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Donnerstag, 20.07.2000, 13:08 Uhr

"Die Chaostage sind fester Bestandteil der Anti-Expo Kampagne"

 

Während meines Besuches in Bremen unterhielt ich mich mit einem Autonomen, der sich selbst als Antifaschisten bezeichnete. Wir sprachen mit ihm über den Expowiderstand, das Verhältnis von Punks und Autonomen, über die Geschichte der Bewegung und auch über die Chaostage.

Unser Gegenüber ist seit den frühen 80er Jahren aktiv in der Szene unterwegs. Er hat an verschiedenen Hausbesetzungen in Berlin, Hamburg und Stuttgart teilgenommen, war bei den Protestaktionen gegen Brokdorf, Gorleben und die Startbahn West aktiv beteiligt und wohnt zur Zeit in Niedersachsen.

Er geht davon aus, daß in den vergangenen Jahren durch die ständigen Gesetzesverschärfungen und die zunehmende Überwachungssituation die Gestalt des Protestes sich grundlegend im Wandel befindet. Seien es in den 80er Jahren in erster Linie Kader und Kollektive gewesen, in denen der Widerstand organisiert wurde, fände zur Zeit eine Dezentralisierung und Vervielfältigung der Aktionsformen statt.

Der Imperialismus in seiner heutigen Form ließe sich besonders an seinen speziellen Feierveranstaltungen wie WTO-Konferenzen, IWF-Tagungen und auch der Weltausstellung EXPO, bei denen das geplante Weltbild, bestehend aus Gentechnologie, totaler Überwachung, Kapitalismusgläubigkeit und hemmungslosem Konsum, der Bevölkerung vermittelt werden solle, bekämpfen. Dazu würden neuerdings auch relativ unpolitische Veranstaltungen wie "Reclaim The Streets" und Chaostage herangezogen, zu denen man bisher ein zwiegespaltenes Verhältnis hatte.

Auf unsere Frage, was mit den Störaktionen errreicht werden solle antwortete er, daß er sich darüber im Klaren sei, daß ein Umsturz und eine Zerschlagung des System damit keineswegs zu bewerkstelligen sei. Vielmehr solle auf diese Art und Weise eine Taktik der Nadelstiche praktiziert werden. Die Idee die dahinterstehe sei, so ein öffentliches Bewußsein zu schaffen und der allgemeinen Gleichschaltung - wie damals im Dritten Reich - entgegenzuwirken.

Ein wesentliches Ziel sei auch, durch konzentrierten Protest die zur Zeit mehr als gespaltene Linke wieder zusammenzubringen, einen Minimalkonsens zu erreichen, von dem aus man sich auf die veränderte Weltsituation einstellen könne.

Der Widerstand gegen die kapitalistische Weltordnung werde sich wie ein Flächenbrand von Seattle über London bis nach Hannover und Genf über die die ganze Erste Welt erstrecken. Ein Anzeichen hierfür seien die sich immer weiter ausbreitenden Netzwerke, die via Internet, mit ungleich höherer Geschwindigkeit und Effektivität sämtliche Formen des zivilen und militanten Protestes zusammenbringe und damit terroristische Organisationen, wie etwa die RAF, überflüssig mache. Inzwischen müsse man nicht mehr bei der Planung einer Aktion eine großen Gruppe miteinbeziehen, was die Risikofaktoren auf ein Minimum reduziere, Kleingruppen von drei bis vier Personen seien inzwischen die Regel.

Auf unsere Frage, wie er zu Punks stehe, meinte er unter den Punks gebe es eine Vielzahl von Unterdrückungsformen rassischitischer, sexistischer bis bin zu faschistischer Färbung, der ständige Drogenkonsum mache sie lethargisch und er könne die internen Hierarchien und Machtstrukturen in keinster Weise bewürworten. Doch sei er in den letzten Jahren zu der Überzeugung gekommen, daß viele Punks mit der Zeit einen Entwicklungsprozeß durchmachen, der sie über Hausbesetzungen, aktiven Antifaschismus und andere "linke" Aktivitäten ins autonome Lager überwechseln lasse.

So seien auch die Chaostage fester Bestandteil der Anti-Expo Kampagne. Wie er meint würde es vielen Autonomen während der Chaostage aufgrund ihres unauffällligen Aussehens gelingen, Sabotageaktionen durchzuführen, da die Polizei sich auf Punks konzentrieren werde.

Schon bei der Expo-Eröffnung habe sich gezeigt, daß die Kriterien der Polizei bei Verhaftungen sich auf Bunthaarige, ausländisch Aussehende und unordentlich Gekleidete konzentriert habe. Viele Personen aus seinem Umfeld seien selbst während der vielen Demonstrationen nicht einmal kontrolliert worden.

Im Rückblick werde die Expo 2000 als größtes Desaster in finanzieller und propagandistischer Hinsicht in die Geschichte der BRD eingehen.

Felix Gerbrod, Berlin

 

 
  Sorry,
das kann noch dauern...
-kn-
 
 
   
 
 
 
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