Er wagt das Unfassbare: Er fordert die ganze Menschheit heraus! Und keine Armee kann ihn aufhalten!

Spiritus Rector

Der Geistige Brandstifter

HANNOVER MUSS ZUR WIESE WERDEN!

- Warum Chaos-Tage kein "Punk Picnic" sind -

Die Mutter aller Feten! Der Magnet für Tausende aus ganz Europa und aller Welt! Eine riesige Party, die jedes Jahr mehr Schlagzeilen macht, weil sie eine echte SENSATION ist! Nein, ich schreibe hier nicht über die LOVE PARADE und erst recht nicht über das jährliche PUNK PICNIC in Edinborough! Natürlich geht es hier mal wieder um die CHAOS-TAGE, denn genau über dieses phantastische brutalwunderschreckliche Ereignis schreiben sich armselige Journalisten von Bangkok bis Kolumbien schon bald wieder die Finger wund, und das sollen sie gefälligst auch!

Nach all meinen Artikeln der letzten Zeit wißt Ihr natürlich, daß ich die Chaos-Tage mit größtem Interesse verfolge, und es ist natürlich auch klar, daß ich am ersten Augustwochenende in Hannover verweilen werde, um das Voranschreiten des Neokannibalismus aus nächster Nähe zu beobachten. Und obwohl es sich ja wohl für einen Menschen, der schreiben und lesen kann, nicht gehört, zur Kultivierung solcher Festivitäten der Rohheit und des Wahnsinns auch noch beizutragen, fühle ich mich sehr wohl dabei!

Es ist einfach ein wirklicher SPASS, wie leicht sich eine ganze Stadt in ein Tollhaus verwandeln läßt, und der Anblick einträchtig stotternder Politiker, Journalisten, Jugendpsychologen und Ex-Rebellen ist ein echter Stimmungsknüller. Denn es passt überhaupt nicht in Ihr Weltbild, daß es tatsächlich noch Leute gibt, die sich nicht von Polizeipräsidenten, Sozialpolitikern, Musikindustrie oder anderen Betrügern den Schneid abkaufen lassen, die sich nicht vorschreiben lassen, auf welche Art es erlaubt ist, SPASS zu haben.

Verständnislose Fragen werden stets aufs Neue gestellt: Warum überhaupt Chaos-Tage?Warum werden es jedes Jahr mehr? Warum ausgerechnet immer wieder in Hannover?Was soll all das merkwürdige Gerede um irgendeine obskure Form von SPASS, den Chaos-Tage angeblich machen? Warum wollen die Punks "Hannover in Schutt und Asche legen"? WARUM NICHT EINFACH EINE NETTE PARTY IM GRÜNEN? BITTE! Auf all diese Fragen werde ich Euch heute eine Antwort geben, denn

ES GIBT EIN LEBEN NACH DER LOVE PARADE!

Na prima, die Polizei hat es endlich auch gemerkt: Laut Verbotsverfügung sind Chaos-Tage keine "Versammlung im traditionellen Sinne". Ähnlich der "Love Parade" geht's hier nicht um gemeinsame politische Ziele, sondern ausschließlich um LEBENSGEFÜHL. Womit die Gemeinsamkeiten zwischen Love Parade und Chaos-Tagen auch schon erschöpft wären.

Im Gegensatz zur Love Parade, wo Klein- und Großunternehmer verschiedenster Coloeur die Party in einen einzigen widerlichen Werbesport verwandeln, und die ohne das Große Geld einfach ausfallen würde, konnte bei Chaos-Tagen bisher ausschließlich PENNY-MARKT von den diversen Fernsehübertragungen profitieren. Denn in Hannover haben die Partygäste nur eines im Sinn: die ganze Stadt mal richtig zum Wackeln zu bringen! Auf daß einer ganzen Bande von Arschlöchern und Unsympathen - nennen wir sie der Einfachheit halber die POPPER! - der Arsch auf Grundeis geht! Ein Ereignis also, bei dem Werbetafeln und Marketingaktionen sicher irgendwie deplaziert wären...

Es ist so einfach: Da wird eine Fete gefeiert von all denen, die bei den arroganten Gewinnern und Grinsefressen unbeliebt, verhaßt und verflucht sind. Und gefeiert werden soll nicht im Ghetto, unbemerkt und leise, toleriert und abgeschoben, sondern mitten in der City - ein riesiger Stachel im Gedärm der Stadt. Und zwar OHNE "West³-Sponsoring! Der Erfahrung der Kids beim Ausprobieren dieser Rezeptur läßt sich in einem Satz - auf diversen Flugblättern genüßlich verkündet - zusammenfassen:

VON HANNOVER LERNEN HEISST SIEGEN LERNEN!

Nach Jahren unaufhörlicher Niederlagen gegen eine unbesiegbar erscheinende Gesellschaft, die in ihrer Arroganz angesichts konventioneller Widerstandskonzepte nur noch jovial lächelt, haben die Chaos-Tage-Kids sich einer Rezeptur bedient, die in ihrer Wirksamkeit all ihre Gegner fassungslos dastehen läßt. Eine ganze Stadt ist angesichts der kommenden Chaos-Tage in einen kaum mehr zu stoppenden Amoklauf verfallen, weil konventiontielle Befriedungskonzepte einfach nicht greifen.

Denn hier wurde der Gordische Knoten durchschlagen, hier wurde die durch immer mächtiger werdenden Staats-, Polizei- und Medienapparate erzeugte Hoffnungslosigkeit einfach durch ein Konzept des CHAOS in die Hände der POPPER zurückgespielt. Jetzt sind SIE es, die durch Desinformation gelähmt sind und in ihrer Hilflosigkeit einen selbstmörderischen Amoklauf nach dem anderen hinlegen.

Hier hat man sich einfach die Erkenntnis zunutze gemacht, daß DIE POPPER ihre eigenen Dinosaurier-Apparate nicht mehr beherrschen können, wenn sich die Gegenseite nicht mehr an die Spielregeln hält. Denn Chaos-Tage sind ja eben nicht durch einen mächtigen Polizeiapparat leicht zu bekämpfende Krawalldemo, sondern eine unorganisierte, nervende und kontrollierbare Party, deren nicht vorhandene Strukturen sie für effektive Bekämpfung und Befriedung unangreifbar macht.

Deshalb ist auch vielen Leuten außerhalb der Punk-Szene der letzte Groschen gefallen zur Erkenntnis hin, daß Chaos-Tage die spannendste Sache seit der Entdeckung des Aids-Virus sind. Die alten Gesetze und Regeln gelten nicht mehr. Regeln, die immer darauf hinausliefen, daß zum Schluß DIE POPPER die Gewinner waren, weil sie jede Ereignis und jedes Stück Phantasie letztendlich in ein kohlebringendes Stück Kulturscheiße oder nervtötendes und zahmes Politgesabbelverwandeln.

DIE POPPER sagen, Chaos-Tage sind schwachsinnig, weil keiner ihren Sinn zu verstehen mag. In Wirklichkeit aber passt es ihnen nur nicht in den Kram, daß all ihre erprobten Abtötungsstrategien versagen. Denn der SINN von CHAOS-TAGEN, einfach SPASS haben zu wollen, OHNE sich überhaupt darüber EINIGEN zu wollen, was man denn überhaupt darunter versteht, ist die subversivste Strategie seit langem. Denn man kann nichts kanalisieren, was gar keine gemeinsamen Pläne und Ziele verfolgt, außer so zu leben, wie es einem paßt!

DAS ist CHAOS, und DIESES Chaos ist unbezwingbar! Vergeßt alle andere Erklärungsversuche, egal ob von sabbernden Jugendforschern, verständnisvollen Altlinken oder haßerfüllten POLIT-POPPERN!

Nicht Zoff und Gewalt, Massenarbeitslosigkeit und geschlossene Jugendzentren, Kriege und Ungerechtigkeiten der Welt oder irgendeine Polit- oder Modewellen sind die Zutaten von Chaos-Tagen. Hier bietet sich einfach eines der letzten FREIEN Abenteuer und Widerstandskonzepte, das sich dieser kranken POPPER-Gesellschaft entreißen läßt. Einfach man selbst sein, ohne Eintritt und Benimmzwang jeglicher Art. Und mit vereinten Kräften den POPPERN ihren eigenen Dreck zu fressen geben.

FÜR DIE EINEN BEDEUTET CHAOS SPASS -
FÜR DIE ANDEREN IST ES DAS TOTALE GRAUEN!

Allerdings fragen sich nun die versammelten Journalisten, was denn dieses ganze ewige Gequatsche mit dem SPASS eigentlich soll. Nun, verstehen können sie es natürlich nicht, und trotzdem berichten sie darüber bis zum Abwinken.Allein diese Tatsache macht schon eine Menge SPASS!

All diese dummen verständnislosen Visagen machen SPASS. Eine säbelrasselnde und völlig durchgeknalle Polizei macht SPASS. Genauso wie die Tatsache, daß sich da Tausende aus ganz Europa einmal so treffen, so wie SIE es wollen und nicht irgendwelche geld- oder kontrollgeilen Pißnelken.

Also: DAS CHAOS und seine Vertreter sind ALLE da, und DIE POPPER sind ALLE da, und jeder spielt nach seinen eigenen Spielregeln. Und zum SCHLUSS hat DAS CHAOS gewonnen, weil seine Spielregeln die BESSEREN sind. So einfach ist das, und genau das macht SPASS! Oder, um eine Flugblatt-Parole mal etwas zu modifizieren:

CHAOS GEGEN POPPER -DER KAMPF DER TITANEN!

Aber warum ausgerechnet Hannover? Warum nicht Berlin, Hamburg oder von mir aus auch Buxtehude? Ja, diese Frage ist sehr beliebt, weil eigentlich niemand so recht kapiert, was an dieser verschlafenen Langweiler-Stadt so attraktiv sein soll.

Die Antwort ist genauso langweilig: Die Chaos-Tage finden in Hannover statt, weil sie hier schon immer stattgefunden haben und weil sie hier entstanden sind. Und da sich Legenden nun mal nicht beliebig verpflanzen lassen, kann es eben keine Chaos-Tage in Frankfurt, Leipzig oder Paderborn geben. Zumindest nicht in der Größenordnung, wie man sie von Hannover gewohnt ist. Also kommen so viele nach Hannover, weil alle wissen, daß so viele nach Hannover kommen. Punkt. Erkenntnis Ende.

Bevor Ihr nun aber alle einschlaft, kommen wir endlich zur entscheidenden Frage:

WARUM MUSS HANNOVER ZUR WIESE WERDEN?
WARUM GEHEN DIE PUNKS NICHT EINFACH AUF EINE RICHTIGE WIESE?

Eine Vorschlag, der ja nun auch in Punk-Kreisen seine Anhänger hat. Peace-Punks der schlimmsten Hippie-Sorte mobilisieren deshalb schon seit längerer Zeit zum sogenannten "Punk Picnic" nach Edinborough.Eine Woche lang Bands, Bands, und noch mal Bands, ein paar Polit-Aktionen und Party auf dem Rasen. Eben ganz so, wie letztens ein Schreiberling der "Hannoverschen Allgemeinen" forderte. Der meinte nämlich, daß Chaos-Tage doch eigentlich irgendwann mal eine nette Wiesenparty gewesen wären und auch nur solche überhaupt noch zu ertragen seien. Das waren aber noch echt dufte Punk-Zeiten damals, was!

Mal abgesehen davon, daß sein Geschichtswissen nicht das beste zu sein scheint - hannoversche Chaos-Tage gab´s noch NIE auf einer Wiese! - drückt dieser Mann aus, was viele wünschen: Die Punks sollen doch bitteschön dorthin gehen, wo sie niemanden stören! Da haben dann alle ihre Ruhe, und der Nerv hat ein Ende.

Genau so muß man sich das "Punk Picnic" von Edinborough vorstellen. Auf einer Wiese liegen, Musik hören, von gesellschaftlichen Veränderungen und Revolution schwätzen und nach einer Woche wieder nach Hause fahren.

Die, die schon mal dabei waren, wissen merkwürdige Dinge aus Edinborough zu berichten: Da wird von Seiten der Organisatoren - die Leute von und um OI POLLOI - empfohlen, nur in sehr kleinen Gruppen in die City zu gehen, oder am besten gar nicht. Denn die Polizei sieht das nicht gerne, und die armen Edinborough-Hippie-Punker um OI POLLOI wollen ja auch noch nach dem Punk Picnic konfliktfrei in ihrer Stadt leben.

Und wenn sie dann doch zu einer Aktion bei McDonalds aufrufen, dann stellt man sich vor den Laden, schaut böse drein und verteilt Flugblätter. Den Anweisungen des herbeigeeilten Polizeibeamten, dem das letztes Jahr auch das schon zuviel war und der die Gruppe deshalb aufforderte, doch gefälligst zur anderen Straßenseite zu wechseln, wurde dann auch prompt Folge geleistet, genauso wie Straßen prinzipiell nur bei grünem Ampelsignal überquert wurden.

Das ist PUNK PICNIC, und das sind OI POLLOI, die bei ihren Gigs in Deutschland die Fresse gar nicht weit genug aufkriegen, wenn es darum geht, die harte Anti-Bullen-Nummer zu schieben. Punk Picnics sind genau das, wonach sie sich anhören: todlangeweilige Hippiescheiße! Auf Punk Picnics gibt's keine Provokationen, keine Spannung und niemand interessiert sich wirklich für irgend etwas.

Diejenigen, die sich im letzten Jahr nach den Chaos-Tagen noch nach Edinborough aufgemacht hatten, erlebten einen schlimmen Absturz: Nach einem Wochenende voller Abenteuer und einem Punk-Gefühl, das es wirklich nur bei Chaos-Tagen gibt, sahen sie sich in Edinborough mit einem Punk-Ghetto konfrontiert, in dem kleine Gruppen in gehörigen Abstand voneinander herumsaßen, eingehüllt in eine Mauer aus Desinteresse oder sogar Mißtrauen. Von wegen "Party"! Von wegen "Spaß"! Von wegen "Punk"!

Eine Fete auf der Wiese, ein Organisationstrupp, der kontrolliert, daß die Partygäste sich auch gefälligst an die Spielregeln halten, kanalisiertes, bedeutungsloses Polit- und Kulturgeschwätz, wenn's unbedingt sein muß, auch noch ein riesiges Massenbesäufnis - das Punk Picnic von Edinborough als perfektes Modell für gezähmte Chaos-Tage! Die dann natürlich diesen Namen nicht mehr verdient hätten...

Die Chaos-Tage von Hannover als dufte Wiesenparty KANN es also gar nicht geben, und die politische Kraft, der es dennoch gelänge, diese Metamorphose zu realisieren, könnte sich einen riesigen Erfolg auf die Fahnen schreiben. Denn das wäre das Ende der Chaos-Tage, und auch Punk könnte man dann endgültig in die Kiste stecken.

Da aber dank der Bürgerkriegsvorbereitungen der Polizei diese fatale Wendung nicht mehr zu erwarten ist, geht schon in Kürze ein bisher nicht dagewesenes Spektakel in die nächste Runde. Und eigentlich sind die Punks dabei doch sehr konstruktiv: Wenn es denn schon unbedingt eine Wiese sein muß, auf der die Punks doch bitte ihre Party feiern sollen, warum dann nicht einfach HANNOVER ZUR WIESE MACHEN? Daß da nach all den Chaos-Tagen immer noch ein paar Gebäude herumstehen, ist kein Problem. Denn auch die werden bestimmt am ersten Augustwochenende von Bagger-Punks im Handumdrehen in Schutt und Asche gelegt, und fertig ist die Wiese. Denn DAS sind die einzigen Wiesen-Chaos-Tage, die die PUNKS wohl noch ertragen können...

ARRUUUK!

Die menschliche Zivilisation muß vernichtet werden! Sofort!