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Mittwoch, 02.08.2000, 15:42 Uhr

Auseinandersetzung mit den Chaos-Tagen aus autonomer Sicht

 

(Anmerkung der Redkation: Dieser Beitrag sollte ursprünglich noch vor den Chaos-Tagen in der INTERIM erscheinen, was dann aus Termingründen nicht möglich war. Wir wurden deshalb geben, ihn an dieser Stelle zu veröffentlichen, was hiermit geschehen ist)

Ich halte es für unbedingt notwendig, ein paar Zeilen zu dem Ablauf der Chaostage 1995 in Hannover zu schreiben. Hauptsächlich im Internet, aber auch im Rahmen der Expo-no Kampagne wird zu den Chaostagen 2000 aufgerufen. Auf der anderen Seite versucht eine Gruppe von Autonomen aus Hannover gegenzumobilisieren und Expo- GegnerInnen aus anderen Städten den Eindruck zu vermitteln, als wären DIE HannoveranerInnen alle gegen die Chaostage wegen der schlechten Erfahrungen. Dabei wird einerseits mit negativen Unterstellungen gegen vermutete Initiatoren gearbeitet u. andererseits ein völlig falsches Bild von den Ereignissen 1995 weitergegeben. Ich möchte vor allem Behauptungen widerlegen DIE HannoveranerInen hätten da nur schlechte Erfahrungen gemacht und seien alle dagegen.

Da gab es z.B. den Redebeitrag der "Villa-Gruppe" am 27.6.96 auf einer Kundgebung gegen die Polizeigesetze. Da wird sich z.B. darüber beschwert, daß "gestandene Linke eine Argumentation übernehmen, wie sie ansonsten eher die Springer-Presse vertritt". Die Chaostage werden als "sozialer Protest Wut, Hass auf die Gesellschaft" gesehen. "Wir sind ziemlich sicher, daß die Tatsache, daß die Polizei '95 mehrfach in die Defensive gezwungen wurde, auch in Teilen der Öffentlichkeit eine klammheimliche Freude erzeugt hat. Diese Schadenfreude beruht auf einer angestauten Unzufriedenheit gegenüber den gesellschaftlichen Zuständen, verbunden mit einem Gefühl der eigenen Ohnmacht".

Des weiteren erscheinen mir die Faschismusvergleiche, die einige Leute immer wieder zu den Chaostagen ziehen, ausgesprochen fatal. Da heißt es z.B. in der RAZZ Ausgabe N. 82: "Wer erinnert sich da nicht an die deutschen Volksaufläufe im NS und die Pogrome nach 1990ff.". Dieser Satz bezieht sich auf einen Text der Chaostag Agitator/Innen, aber letztendlich geht es ja um das, was auf der Straße wirklich stattgefunden hat und das war alles andere als faschistisch.

Ein weiterer Vorwurf, der oft kommt, ist der der Mackermilitans und des Sexismus. Diese Vorwürfe stimmen eigentlich immer und können meistens auch in Zusammenhang mit ganz anderen Events in der gleichen Schärfe vorgebracht werden. Oder warum sonst beschwerten sich Frauen in etwa jeder zweiten RADIKAL-Ausgabe über sexistische Strukturen in gemischten Zusammenhängen? Ich finde die sexistischen Strukturen nicht gut und ich wünsche mir sehnlichst, daß sich da endlich mal was verändert, aber ich finde es auch falsch wenn autonome Männer ( o. auch Frauen) den Sexismusvorwurf "einsetzen", wenn sie etwas diskreditieren wollen, das sie aus einem ganz anderem Grund ablehnen.

Das Bild von Punk ist in Hannover bei vielen Leuten, aufgrund der jahrelangen schlechten Erfahrungen mit einer bestimmten Fraktion, sehr negativ. Häufig werden die Chaostage und die Auseinandersetzungen mit den Sprengel-Punks und deren Freunden durcheinandergebracht. Die meisten, die zu den Chaostagen 95 angereist waren, hatten von diesen Problemen überhaupt keinen Schimmer und nichts damit zu tun. Ein großer Teil kam überhaupt gar nicht aus Deutschland sondern aus anderen europäischen Ländern, hauptsächlich Polen.

Ich will nun versuchen, das, was passiert ist, einigermaßen richtig wiederzugeben, erhebe aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit, da absolut niemand in der Lage ist, absolut alles auf dem Schirm zu haben. Mein persönlicher Blickwinkel geht vom und um das ehemalig besetzte Sprengel aus.

Die Ereignisse 1995

Die Leute, die zu den Chaostagen wollten, reisten zum Teil schon eine Woche vor dem offiziellen Termin an. Sie landeten alle in der Nordstadt. Entweder, weil sie die Adressen der beiden ehemals besetzten Häuser Sprengel und Heisenstr. schon vorher hatten, oder weil die Bullen sie dorthin eskortiert hatten. Die BewohnerInnen der beiden Häuser nahmen alle bei sich auf. Sprengel hatte sich auf einem Plenum dazu entschieden,

- einmal weil mensch ein schlechtes Gewissen wegen dem Vorjahr hatte, da nämlich wurden ein paar hundert Punks vor der Haustür von den Bullen brutal verdroschen,

- vor allen Dingen aber, um Streit mit der Punk-Fraktion im Haus zu vermeiden, was normalerweise immer in schlimmen Psycho-Terror ausartete.

Die SprengelbewohnerInnen hatten von nun an wenig Einfluss auf das, was die nächsten Tage folgte. So wurde die Situation, ein paar hundert Punks im Haus zu haben, als gegeben angenommen und Sanidienst, Wachschichten und so weiter eingerichtet, sich also ausgesprochen konstruktiv verhalten.

Viele der Punk-Fraktion sahen allerdings die angereisten Chaostag Besucher/Innen als Verstärkung ihres Dauerkrieges gegen "die Automaten" und fütterten Gäste mit Hetz-Geschichten. Sie nutzten die Situation, um mal wieder die Schwulen- u. Lesben-Kneipe "Schwule Sau" anzugreifen, in der Annahme die Gäste wären auf ihrer Seite. Sie plünderten die Alk-Reserven und zündeten den ersten Stock an. Die beiden Anstifter wurden kurz darauf verpfiffen und in Anwesenheit von ein paar hundert Gästen rausgeschmissen. Sie bekamen also nicht die erhoffte Unterstützung.

Die sog. Plenums-Fraktion empfand die Situation zunächst mit all den Punks im Haus als bedrohlich, nicht zuletzt wegen der beschissenen Erfahrungen mit den Mitbewohnern/Innen. Als sich so nach und nach herausstellte, daß die Gäste (überwiegend ?) ganz anderes im Sinn hatten als die Vernichtung der "Sprengel- Automaten", besserte sich das Verhältnis.

Auf der Straße kam es nach einigen Provos durch die Schergen zu Straßenschlachten. Verblüfft sahen die Sprengels und Freunde vom Fenster aus, wie Gäste auf der Straße Barris errichteten, um Sprengel zu verteidigen. Diese Barris wurden mit einer Entschlossenheit und einem selten mitzuerlebendem Risikoeinsatz durch Steine und Flaschenhagel verteidigt. Da ging den Sprengelbewohner/nnen natürlich der Arsch auf Grundeis. Es roch nach Räumung! Auf der anderen Seite begann mensch auch Faszination und Bewunderung für den Mut der Chaostag-Besucher/Innen zu entwickeln. Das ging so weit, daß die Sanis (die sich mit den weniger schönen Resultaten der Ereignisse zu beschäftigen hatten) beschwerten, sie könnten nur noch unter Schwierigkeiten mit den zum Teil krass Verletzten durch den Beifall klatschenden "Fanclub" in den Saniraum gelangen.

Zu sehen, wie der sonst so allmächtige Staatsapparat mal nicht alles im Griff hat, wie den Schergen die Fresse poliert wird, wie sie sich fürchten, wie Menschen auf den resignationsauslösenden Repressionsapparat in einem momentanem Lustgefühl einfach schissen (nat. mit den entsprechenden Resultaten), ja, das löste bei vielen Glücks- und Euphoriegefühle aus, auch wenn sie nicht zu den Chaostagen aufgerufen hatten und eigentlich gar nichts damit zu tun hatten.

Die Barris wurden dreimal erfolgreich verteidigt und beim vierten geräumt. Die Sprengels ließen alle ins Haus und schlossen dann die Tür vor den Bullen. Zwar waren sicher viele Arschlöcher und Idioten dabei, aber im Endergebnis scheint die große Masse doch eher O.K. gewesen zu sein. Es wurden z.B. nicht Steine und Flaschen aus dem Fenster geschmissen und zwar weil Sprengel- BewohnerInnen die Parole rausgaben: Keine Steine aus dem Haus!

Auch nach Abbruch des Fährmanns-Festes in Linden fanden verschiedene Scharmützel statt.

Dort hatte jemand auf Flyers dazu aufgerufen die Bierstände zu plündern, da die Organisator/Innen des Festes im Vorjahr den Gewinn den Angehörigen von Harlim Dener versprochen hatten, diese ihn aber nicht bekamen.

Da die Bullen zu wenig Einsatzkräfte hatten, aber vielerorts schwer beschäftigt waren, eröffneten sich in der Nordstadt inzwischen wieder neue Möglichkeiten. So wurde des nächtens der Penny-Markt gegenüber von Sprengel aufgebrochen und geplündert Diese Plünderung entwickelte sich zu so einer Art Stadtteilparty. Überall zwischen Heisenstr, Sprengel und Park befanden sich Penny-Waren. Punks standen vorm Penny und verteilten Carepakete, in die sie Lebensmittel, Kaffee, Wein usw. gepackt hatten, an die Nordstädter Bürger. Im Penny selber sah es ganz wüst aus. In einer Schlammschicht wateten Punks, Hippies und Anwohner verschiedener Nationalitäten (auch Deutsche). Rumänische Frauen packten hektisch Plastiktüten voll Kinderspielzeug, polnische Punks stopften sich die Taschen voll Zigaretten usw.. Um das Sprengel herum herrschte eine ausgelassene Atmosphäre. Hauptsächlich ausländische Familien flanierten mit "Kind und Kegel" über die Schaufelderstr.. Die Bullen beendeten den Spaß nach etwa 24 Stunden.

Irgendwann waren die Chaostage vorbei, alle reisten wieder ab, einige blieben hängen, andere waren noch im Knast, wieder andere "warteten" auf ihre Prozesse. Sprengel wurde nicht geräumt, kam völlig unverhofft zu weltweitem Ruhm. Unverhofft, aber nicht unverdient! Ohne Sprengel und die Heisenstr. wären die Chaostage in dieser Form niemals möglich gewesen. Sprengel im Rücken gab den Barrikaden-KämpferInnen die nötige Sicherheit, von der aus sie agieren konnten. Immerhin hatten die BewohnerInnen trotz ständiger Räumungsangst die Nerven behalten und viele Notwendigkeiten organisiert. Die Heisenstr. hätte beinahe neue Verträge bekommen, verhielt sich aber in der Nachfolgezeit strategisch ausgesprochen unklug (Schüsse mit dem Luftgewehr auf Bauarbeiter). Der EA kümmerte sich um die Verfahren und druckte sogar T-Shirts mit "Chaostag - Helden". Türken hängten ein Transpa aus dem Fenster auf dem stand, daß sie sich in Deutschland noch nie so sicher gefühlt hätten wie an den Chaostagen. Die Stadt Hannover zitterte um ihr Expo-Image. Durch nichts wurde dieses bisher so erschüttert. Die Fernsehzuschauer in Australien wussten mehr über Straßenschlachten in H. als über das bevorstehende Ereignis der Weltausstellung.

Als dann im darauffolgendem Januar die Arschloch-Punks von Sprengel wiedereinmal die "Schwule Sau" angriffen, flogen sie nach heftigen Auseinandersetzungen entgültig raus. Diese Leute hatten das Bild von Punk über viele Jahre in der linken H.- Szene geprägt. Sie hatten aber auch einen Macht- Pol dargestellt. So fand nach ihrem Rausschmiss eine allgemeine Umstrukturierung der Hierarchien der Szene um Sprengel und die Korn statt. Diejenigen, die überhaupt nichts von Chaostagen, hielten begannen nun gegen das "kritiklose Abfeiern der Chaostage" vorzugehen. Es wurden Maßstäbe an die Chaostage gehalten, denen die meisten linken Veranstaltungen, Camps, Demos usw. auch nicht gerecht werden könnten (Mackermillitans, Sexismus usw.). Auch mit dem Faschismusvorwurf wurde eine Tabuisierung jeglicher Sympathie-Bekundungen der Chaostage in Gang gesetzt. Der EA packte seine T-Shirts wieder ein und verfiel in Rechtfertigungen.

Und nun noch mal zum Ausgangspunkt zurück, die Mobilisierung zu den Chaostagen 2000 Hannover. Ich habe hier geschildert, was 95 so los war, und zwar wegen der verschiedenen, kursierenden Falschdarstellungen. Es würde aber jeder Logik widersprechen, anzunehmen die Chaostage könnten wieder in der Nordstadt und um die sich dort befindlichen linken Zentren stattfinden. Die Bullen werden die

Nordstadt wie schon 96 hermetisch abriegeln und ansonsten versuchen alle Punks die in Hannover eintreffen, wieder nach hause zu schicken (was ganz lustig werden kann, wenn sie unterscheiden müssen zwischen "Normalos" mit bunten Haaren oder Dreadlocks die zur Expo wollen und Chaostag-Besuche/Innen). Es besteht keine Veranlassung dazu, über eine eventuelle Gefährdung linker Zentren und Projekte sich Gedanken zu machen.

Ilka,

 

 
  Sorry,
das kann noch dauern...
-kn-
 
 
   
 
 
 
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