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Sonntag, 06.08.2000, 16:07 Uhr

Hurra! Chaos-Tage fanden nur im Internet statt! Erfolg auf ganzer Linie: Abkommen zwischen Polizei, Medien und chaos-tage.de konsequent umgesetzt!

 

Mit dem Ende der virtuellen Chaos-Tage von Hannover kann ein riesiger Erfolg bilanziert werden: Im Gegensatz zu 1995, als gewalttätige Punker halb Hannover verwüsteten, kamen diesmal nur ca. 30 Punks nach Hannover. Die restliche Punkszene wie auch Polizei, Medien sowie überraschenderweise auch Hunderte von Hip-Hoppern beteiligten sich per Internet am Cyberspace-Chaos. Folglich blieben blutige Krawalle aus; es gab weder Festnahmen noch Verletzte, Sachschäden konnten verhindert werden, das Sprengel-Gelände blieb ungeschoren, und die Nordstadt-Bewohner blieben endlich einmal an einem ersten Augustwochenende von den üblichen Ruhestörungen verschont.

Möglich wurde die Verlagerung der Chaos-Tage ins Internet durch ein Abkommen von Polizei, Medien und der chaos-tage.de-Redaktion. Redaktionsleiter Karl Nagel hatte ja bereits vor einigen Wochen dem hannoverschen Polizeipräsidenten Klosa in einem Offenen Brief angeboten, ihn bei der Lösung des Chaos-Tage-Problems zu unterstützen. Angesichts der drohenden Gefahren nicht nur für Hannover, sondern insbesondere für die Weltausstellung EXPO 2000, lud Klosa Nagel zu einem Geheimtreffen nach Hannover ein, an dem auch Vertreter der Medien teilnahmen - darunter z.B. Klaus Gembolis von der "Neuen Presse", Jürgen Voges von der "tageszeitung" (taz) und Kerstin Wolff von SAT1 - sowie weitere hochrangige Vertreter von Presse, Funk und Fernsehen und natürlich Birgit Breuel als Vertreterin der EXPO-Gesellschaft.

Polizeipräsident Klosa machte in einem eindringlichen Vortrag klar, daß er keine Möglichkeit sehe, gleichzeitig den Ruf der Weltausstellung UND die Sicherheit Hannovers zu gewährleisten, worauf Nagel den Anwesenden seinen sensationellen Plan unterbreitete: Die Verlegung der Chaos-Tage ins Internet! In einer Gesellschaft, in der sich Millionen an der virtuellen Jagd auf Moorhühner beteiligten, sei es überhaupt kein Problem, auch die Chaos-Tage-Randale zu einem erlebnisorientierten Cyberscpae-Event zu verwandeln. Auf diese Weise könnten alle Beteiligten "total die Sau rauslassen, ohne daß es zu realer Gewalt kommt", so Nagel. Man müsse einfach nur die Erfahrungen von 1996 verwerten, als es gelang, dank des Internets die Chaos-Tage zu einem Riesenereignis zu machen. Nur diesmal mit umgekehrten Vorzeichen: Einfach die realen Chaos-Tage totschweigen und dafür ein tolles Event im Internet anbieten!

Weiterhin würde Nagel die technischen Voraussetzungen schaffen und seinen Einfluß in der Punk-Szene geltend machen, um die Umsetzung dieses Planes zu gewährleisten. Während Klosa sofort begeistert zustimmte, zeigten sich die Vertreter der Medien überhaupt nicht angetan - auf diese Weise ginge ihnen doch nur jede Menge Auflage, Quote und damit Umsatz im erlebnisarmen Sommerloch durch die Lappen. Doch da konnten der Polizeipräsident gegenhalten: Statt Punks würden eben diesen Sommer Neonazis als Sau durchs Dorf gejagt, er könne dank seiner Kontakte zum BKA dafür sorgen, daß die Nazi-Szene ein paar für die Medien verwertbare Vorfälle produziere. Da könne man dann ja z.B. "Berufsverbot für Neonazis" fordern, stimmte der Verteter der BILD-Zeitung sofort zu und versprach, auf diese Kamapagne einzusteigen. Als schließlich Birgit Breuel noch finanzielle Unterstützung für die technische und progagandistische Umsetzung versprach, war der "Pakt gegen Gewalt - Für Chaos-Tage im Internet" perfekt.

Anfang letzter Woche ging das Spektakel mit einigen witzigen virtuellen Aktionen los: Erste Punks und Beamte loggten sich in den aufwendig gestalteten Chaos-Tage-Cyberspace ein. Während die Punks eine ständige Party auf wiese@opernplatz.de feierten, schützte die virtuelle Polizei die Site www.juden-mahnmal,opernplatz.de vor Urinviren der Hacker-Punks. Das Webportal www.hauptbahnhof.de wurde bestens von einer extrem kundenfreundlichen Firewall geschützt, die ankommende Punks sofort auf eine andere Web-Route umleitete, wo sie kaum Schaden anrichten konnten.

Auf www.georgengarten.de in scheinbarer Sicherheit, wurden dort ab Freitag extrem leistungsfähige Punk-Scanner eingesetzt, die auf Punk-Cluster ab 40 Einheiten kalibriert waren. Per kessel@georgengarten.de wurden die aufgespürten destruktiven Elemente zuerst isoliert und dann unwiderbringlich gelöscht.

Nach Mitternacht gelang es den Punk-Mitspielern dann aber doch, eine sehr große Gruppe auf www.nordstadt de zu bilden. Über 200 Hacker war der Einbruch in den eigentlich bestens geschützen Chatroom von www.lutherkirche.de gelungen, und alle Versuche der Cyberspace-Cops, den virtuellen Pöbel zu unüberlegten Crack-Attacken zu verleiten, scheiterten kläglich. Als sich die Cops zu einer Reorganisation ihrer Datenbank zurückzogen, feierten die Punks ihren Erfolg. Die Band "Jugendrente" schickte ihren Song "Unbekannter Affe" als mp3-Datei ins Netz, worauf der virtuelle Mob schnell noch lagerfauer@asphalt.de initialisierte und den Ticker "saufen, saufen, jeden Tag nur saufen!" auf der Chaos-Tage-Site anbrachte. Bald darauf rasten einige pflastersteine@chaos-tage.de in fensterscheibe@spielothek.de und zerstörten die dortige Software.

Die Polizei war schnell zur Stelle, konnte ihrer Gegner allerdings nicht habhaft werden. Schnell kam von oberster Stelle der Befehl, den kompletten Server www.nordstadt.de abzuschalten, um insbesondere größere Schäden an der Hardware zu vermeiden. Auf diese Weise wurden über 150 Punks, die sich nicht rechtzeitig auf anderen Rechnern in Sicherheit bringen konnten, gelöscht und somit aus dem Spiel entfernt.

Am nächsten Tag versammelten sich dann gegen Mittag wieder 200 Punks dank der technischen Hilfe von studenten@linksruck.de auf einer virtuellen Antifa-Demo. Ein wirklich guter Trick: Die Punks machten sich damit die von Klosas Verbindungsleuten initiierte Nazi-Hysterie zunutze und konnten sich in dem geschützen Modul namens antifa4apache reorganisieren.

Als am Abend die Party mit großartigem Sponsoring von realaudio endlich losging, war die Stimmung bestens. 250 Punks waren im local area network (LAN) von www.sprengel.de versammelt, und es wurden ständig mehr, weil sich laufend neue Spielteilnehmer registrieren ließen. Angesichts der bislang erlittenen rund 300 Verlusteinheiten hofften viele Spielteilnehmer, daß sich die Cops mit ihrem bisherigen Punktevorsprung zufriedengeben würden. Da der Polizei-Spielleiter aber unbedingt den HighScore knacken wollten, setzte er schon bald die leistungsfähigen Internet-Profis von schlaeger@bgs.de in Marsch.

Es begannen verzweifelte Versuche, eine eigene Firewall zu installieren, aber die benutzte Hardware erwies sich als nicht leistungsfähig genug, um den gegnerischen D.o.S.-Attacken standzuhalten. Drei verschiedene Accounts von wasserwerfer@polizei.de begannen Verbindung zu barrikade@schaufelder.de aufzunehmenund löschten alle Mails und Attachments. www.sprengel.de wurde von feindlicher Agent-Software geflutet, und nach einem Ultimatum ergaben sich die Punk-Gegenspieler, die wie gehabt anschließend gelöscht wurden. Lediglich das Wartungspersonal von www.sprengel.de dufte nach erfolgtem Virenscan zumindest als passiver Beobachter weiter das Spiel verfolgen, mußten dabei allerdings ihren Server vom Netz nehmen.

Die Annahme, daß die virtuellen Chaos-Tage nun endgültig zugunsten der Polizei entschieden und damit vorbei seien, erwies sich als falsch. Einige Punks waren nämlich der Löschung ihrer Software entkommen, hatten auf www.chaos-tage-bremen.de ein weiteres virtuelles Spielfeld eröffnet und begannen hier eine ausgelassene Party. Eine andere noch in Hannover verbliebene Gruppe hatte sich auf hiphopparty@schneiderberg.de geflüchtet. Als die Polizei hier ihrer Gegner habhaft werden sollte, eskalierte die Situation auf von vielen Internet Kennern vorhergesagte Weise: Hunderte Hip-Hopper ließen sich fürs Spiel registrieren und deckten transferierende Mails von fahrzeug@polizei.de mit flaschenwurf@hiphop.de ein. Die Stimmung war bestens, und die Polizei fand keine Möglichkeit, den Server www.hiphop.de zu entern, ohne auch Schäden an dem für sie um jeden Preis zu schützenden Server www.image.expo2000.de anzurichten. Obwohl sich daraufhin viele Polizeikräfte zurückzogen, um sich mit ihrem Punktevorsprung zufriedenzugeben, geschah es immer wieder, daß unerfahrene Mitspieler aus den Reihen der Polizei aus Versehen die Route über den Hip-Hop-Server nahmen und dabei kräftige Blessuren einsteckten. Die Demoralisierung dieser Cyber-Cops war dabei unabsehbar.

Nach dem Ende der virtuellen Chaos-Tage zeigten sich insbesondere die Betreiber sehr zufrieden mit dem Ergebnis: Alles sei nach Plan verlaufen und es sei eine Inszenierung der Extraklasse gewesen: Es waren die ersten Chaos-Tage im Internet! Dadurch konnten die potentiellen echten Chaos-Tage-Besucher zu Hause an ihren Bildschirmen gefesselt werden und dabei die vielen Freibierpartys, Auseinandersetzungen zwischen Punks und der Polizei, Barrikadenbauten, das Überschlagen der Chaos-Tage auf andere Bevölkerungsgruppen usw. mitverfolgen. So wurden mögliche Gewalttäter auf innovative Weise kaltgestellt - eine Methode, von der bei anderen Konflikten wie etwa dem in Ex-Jugoslawien nur gelernt werden kann.

Irritierend allerdings, daß nun doch einige Sender und Zeitungen die vereinbarten Regeln des Paktes brechen, obwohl sie für ihre Mitarbeit gut bezahlt wurden. Nun werden angebliche Polizeieinsätze, Barrikaden und randalierende Punks erfunden, obwohl doch insbesondere die Bewohner Hannovers wissen, daß all dies freie Erfindungen sind. Groteskerweise wird das mit der auf dieser Seite veröffentlichten Spieldokumentation zu belegen versucht.

Wir finden es unverantwortlich, daß auf diese Weise weiterer realer Gewalt Vorschub geleistet wird, obwohl doch alle am Pakt Beteiligten wissen müssten, daß durch eine derartige Medienberichterstattung potentielle Gewalttäter nur zu weiteren Brutalitäten ermutigt werden.

Hannover aber war an diesem Wochenende die ruhigste Stadt Deutschlands, weil der geschlossene Pakt konsequent umgesetzt wurde. Allemal ein paar verirrte Punks, die die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt haben, waren in Hannover anzutreffen und scheiterten mangels Masse. Auch die Polizei saß nicht in ihren Einsatzwagen, sondern vor dem Computer und spielte mit im tollen Chaos-Tage-Cyberspace.

Denn wie titelte die "Hannoversche Allgemeine Zeitung" so schön am Freitag: "Chaos-Tage finden nur noch im Internet statt".

Alles andere ist eine plumpe Lüge. Daran sollten Sie stets denken...

Ach ja: Im Jahre 2022 gibts wieder Chaos-Tage. Dann allerdings NICHT mehr im Internet, sondern wieder in den Straßen von Hannover. Frei nach dem Film-Klassiker "Soylent Green" (deutscher Titel: "Jahr 2022 - die überleben wollen!"), der in einer Zeit spielt, in der die Welt zwar ein einziger Dreckshaufen ist und der Pöbel nicht im mindesten Zugang zu modernen technischen Errungenschaften wie dem Internet hat, aber die Menschen zu leckeren Plätzchen verarbeitet werden. That's Punk, friends!

redaktion, Hannover

 

 
  Sorry,
das kann noch dauern...
-kn-
 
 
   
 
 
 
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