Letzte Änderung: November 22 2005 13:32:42. - 625 Seiten archiviert
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Freitag, 05.05.2000, 22:54 Uhr
Nach weltweiter Virenattacke:
Muß nun die EXPO 2000 die Rache der Hacker fürchten?

Der ILY-Virus und die Folgen - Eine kritische Analyse

Seit gestern überschlagen sich die Meldungen über einen Virus namens "I love You" (chaostage.de berichtete). Auch ein Trittbrettfahrer namens "Joke" zieht bereits seine Kreise.

Die Viren, die angeblich ausschliesslich MicroSoft-Windows-Betriebssysteme befallen, nutzen wie üblich die Unerfahrenheit der Benutzer aus: Wieder und wieder wurde erklärt, daß Dateianhänge (Attachments) von Unbekannten oder solche mit unwahrscheinlichen Titeln ("I love You" vom Chef?) nicht geöffnet, sondern sofort gelöscht werden sollen. Dies hat offenbar bisher keine Wirkung gezeigt. Selbst MicroSoft Deutschland musste (nach Angaben des WDR-Radios) seine Server herunterfahren und hat die Emailkonten seiner Mitarbeiter gesperrt.

Interessant macht den ILY-Virus aber u.a folgendes: noch nie hat ein Virus sich derart schnell verbreitet, auch die berüchtigte Melissa nicht. Binnen eines Tages gelangte ILY von den Phillipinen über Südafrika und Europa in die USA.

Befallen sind nicht nur Privatnutzer und Firmen, sondern auch das dänische Parlament, das britische Unterhaus, zahlreiche Behörden in Deutschland und gerüchteweise auch der Mailserver des Pentagon.

Die Wirkungsweise ist simpel: MS Exchange und Outlook Express sind in der Lage, sog. Makros auszuführen. Dies sind Dateibestandteile, welche selbständig bestimmte Aktionen vornehmen können. Mit der neusten Version des Outlook entfällt sogar die Möglichkeit, das Ausführen von Makros zu deaktivieren, d.h. sobald die Mail, die ein Attachment mit dem Virus enthält, geöffnet wird, hat der Virus freien Zugang zum System. Es ist nicht notwendig, die .exe manuell zu starten.

Sodann verschickt sich das Virus mit Hilfe des Adressbuches des Mailers selbst an alle eingetragenen Adressen.

Es hängt sich auch an .jpg und mp3 Files. Diese Dateien werden besonders gerne ausgetauscht, die mp3`s aktuell ueber Napster, ein Programm, welches es Anwendern ermoeglicht, sie direkt auszutauschen, dh ohne den Umweg eines Fremdservers.

Und hier kommen wir zum interessantesten Faktor: die ungeheure Verbreitung von (meist illegalen) mp3īs ist ein Dorn im Auge der Musikindustrie. Sie bemüht sich schon lange, mittels rechtlicher Schritte und (unwirksamer) Kopierschutztechniken, dem "Handel" mit mp3`s den Garaus zu machen.

Warum nun ausgerechnet ein phillipinischer Schüler (laut dpa), der sicherlich eher der "Cracker"-Szene zuzurechnen ist, einen derartigen Virus programmieren sollte, leuchtet dem aufmerksamen Beobachter und auch der deutschen Cracker-Szene nicht ein. Schliesslich sind es doch eben jene, die massenhaft mp3`s auf ihren Festplatten horten.

Die Gerüchtekueche in den einschlägigen Foren brodelt und laut internen Informationen wird nun darueber nachgedacht, sich fuer dieses "Attentat" zu rächen. Schliesslich müssten die "Hacker"/Cracker seit jeher die Schelte einstecken, sei es nun für Viren, Hacks von Webseiten oder auch für die kürzlich erfolgten ddoS-Attacken. Nun sei es an der Zeit, das es sich auch einmal lohnen muesse, bei allen verhasst und/oder verkannt zu sein, so tönt es.

Zu befürchten ist, das sich die Angriffe nun nicht mehr breit gestreut gegen MS-Anwender im allgemeinen richten werden, sondern daß ein Ziel ausgewählt wird, welches nicht nur von allgemeinem Interesse und im Blick der Weltöffentlichkeit ist, sondern daß auch noch in seiner Struktur sehr angreifbar ist.

Ein Projekt wie die EXPO 2000 bietet sich hierfür an. Das jahrelange Hickhack, die Inkompetenz der EXPO-AG, der ständige Geldmangel lassen es sehr wahrscheinlich erscheinen, das für die Datensicherheit nur sehr wenig getan wurde. Dazu kommt, daß Fachleute rar gesät und teuer sind (siehe auch GreenCard Debatte). Es ist anzunehmen, daß hier mit ähnlichen Systemen gearbeitet wird wie in allen öffentlichen Verwaltungen und daß nun, so kurz vor der Eröffnung, kaum noch an einer Verbesserung, geschweige denn an einem kompletten Umstieg gearbeitet werden kann.

Auch im öffentlichen Personennahverkehr wird mit MS Windows gearbeitet, hier ergäbe sich ebenfalls ein Angriffspunkt.

Und nicht zuletzt: Die "Haecker"/Cracker-Szene hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Ein ehrenwerter Verein wie der Chaos Computer Club, der seine Aufgabe immer noch darin sieht, Sicherheitsmängel aufzudecken, ist nicht mehr für alle jungen Computernutzer ein Vorbild. Auch die vielen Anwender aus Punker- und Autonomenszene haben mit dem dort gepflegten Demokratieverständnis nicht viel am Hut. Sie könnten dem Schlagwort "Chaostage auf der EXPO" einen gänzlich anderen Klang geben und wären auch durch ein riesiges Polizeiaufgebot nicht zu stoppen, denn sie müssen nicht nach Hannover eindringen, sondern nur in die richtigen Computersysteme.

Fazit: Die Vergangenheit hat gezeigt, daß Virenangriffe oft Nachahmungstäter anlocken, die sich die durch einen vorhergegangen Angriff bekannt gewordenen Sicherheitslücken zu Nutze machen. Die Verbreitung des Quellcodes im Internet kann dazu fuehren, das auch ein relativ Unerfahrenes sog. Script-Kiddie sich an der Virenprogrammierung versucht und damit Erfolg hat.

Ob es nun tatsächlich zu einem gewaltigen Angriff auf ein Ziel wie die EXPO kommt oder nicht: Ruhe an der Virenfront wird vorerst nicht einkehren.

Emanuelle Goldstein

 

Interessante Links in diesem Zusammenhang:
Warnung vor I LOVE YOU-Trittbrettfahrern
Pressemitteilung des Landesbeauftragten für Datenschutz Schleswig-Holstein

 

 
  Sorry,
das kann noch dauern...
-kn-
 
 
   
 
 
 
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