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Rückspiel in Hannover zur EXPO 2000?
Wenn am kommenden Montag wieder einmal Rechts- und Linksextremisten sowie die Staatsmacht aufeinanderprallen, könnte dies sehr wohl zu einer Art Generalprobe für die im August in Hannover anstehenden Chaos-Tage geraten. Das explosive Gemisch, das hier aufeinandertrifft, dürfte dem in Hannover zu erwartenden nämlich sehr ähnlich sein. Und alle Beteiligten haben noch einmal eine gute Gelegenheit, sich anhand der in Berlin gemachten Erfahrungen professionell auf das "Rückspiel" in Hannover zur EXPO vorzubereiten.
Insgesamt bis zu ca. 20.000 Teilnehmer werden sich zu den diesjährigen "Maifestspielen" in Berlin einfinden, wobei der Teilnehmerkreis verschiedenartiger kaum sein könnte: Zum einen werden zur "Revolutionären 1.Mai-Demonstration" in Berlin-Kreuzberg 8-15.000 Menschen erwartet. Diese seit den Krawallen am 1. Mai 1987 jährlich stattfindende Veranstaltung hat sich seitdem zu einem Anziehungspunkt für Krawalltouristen der verschiedensten Colouer entwickelt.
Auf der anderen Seite dann die
NPD-Kundgebung in Berlin-Hellersdorf,
die unter dem Motto "Arbeit zuerst
für Deutsche" steht. Die hier
aufmarschierenden einigen hundert
rechten Demonstranten sehen sich
wohl als Verfechter eines nationalistischen
und taditionsbewußten Deutschlands,
das "Traditionen" wie denen der
linken Demonstranten in Kreuzberg
aber schnell den Garaus machen würde.
Als selbsternannte Vertreter der
Ordnung tragen sie nichtsdestotrotz
zum Chaos in Berlin bei.
Zu guter Letzt dann noch über 6000 Polizeibeamte, die Hälfte davon aus anderen Bundesländern herangezogen, um den befürchteten "polizeilichen Notstand" zu vermeiden.
Es wäre nun aber ein Trugschluß,
zu glauben, hier ginge es um eine
rein politische Auseinandersetzung
der harten Art. Auf allen Seiten
gibt es Teilnehmer, die in erster
Linie Interesse an einem erlebnisorientierten
Feiertag haben. Der Abenteuerhunger
vieler - insbesondere junger - Menschen
treibt sie zu Tausenden nach Berlin,
aus Kleinstädten und Dörfern,
seien es nun Hooligans, Streetgangs
oder Durchgeknallte aller Art, die
der Langeweile in ihren Käffern
adrenalin- und tränengasgeschwängerte
Kontraste entgegensetzen wollen.
Nicht zu vergessen natürlich
die Journalistenmeute auf der Jagd
nach der verkaufsträchtigen
Blut, Schweiß-und-Tränen-Geschichte....
Sie alle werden am 1. Mai in Berlin
versammelt sein, um wie auf einem
historischen Ritterturnier herauszufinden,
welche Mannschaft in der Lage ist,
den diesjährigen Pokal zu holen.
Fachkundige werden es bereits gemerkt haben: Es ist die gleiche Mixtur wie bei Chaos-Tagen, und dort findet dann auch die zweite Pokalrunde statt...
Es gibt auch noch anderere Parallelen:
Obwohl esdas Ziel der "Revolutionären
1. Mai Demonstration" ist, den Demonstrationszug
nach Berlin-Mitte zu führen,
wo sich viele im Zuge der Haupstadtwerdung
neu erbaute Geschäfts- und
Regierungsviertel befinden, wurde
dieser Teil der Demonstrationsroute
verboten. Das Motto der Demonstration
"imperialistische Zentren angreifen"
ließe drauf schließen,
daß erhebliche Ausschreitungen
zu erwarten seien.
Ähnlich in Hannover: Hier achtete die Polizei bei den Chaos-Tagen 1994 und 1995 peinlichst genau darauf, das Stadtzentrum sauberzuhalten und drängte die Punks in ein "Szeneviertel" ab, wo es dann auch zu Krawallen kam.
Scheidepunkt, ob es der Polizei
gelingt, mit ihren "bewährten
Mitteln" die Kontrolle zu bewahren,
sind sicher die Ereignsse um die
NPD-Kundgebung in Berlin-Hellersdorf,
deren Verbot heute von Berliner
Verwaltungsgericht aufgehoben wurde.
Am Tage zuvor war die geplante Gegendemonstration
verboten worden, weil "eine gewaltsame
Störung des NPD-Aufzuges mit
dem Ziel seiner Verhinderung" beabsichtigt
sei.
Die Stimmung ist jedenfalls auf dem Siedepunkt: Während die Rechten über die Genehmigung ihrer Kundgebung jubeln dürfen und es auf linken Internet-Websites heißt: "Das neue Berlin mag's gerne heiß!" und "Laßt uns gemeinsam Nazis kaputtmachen! Blut auf Asphalt!", hat die Polizei alle Mühe, sicherzustellen, daß Ihr der Kessel nicht um die Ohren fliegt.
Wie aber auch immer das Match zwischen den Beteiligten ausgehen mag - für alle gibt es die einmalige Gelegenheit, eine mögliche Scharte bei einem "Rückspiel" zu den EXPO-Chaostagen wettzumachen. Und die in Berlin gemachten Erfahrungen werden möglicherweise sogar dafür sorgen, daß es Hannover zu Verlängerung und Elfmeterschießen kommt.
Denn dann heißt es: "Auf Hannover schaut die Welt" - und wer mag da schon als Verlierer vom Platz gehen?
Karl Nagel, Hamburg
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