Chaos-Tage"...

Daneben ist es aber wirklich phantastisch, mit welcher Leichtigkeit das Phänomen "Chaos-Tage" es fertigbringt, Großmäuligkeit und hohle Phrasen bis ins Detail bloßzustellen. Mit der Riesenlupe wird das ganze Kasperletheater mit all seiner platten Regie immer näher herangeholt, bis auch der letzte Depp weiß, wie verlogen, selbstzufrieden und heuchlerisch die einzelnen Darsteller ihre Rollen ausfüllen.

Die Polizei, das ist die Müllabfuhr der Gesellschaft. Sie ist unter anderem dafür zuständig, daß Asoziale, Amokläufer, Junkies, Penner, Jugendgangs und auch Straßenpunks, kurz, der menschliche Müll, nicht andauernd in der Gegend herumliegt, -steht oder gar danach trachtet, dem wohlhabenderen Teil der Gesellschaft um Besitz und Wohlstand zu bringen. Der Müll wird dementsprechend wie ein Stück Scheiße behandelt, und das hat er gefälligst auch passiv zu ertragen. Umso größer ist dann natürlich das Geschrei, wenn es diese asoziale Bande dann doch mal wagt, sich zu wehren oder gar ANZUGREIFEN! Dann sind der Recht und Ordnung in Gefahr und härtere Gesetze bei den Politikern einzufordern.

Die Grünen hingegen und ihr sozialer Unterbau, die Alt-68er, sind einerseits das schlechte Gewissen der Gesellschaft und andererseits der warme Furz der angepaßten Ex-Rebellen. Sie sprühen förmlich über vor Sympathie für die "Entrechteten", die aber ansonsten nur Ziele linker Wegbehandelungsversuche sind und immer wieder als Objekte sozialkritischer Beweisführungen herhalten müssen. Im linken Lebensplan haben die Kaputten ausschließlich eine Existenzberechtigung zur Sicherung der beruflichen Existenz z.B. als Sozialarbeiter, Drogentherapeut etc. Der totale Horror vieler Linker aber ist die Vorstellung, der Mob könnte einmal aus dieser passiven und bevormundeten Rolle ausbrechen oder gar als MASSE auftreten. Dann geht es ausschließlich um Schadensbegrenzung, "friedliches Zusammenleben" und um "soziale Konzepte", sprich: Die Machtverhältnisse sollen gefälligst so bleiben wie sie sind!

Auch die Musiker in ihrem Selbstverständnis als besonders "empfindsame" und "künstlerische" Elite finden die Welt immer dann kritikwürdig und scheiße, wenn andere Ruhm und Kohle einsacken. Da sie aber der Meinung sind, eigentlich würde ausschließlich ihnen selbst dieser Platz gebühren, wo man Bürgermeistern und Talkmastern die Hand schütteln darf, ackern sie wie der Teufel an ihrem musikalischen Fortkommen und empfinden jedes bißchen Unruhe als direkten Angriff gegen sie selbst. Denn schließlich könnte ja jeder ausfallende Übungstag die nächste erfolgreiche Plattenproduktion in noch weitere Ferne rücken. Deshalb lautet die wichtigste musikalische Grundregel, daß Revolten, Revolutionen und andere handfeste Widerstandsformen immer möglichst weit weg stattfinden sollten, damit man sich ausschließlich in Songtexten mit den Ungerechtigkeiten dieser Welt auseinandersetzen muß - und nicht vor der Haustür!

Kommen wir nun zur autonomen oder auch revolutionären Linken, die ja eigentlich immer so ein gewisses erotisiertes Prickeln unter der Haut verspürt, wenn irgendwo die Barrikaden brennen, aber dennoch zumindest in Hannover nicht so recht warm werden will mit Chaos-Tagen. Man spürt eine gewisse Angst, daß die paar linken Nischen, die man sich erkämpft hat (oder mit denen man abgespeist wurde?), im Zuge der Chaos-Tage von Stadt und Polizei plattgemacht werden könnten und beklagt die "Verantwortungslosigkeit" der Punk-Szene, das Sprengel-Gelände und andere Projekte durch die Mobilisierung zu Chaos-Tagen zu gefährden. Es sei daneben, Leute für "nichts" zu verheizen. Ihnen "geht es um Widerstand, und zwar gezielt und vermittelbar. Widerstand unter größtmöglichem Ausschluß von faschistoiden oder sexistischen Verhaltensweisen", um einen "Kampf für eine freie Gesellschaft" (Zitate aus einem Sprengel-Artikel in der letzten RADIKAL)

Und obwohl die klugen Polit-Köpfe klar erkannt haben, daß unsere Gesellschaft den menschlichen Müll zu Hunderttausenden wie am Fließband auf die Straße wirft und bei den restlichen Menschen die Seele derart grob attackiert, daß Verformungen eher Norm als Ausnahme sind, wünscht man sich doch den "sauberen Widerstand", der allerhöchstens VORMACHT, als sei er moralisch verkommen.

Diejenigen aber, die wirklich kaputt sind, vielleicht auf der Straße leben, deren (Überlebens-)Kampf nicht von edlen oder gar politischen Motiven geleitet wird, die wurden schon früher von kommunistischer Seite als "Lumpenproletariat" gebrandmarkt. Wenn der Müll stinkt, dann will man doch lieber nichts mit ihm zu tun haben. Die Schmutzarbeit überläßt man dann allerdings gerne der Polizei, die hinterher prima für ihr "faschistoides Verhalten" kritisiert werden kann.

Darin unterscheiden sie sich nicht vom Normalbürger: Die wollen sich auch nicht vorstellen, mal selbst zum Abfall zu gehören. Und wenn's dann doch passiert, können sie sich in ihrer Vereinzelung nicht mehr wehren und dämmern nur noch alkoholisiert und apathisch dahin.

Aber stellt euch mal vor, alle Asozialen dieses Landes würden sich in einer Stadt versammeln, nicht länger die Schnauze halten, sondern der Welt mal richtig ihre Wut und Verzweiflung ins Gesicht kotzen! Jaja, die autonome Linke fände die Idee irre revolutionär und subersiv, aber bitteschön nur dann, wenn sie in Geschichtsbüchern steht und eine Situation schildert, die 80 Jahre zurückliegt - am besten irgendwo im zaristischenRußland. In allen anderen Fällen aber ist leicht vorauszusagen, was passieren würde: Am besagten Wochenende würden sie fluchtartig die Stadt verlassen und sich hinterher über den brutalen Polizeieinsatz aufregen. So wie bei den Chaos-Tagen von Hannover!

Oder aber es wird in RADIKALER Verlogenheit z.B. den Punks "Verantwortung" abverlangt, um die eigenen Projekte, die "eigenen Viertel" irgendwie einigermaßen ungefährdet über die nächsten Jahre zu retten. Denn es war zwar die ABSICHT der Punks, ihr Treffen in der City durchzuziehen, aber man hätte ja WISSEN müssen, daß die Polizei das nicht zulassen und den Zoff einfach in die Nordstadt exportieren würde. Also: Am besten GAR KEINE CHAOS-TAGE, denn sie sind GEFÄHRLICH - und zwar in erster Linie für linke Projekte. Mit dieser Argumentation als Maßstab könnten sie sich gleich JEDE Form des Widerstands sparen, oder zumindest die wirkungsvollsten. Denn das sind genau die Formen, die auch die heftigsten Reaktionen des Staates provozieren. Aber vielleicht haben sie diese Einsicht ja längst realisiert...

Übel und fast schon in die Nähe biederen Lokalpatriotismus gerät man aber, wenn man den anreisenden Punks unterstellt, "mehr oder weniger wohlbehalten nach Hause zu fahren", während die armen Hannoveraner die "Konsequenzen ausbaden" müssen. Daß da 1200 Leute festgenommen wurden und mehrere Hundert ein Verfahren verpaßt bekommen haben, läuft hier wohl unter "mehr oder weniger wohlbehalten"...

Die kritisierte "Verantwortungslosigkeit" der Punk-Szene ist dabei ein Prinzip, das schon längst in die Grundfesten unserer GESAMTEN Gesellschaft fest einzementiert ist: Wer weiß denn überhaupt, wofür er oder sie noch verantwortlich ist? Zur Zeit fahren wir jedenfalls gerade alle voll verantwortlich mit dieser Gesellschaft gegen die Wand, und das geschieht voller Lust, Freiheit und mit VISA-Card.

Unsere Gesellschaft in ihrer radikalen Zerstörungswut hat totale Vernichtung plus Gedankenlosigkeit als höchstes Gut festgelegt. Die Antwort der Punks: Wieso nicht mal an einem Wochenende eine ganze Stadt vernichten - wenigstens zum Spaß...

Dabei halten sich die Chaos-Tage allerdings überhaupt nicht an die ungeschriebenen linken Gesetze der Revolte. Wenn in Berlin zum Revolutionären 1. Mai die Steine im Dreivierteltakt fliegen, dann ist das schon zwar auch nicht unbedingt sehr "verantwortlich" - schließlich fragt ja auch hier keiner die Bürger, ob sie was dagegen haben, daß gerade Straßenschlachten in ihrem Viertel stattfinden (oder anders: "in Schutt und Asche gelegt" wird...), und daß da 14jährigen Immigrantenkids beim Steineschmeißen helfen, stört auch nicht weiter - aber ansonsten geht das schon in Ordnung, weil alles nach den altbekannten Ritualen abläuft. Da gähnt sogar mittlerweile die Polizei, wenn Flugblätter, stinklangweilige Möchtegern-Revoluzzerreden und Sturmhauben den Krawall einleiten. Der Textbaustein im Radio geht dann so: "Die Demonstration verlief friedlich. Nach Beendigung der Abschlußkundgebung begannen mehrere Hunderte Vermummte, Bauwagen umzustürzen und Steine auf Polizeibeamte zu werfen. Es gab mehrere Verletzte und Festnahmen."

Bei den Chaos-Tagen aber lassen sich diese Textbausteine nicht einsetzen, und die Folge ist Angst, Unsicherheit und Verwirrung auf allen Seiten.

Denn es ist eine Sache, von Revolution und Freiheit zu schwärmen und den "Widerstand" zu predigen. Wenn dann einmal aber nicht die aufgeklärte politische Elite, sondern der gemeine Mob rebelliert gegen Phantasielosigkeit, Seelenqual, Polizeiterror und auch Armut, dann wird vielen Großmäulern von gestern schnell der Boden zu heiß unter den Füßen. Wenn es wirklich kracht und die entfesselte Wut explodiert, wenn die Revolte von niemandem mehr kontrollierbar ist und vor niemandem mehr haltmacht, dann ist dies der fleischgewordene Alptraum jedes guten deutschen Revolutionärs, der seine politischen Positionen wohl mehr so "ganz allgemein als Lebenseinstellung" versteht und weniger als konkrete Aufstandsvorbereitung. Dann doch lieber den Revolten in Los Angeles oder Brighton am Fernsehschirm zujubeln, auch wenn da ganz schön die Fetzen fliegen...

Gruppen wie das Sprengel-Plenum sehen deshalb zunächst einmal die Gefahren der Chaos-Tage für die eigene revolutionäre Idylle aus "selbstbestimmtem Wohnen", Schwulenkneipe und FrauenLesbenCafe und überhaupt nicht die Chance, im Zuge der Chaos-Tage Aktionen durchzuführen und damit die eigene Ohnmacht zu durchbrechen. Es schmeckt ihnen nicht, daß da keine politisch korrekte "saubere Revolte" stattfindet, und weil sie zudem aufgrund ihrer eigenen Passivität ein schlechtes Gewissen haben (vielleicht war man ja selbst mal Punk...) sitzen sie nun da wie ein Kaninchen vor der Schlange und zittern angesichts der kommenden Dinge.

Anstatt zu sagen: "Gut, wenn wir verhindern wollen, daß die Polizei die Chaos-Tage in unser Viertel exportiert, dann überlegen wir uns doch einfach mal, wie wir das Spektakel in die Viertel der Reichen verlagern!" Aber dieser politische Ansatz existiert überhaupt nicht, weil die Chaos-Tage in erster Linie als Bedrohung wahrgenommen werden.

All das macht aber klar, wieso die Chaos-Tage ÜBERHAUPT so plötzlich wieder auf der Bildfläche erschienen sind, und dazu noch derart "back with a bang", daß alle bisherigen Punktreffen total dagegen verblassen. Denn in Hannover (und das gilt genauso für andere Städte) hat sich die autonome Linke schon lange in ihren vom Staat gewährten Nischen häuslich eingerichtet und vegetiert in ihrer Zahn- und Erfolglosigkeit dahin. Die wenigen Mini-Demos des Schwarzen Blocks gegen die EXPO 2000 etwa wurden eher belächelt als in ihrer politischen Wirksamkeit gefürchtet.

Kein Wunder, daß sich die Punk-Szene IHRE Aktionsformen nicht von schwatzhaften autonomen Grüppchen vorschreiben lassen will, sondern in immer neuen eigenen Anläufen versucht, die Party in der Innenstadt durchzusetzen. Schließlich ist die Punk-Szene kein Wurmfortsatz autonomer Kreise, und deshalb werden die Leute, die zu den Chaos-Tagen anreisen, einfach SELBST entscheiden, was sie unter Chaos-Tagen verstehen. Eine Party mit und ohne Livemusik, Katz- und Maus-Spiele mit der Polizei oder auch nur Vollsuff.

All diese Leute, die immer wieder nach Hannover kommen, riskieren ihren Arsch FÜR NICHTS außer ihrem Lebensgefühl. Das imponiert schon, macht aber auch klar, was für arme Würstchen die anderen sind. die außer Geschwätz nichts zutage bringen.

Die Chaos-Tage sind ein wichtiges Indiz, daß die organisierte, die "saubere" Revolte, so gut wie tot ist. Oder hat es sie überhaupt jemals gegeben? Die Organisationsfähigkeit und politische Kreativität der Autonomen, scheint jedenfalls so sehr am Boden, daß sie noch nicht einmal fähig sind, sich gezielt gegen die "unsauberen" Chaos-Tage zu wehren - geschweige denn gegen den Staat!Von einer eigenen Alternative will ich hier gar nicht erst reden.

Das Chaos bringt Veränderung, auch wenn sie manchem schmerzhaft erscheinen mag, und die alten Strukturen werden einfach überrollt. Mittel der Veränderung sind nicht Flugblätter, linke Plenen oder Haßkappen-Demonstrationen. Wer die harte Nuß, die sich "Zivilisation" schimpft knacken will und dabei keine Angst vor unangenehmen Gerüchen hat, wird sich einfach der mächtigen Mechanismen bedienen und sie MISSBRAUCHEN!

Die Chaos-Tage etwa werden schon längst von Medien und Polizei gemacht, denn sie sitzen auf der Realität wie ein Virus, der überhaupt kein eigenes Leben benötigt sondern sich vorhandenerZellstrukturen bedient. Deshalb ist es auch so schwer zu zerstören. Das Treffen selbst ist schon längst aus dem Ghetto eines reinen Punk-Meetings ausgebrochen und wird all diejenigen anziehen, die sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen wollen, medienwirksam Staat und Polizei vorzuführen - auf welche Weise auch immer. "David gegen Goliath" steht auf dem Spielplan, und seine Teilnehmer werden sich sicher nicht an den von Autonomen aufgestellten Regeln der "political correctness" orientieren.

Die Autonome Linke sollte die Gelegenheit nutzen, sich die Chaos-Tage genau anzuschauen, denn auch die sozialen Aufstände von morgen werden keine politisch korrekten sein und ebensowenig geführt von der politischen Linken. Denn der Müll weiß überhaupt nicht, wie man sich "politisch korrekt" wehrt, und noch weniger will er sich von linker Moral kanalisieren oder gar instrumentalisieren lassen.

Wenn es erst einmal soweit ist, daß die Neokannibalen die Straßen unsicher machen, dann gerät die Linke ganz schön in die Zwickmühle, erfüllt von Angst, selbst vom Aufstand hinweggespült zu werden. Das wird dann Entscheidungen verlangen, und plötzlich werden sich viele "Linke" in einem Boot mit den Herrschenden wiederfinden, nur um die eigene Haut zu retten. Gegen Asoziale, Punks, Kriminelle, Ausländer. Oder wie?

ARRUUUK!

Die menschliche Zivilisation muß vernichtet werden! Sofort!