Er wagt das Unfassbare: Er fordert die ganze Menschheit heraus! Und keine Armee kann ihn aufhalten!

Spiritus Rector

Der Geistige Brandstifter

KLOSA, HÖR DIE SIGNALE!

- Weshalb die Chaostage von Hannover keineswegs ausgefallen sind -

Wie süß! Jetzt jubeln sie alle im Chor, die Medien, die Politiker, die Polizei: Die Chaos-Tage seien verhindert worden, der Punker-Krieg habe nicht stattgefunden. Als wenn das jemals das Ziel von Chaos-Tagen gewesen wäre! Aber so geht das eben: Die Irren brüllen "Die Punker wollen Krieg!", und wenn die Bunten sich dann dank eines riesigen Polizeiaufgebots ohne Probleme nach Hause schicken lassen, ist dies ein grandioser "Sieg der Demokratie".

Dabei ist doch klar, daß sich mit dieser miltärischen Machtdemonstration ALLES hätte verhindern lassen - Schützenfeste, Kinderfeten und Fußballspiele. Also natürlich auch ein Punktreffen, das sie selbst Jahr für Jahr zu einem Krawallereignis 1. Grades hochgepäppelt haben.

Und das so aufgebaute schauerliche Punk-Monster ließ sich so natürlich nur noch in Form einer riesigen Geisterbeschwörung plus knackiges Bürgerkriegsszenario plus Inquisition aus der Welt schaffen. Also erstmal allen Punks einen dicken Stein um den Hals binden und sie in den Maschsee werfen. Wenn sie dann auf dem Grund des Sees ersaufen, waren´s friedliche Punks. Tut uns wirklich leid, anders war´s eben nicht rauszukriegen...

JEDEM Punk - ich wiederhole: JEDEM Punk! - war nach den Ereignissen der Chaos-Tage 95 klar, daß die Polizei in diesem Jahr die Muskeln spielen lassen würde. Aber deswegen die Chaos-Tage ausfallen lassen? Oder sich etwa paramilitärisch auf einen Krieg mit der Polizei vorbereiten? Oder sich etwa in direkten Gesprächen mit Polizei und Stadt eine geile Wiese für ein duftes Chaos-Konzert zuteilen lassen?

Nein, so geht das nicht mit dem Chaos! Aber wenn sich Stadt und Polizei schon derart in die Hosen scheißen, dann bietet es sich doch förmlich an, ihnen so richtig Feuer unter dem Arsch zu machen und sie in eine Hysterie hineinzutreiben, die alles bisher dagewesene sprengt. Und das ist doch wohl hervorragend gelungen, oder? Wie gehabt waren Polizei und Medien die eigentlichen, die besten Chaos-Tage-Veranstalter überhaupt. Ohne sie wäre das Chaos UNMÖGLICH!

Verschlimmert hat sich für die trotzdem in Hannover angereisten Punks durch diese neuartige Form des Schattenboxens nichts. Nur daß sie eben nicht von 3000 , sondern von 6000 Polizisten, nicht von 50, sondern von 150 Journalisten in Empfang genommen wurden. Wobei nun erstere mittlerweile ganz schön Muskelkater haben müßten vom Sich-selbst-auf-die-Schulter-klopfen und letztere schwerste Depressionen wegen der ausgebliebenen Krawallbilder.

Dabei dachte ich schon, die Chaos-Tage von Oldenburg seien unschlagbar! Denn nicht die Krawalle in Hannover vom vergangenen Jahr waren das Maß, an dem sich das diesjährige Treffen messen lassen mußte, sondern die geniale Medien- und Polizeiverarschung in Oldenburg im August 1995.

Es ging den Punks NIE darum, "Hannover in Schutt und Asche zu legen", sondern ausschließlich um die Inszenierung eines Spektakels mit dem Titel "Punktypisches Verhalten en gros im möglichst bizarren Spiegel der Öffentlichkeit". Und kann wirklich jemand allen Ernstes behaupten, dieses Ziel wäre verfehlt worden?

Denn es ist völlig nebensächlich, auf welche Art das Chaos-Ziel erreicht wird, solange die Partner im Chaos-Poker, also Stadt, Polizei und Medien, wie gewünscht mitspielen. Denn Chaos-Tage sind kein Krawalltourismus der gewöhnlichen Art, sondern ein Stück Widerstandskultur gegen eine Welt, in der die Spielregeln ausschließlich von geldgierigen Super-Mechanismen dominiert werden. NICHTS gehört Dir oder Deinen Freunden allein, überall ist schon das WEST-Logo drauf. Sei es nun Woodstock, Techno oder auch die Musik der Punks - alles längst geknackt und integriert, alles Opfer der totalen kommerz-kulturellen Enteignung.

Vor den Chaos-Tagen hat dieser unersättliche Raubzug bisher Halt gemacht, denn irgendwie läßt sich das "punktypische Verhalten" nicht so recht zum Verkauf von Adidas-Schuhen oder als Lifestyle-Spot auf MTV nutzen. All das, was die LOVE PARADE zu einem so sympathischen und überall beklatschten Goldesel macht, findet ihr Gegenstück in der HATE PARADE von Hannover.

Chaos-Tage sind wirklich kein Langweiler - schon deshalb nicht, weil sie jedes Jahr völlig anders ablaufen. In diesem Jahr haben die Punks mit ihren Chaos-Tagen alles erreicht, was es zu erreichen gab: Eine ganze Stadt und Polizei hat sich nicht entblödet, Tausende von Jugendlichen zu Freiwild und Feinden zu erklären, und das nur wegen einem von der Polizei selbst verursachten Krawall im letzten Jahr, ein paar großkotzigen Flugblättern und einem lächerlichen Kannibalenkanal, von dem die Straßenpunks eh nichts mitkriegen. Was will man als Punk mehr, schließlich rennt man nicht so rum, um auch von den größten Arschlöchern geliebt zu werden.

Wieder einmal hat die Verarschung hervorragend geklappt, auch wenn sicher manche Punks etwas enttäuscht nach Hause gefahren sind. Sie werden schnell merken, daß sie die eigentlichen Sieger sind. Denn obwohl alles nur als gemeines Spiel angelegt war, so hat sich dabei auch erschreckendes herauskristallisiert: Eine seit dem "Deutschen Herbst" 1977 nicht mehr gesehene, von Medien vorbereitete und der Polizei durchgeführte Hetzjagd läßt sich problemlos politisch durchsetzen!

Was aber passiert, wenn es nicht Punks sind, die Spaß am provokanten "Ich bin Euer Jude"-Spiel finden? Wenn es TATSÄCHLICH einmal zu sozialen Aufständen, zur irgendwann fälligen Revolte einer an den Rand gedrängten Masse kommt? Alles klar: Dann könnt Ihr Euch mit Euren Grundrechten den Arsch abwischen!

Für das nächste Jahr will sich Hannover nun endgültig der Chaos-Tage entledigen. Entweder durch erneuten Polizeieinsatz oder eben durch eine von der Stadt kontrollierte tolle Party, wie Stadtvertreter bereits verführerisch locken.

Scheiße nur, daß die Punk-Szene schon Wochen VOR den diesjährigen Chaos-Tagen die Meetings der nächsten drei Jahre abgesagt hat! Natürlich wird das die Polizei als ihren größten Erfolg überhaupt feiern, aber in Wahrheit bekommt sie dadurch ein gigantisches Problem: Wenn nämlich die nächsten Jahre keine Gelegenheit bieten, das Chaos-Problem auf die eine oder andere Seite zu lösen, dann wird sich der Mythos einer Party, die eine ganze Stadt in den Wahnsinn treibt, endgültig und unauslöschbar in die Köpfe von Punks und anderen Partygästen einbrennen.

Legenden haben nur dann Bestand, wenn sie nicht alltäglich und beliebig wiederholbar erscheinen, und die vier Jahre bis zu den Chaos-Tagen im Jahre 2000 werden ausreichen, um in einer ganze Generation von Punks Spannung und Vorfreude auf die vielleicht einzigen Chaos-Tage ihres Lebens zu erzeugen. Unzählige Fanzines und natürlich das Kult-Video "Kampf der Welten" werden dazu beitragen, daß zur Jahrtausendwende erneut ein Run auf Hannover einsetzen wird. Und ob Hannover dann mehr einfällt als die Stadt - diesmal über vier Wochen - erneut in eine Polizeifestung zu verwandeln, darf bezweifelt werden. Das wird dann auch etwas mehr kosten als die 10 Milliönchen von diesem Jahr...

Und so ist absehbar, daß Hannovers Aushängeschild EXPO 2000 schon bald untrennbar in einem Atemzug mit den gleichzeitig angedrohten Chaos-Tagen genannt wird. Der absolute GAU allerdings wäre eine Verfilmung von Tom Clancys "Games of State", denn dann wäre endgültig jedem potentiellen ausländischen Expo-Besucher klar, daß Hannover im Sommer 2000 das Mekka von "Hate Groups" und Nazi-Terroristen sein wird. Kein angenehmer Ort für einen lockeren Expo-Besuch, oder?

Folglich wird es in nächster Zeit ein paar plumpe Versuche geben, die Chaos-Legende auf die eine oder andere Art zu knacken. Stellt Euch für das erste Augustwochenende 1997 auf ein großes TOTE-HOSEN-Konzert im hannoverschen Georgengarten ein, oder vielleicht gibt's ja auch eine von der Stadt organisierte riesige Freibierfete am Maschsee. Laßt sie Ihr Geld ausgeben, irgendwer wird sich schon finden, der das Bier wegsäuft. Aber Chaos-Tage wird es nicht geben, und weil das jeder weiß, werden solch phantasielose Bestechungsaktionen NICHTS bewirken.

Die Chaos-Tage 2000 finden statt, weil drei Jahr vorher nichts stattfinden wird. So einfach ist das, so einfach läßt sich eine Stadt verarschen, so leicht läßt sich die EXPO 2000 ernsthaft beschädigen. Und das wird Hannover den Punks nicht so schnell vergessen!

ARRUUUK!

Die menschliche Zivilisation muß vernichtet werden! Sofort!