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Schöne Verarschung!
Nach umfangreichen Hamsterkäufen letzte Woche hab ich mich 3 Tage in meiner Wohnung in Linden verbarrikadiert, um heil über die Chaostage zu kommen. Nach der Entwarnung heute am Sonntag um 16:08 h, alles sei nur virtuell getürkt gewesen und es gäbe gar keine Chaostage, hab ich mich totgelacht und mich auf mein Rad geschwungen, um im Georgengarten ein bißchen was frische Luft zu tanken. Prompt geriet ich voll ins real existierende Chaos.
Schon auf der Dornröschenbrücke blieb ich in einem Pulk Punker stecken, die volltrunken am Geländer hingen und sich einen Weitpinkelwettbewerb lieferten. Weil über die ganze Brücke leer gesoffene Bierdosen kollerten, mußte ich absteigen und mir in einem kafkaesken Spießrutenlauf durch eine wild pöbelnde Horde hemmungslos in die Leine schiffender Chaoten einen Weg auf die andere Seite bahnen. Das entsprach ungefähr dem, was ich eigentlich vermeiden wollte.
Schweißnaß radelte ich dann an der Schrebergartenkolonie entlang, aus der deftige Blasmusik ertönte. Nach nicht mal fünfzig Metern schwappte mir ein Riesenrudel brüllender Punker entgegen, auf der Flucht vor einer Hundertschaft Bullen. Panisch bog ich in die Schrebergärten ab und geriet mitten in eine Bande stinkbesoffener Schützenfesttypen mit Blasinstrumenten, hinter mir eine Armada nicht minder vollgeknallter Punks. Augenblicklich kam es zu einer wüsten Prügelei, auf die die Ankunft der Bullen nicht eben deeskalierend wirkte. Ich versteckte mich in einer Regentonne und fing an zu beten.
Irgendwann im Getümmel kippte die Tonne um und ich wurde ins Gebüsch gespült, von wo aus ich mühselig aus der Gefahrenzone robbte. Mit Beulen und ohne Fahrrad kam ich schließlich im Georgengarten an. In einem Meer zerbeulter Dosen lagen überall reglose Gestalten rum, keine Ahnung, ob schlafend, vertrimmt, zugedröhnt oder tot, schemenhaft torkelten noch ein paar Übriggebliebene durch die Rauchschwaden.
Mit einem Mal packte mich ein rußgeschwärzter Irokese am Kragen. Nur die Beteuerung, ich würde in einem Ganzkörperkostüm stecken und eigentlich Prollo heißen, hielt den Kerl davon ab, mir seine Bierdose über den Schädel zu ziehen. Leutselig bot er mir einen Schluck an und stellte sich als Kanalratt aus Kaiserslautern vor.
Er berichtete mir von der wilden Orgie gestern Nacht hier im Park, „die voll geile Georgienorgie", die sicherlich in die Annalen der Chaostage eingehen würde. „Wir ham sogar die Buletten angebaggert", verklickerte er mir, „heiße Bräute und ..."
Der Rest seiner Rede ging im Lärm des Hubschraubers unter, der vor uns auf der großen Wiese landete. Mit der Nase im Gras kam ich mir vor wie in Vietnam.
Drüben stiegen zwei Typen aus, ich traute meinen Augen kaum, waren das nicht der Klosa und der Nagel?
„Mensch, kuckma, der Karl", meinte Kanalratt.
„Was macht ´n der hier?" staunte ich.
„Der verarscht garantiert wieder alle!"
Allmählich fragte ich mich nur, wen eigentlich. Die beiden am Hubschrauber waren offenbar glänzend aufgelegt, gerade kippten sie eine Lüttje Lage.
Kanalratt rülpste herzhaft. „Scheiße, ich hab Durst, wa!" Also machten wir uns vom Acker, hinter uns stieg der Hubschrauber wieder in den qualmverhangenen Himmel.
An der nächstbesten Haltestelle verabschiedete ich mich von meinem neuen Kumpel, so langsam hatte ich die Schnauze voll.
Drei Haltestellen weiter kaperte eine Punkerhorde die Straßenbahn und schmiß den Fahrer raus. Ich ergab mich in mein Schicksal und ließ mich mit ihnen voll laufen, keine Ahnung, wer das Ding eigentlich steuerte, jedenfalls hielten wir an auch nicht nur einer einzigen Ampel. Draußen sorgten 5 Streifen- und 3 Mannschaftswagen für Geleitschutz. An der Endstation enterten uns die Bullen und nahmen alle fest, aber die Punks zückten Presseausweise und gaben an, sie seien von RTL und das Ganze eine PR-Aktion für die Expo, womöglich stimmte das sogar, festgenommen wurden sie trotzdem. Ich geriet an zwei Deppen in Uniform, denen ich weismachte, ich würde in einem Ganzkörperkostüm stecken und eigentlich Wachtmeister Hotzenplotz heißen, woraufhin sie mich in ihrer Karre nach Hause fuhren.
Endlich daheim, aber gut find ich das nicht, so verarscht zu werden, echt nicht.
Ja Jungs, so sieht die Realität aus, knallhart, nix virtuell!!
Störenfried, Hannover
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